File talk:Lessing Nathan.pdf
LaTeX source
Frontmatter
Extended content |
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\begin{document}
\titlepage
\begin{center}
$\;$
\vfill
{\large\bf Gotthold Ephraim Lessing}
\vfill
{\Huge\bf Nathan der Weise}
\vfill
{\large\sl Ein dramatisches Gedicht in f\"unf Aufz\"ugen}
\vfill
{\large\sl 1779}
\vfill
$\;$
\end{center}
\newpage
\titlepage
{\large\bf Personen} \\
Sultan \pers{Saladin}
\pers{Sittah}, dessen Schwester
\pers{Nathan}, ein reicher Jude in Jerusalem
\pers{Recha}, dessen angenommene Tochter
\pers{Daja}, eine Christin, aber in dem Hause des Juden, als Gesellschafterin der Recha
Ein junger \pers{Tempelherr}
Ein \pers{Derwisch}
Der \pers{Patriarch} von Jerusalem
Ein \pers{Klosterbruder}
Ein \pers{Emir} nebst verschiednen \pers{Mamelucken} des Saladin \\
Die Szene ist in Jerusalem.
\vfill
{\large\bf Aufz\"uge und Auftritte}
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\begin{itemize}
\setlength{\itemsep}{0ex}
\item[\bf I:] ~
\REF{I}{1} $\cdot$
\REF{I}{2} $\cdot$
\REF{I}{3} $\cdot$
\REF{I}{4} $\cdot$
\REF{I}{5} $\cdot$
\REF{I}{6}
\item[\bf II:] ~
\REF{II}{1} $\cdot$
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\item[\bf III:] ~
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\item[\bf IV:] ~
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\item[\bf V:] ~
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\REF{V}{2} $\cdot$
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\REF{V}{4} $\cdot$
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\REF{V}{7} $\cdot$
\REF{V}{8}
\end{itemize}
\vfill
{\bf Textvorlage:}
Karl Lachmann (Hrsg.).
{\em Gotthold Ephraim Lessings s\"amtliche Schriften.}
3.\ Auflage, Bd.\ 3.
G\"oschen, Stuttgart 1887.
\newpage
|
1. Aufzug
Extended content |
|---|
\Aufzug{Erster Aufzug}
\Auftritt{Erster Auftritt}
\descrA{{\bf Szene:} Flur in Nathans Hause.}
\descrB{\pers{Nathan} {\em von der Reise kommend}. \pers{Daja} {\em ihm entgegen}.}
\txtH{Daja}{ Er ist es! Nathan! --- Gott sei ewig Dank,}
\txtB{Dass Ihr doch endlich einmal wiederkommt.}
\txtH{Nathan}{ Ja, Daja; Gott sei Dank! Doch warum {\em endlich}?}
\txtB{Hab ich denn eher wiederkommen wollen?}
\txtB{Und wiederkommen k\"onnen? Babylon}
\txtB{Ist von Jerusalem, wie ich den Weg,}
\txtB{Seitab bald rechts, bald links, zu nehmen bin}
\txtB{Gen\"otigt worden, gut zweihundert Meilen;}
\txtB{Und Schulden einkassieren, ist gewiss}
\lino{10}%
\txtB{Auch kein Gesch\"aft, das merklich f\"odert, das}
\txtB{So von der Hand sich schlagen l\"asst.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ O Nathan,}
\txtB{Wie elend, elend h\"attet Ihr indes}
\txtB{Hier werden k\"onnen! Euer Haus \ldots}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das brannte.}
\txtB{So hab ich schon vernommen. --- Gebe Gott,}
\txtB{Dass ich nur alles schon vernommen habe!}
\txtH{Daja}{ Und w\"are leicht von Grund aus abgebrannt.}
\txtH{Nathan}{ Dann, Daja, h\"atten wir ein neues uns}
\txtB{Gebaut; und ein bequemeres.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Schon wahr! ---}
\txtB{Doch {\em Recha} w\"ar bei einem Haare mit}
\lino{20}%
\txtB{Verbrannt.}
\txtH{Nathan}{ ~~~ Verbrannt? Wer? meine Recha? sie? ---}
\txtB{Das hab ich nicht geh\"ort. --- Nun dann! So h\"atte}
\txtB{Ich keines Hauses mehr bedurft. --- Verbrannt}
\txtB{Bei einem Haare! --- Ha! sie ist es wohl!}
\txtB{Ist wirklich wohl verbrannt! --- Sag nur heraus!}
\txtB{Heraus nur! --- T\"ote mich: und martre mich}
\txtB{Nicht l\"anger. --- Ja, sie ist verbrannt.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wenn sie}
\txtB{Es w\"are, w\"urdet Ihr von mir es h\"oren?}
\txtH{Nathan}{ Warum erschreckest du mich denn? --- O Recha!}
\txtB{O meine Recha!}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Eure? Eure Recha?}
\lino{30}%
\txtH{Nathan}{ Wenn ich mich wieder je entw\"ohnen m\"usste,}
\txtB{Dies Kind mein Kind zu nennen!}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nennt Ihr alles,}
\txtB{Was Ihr besitzt, mit ebenso viel Rechte}
\txtB{Das Eure?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~ Nichts mit gr\"o\3erm! Alles, was}
\txtB{Ich sonst besitze, hat Natur und Gl\"uck}
\txtB{Mir zugeteilt. Dies Eigentum allein}
\txtB{Dank ich der Tugend.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ O wie teuer lasst}
\txtB{Ihr Eure G\"ute, Nathan, mich bezahlen!}
\txtB{Wenn G\"ut', in solcher Absicht ausge\"ubt,}
\txtB{Noch G\"ute hei\3en kann!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ In solcher Absicht?}
\txtB{In welcher?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~ Mein Gewissen \ldots}
\lino{40}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Daja, lass}
\txtB{Vor allen Dingen dir erz\"ahlen \ldots}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Mein}
\txtB{Gewissen, sag ich \ldots}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was in Babylon}
\txtB{F\"ur einen sch\"onen Stoff ich dir gekauft.}
\txtB{So reich, und mit Geschmack so reich! Ich bringe}
\txtB{F\"ur Recha selbst kaum einen sch\"onern mit.}
\txtH{Daja}{ Was hilft's? Denn mein Gewissen, muss ich Euch}
\txtB{Nur sagen, l\"asst sich l\"anger nicht bet\"auben.}
\txtH{Nathan}{ Und wie die Spangen, wie die Ohrgehenke,}
\txtB{Wie Ring und Kette dir gefallen werden,}
\lino{50}%
\txtB{Die in Damaskus ich dir ausgesucht:}
\txtB{Verlanget mich zu sehn.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So seid Ihr nun!}
\txtB{Wenn Ihr nur schenken k\"onnt! nur schenken k\"onnt!}
\txtH{Nathan}{}
\txtB{Nimm du so gern, als ich dir geb: --- und schweig!}
\txtH{Daja}{}
\txtB{Und schweig! --- Wer zweifelt, Nathan, dass Ihr nicht}
\txtB{Die Ehrlichkeit, die Gro\3mut selber seid?}
\txtB{Und doch \ldots}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~ Doch bin ich nur ein Jude. --- Gelt,}
\txtB{Das willst du sagen?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was ich sagen will,}
\txtB{Das wisst Ihr besser.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun so schweig!}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich schweige.}
\txtB{Was Str\"afliches vor Gott hierbei geschieht,}
\lino{60}%
\txtB{Und ich nicht hindern kann, nicht \"andern kann, ---}
\txtB{Nicht kann, --- komm' \"uber Euch!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Komm' \"uber mich! ---}
\txtB{Wo aber ist sie denn? wo bleibt sie? --- Daja,}
\txtB{Wenn du mich hintergehst! --- Wei\3 Sie es denn,}
\txtB{Dass ich gekommen bin?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das frag ich Euch!}
\txtB{Noch zittert ihr der Schreck durch jede Nerve.}
\txtB{Noch malet Feuer ihre Phantasie}
\txtB{Zu allem, was sie malt. Im Schlafe wacht,}
\txtB{Im Wachen schl\"aft ihr Geist: halb weniger}
\txtB{Als Tier, bald mehr als Engel.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Armes Kind!}
\txtB{Was sind wir Menschen!}
\lino{70}%
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Diesen Morgen lag}
\txtB{Sie lange mit verschlossnem Aug', und war}
\txtB{Wie tot. Schnell fuhr sie auf, und rief: ``Horch! horch!}
\txtB{Da kommen die Kamele meines Vaters!}
\txtB{Horch! seine sanfte Stimme selbst!'' --- Indem}
\txtB{Brach sich ihr Auge wieder: und ihr Haupt,}
\txtB{Dem seines Armes St\"utze sich entzog,}
\txtB{St\"urzt auf das K\"ussen. --- Ich, zur Pfort' hinaus!}
\txtB{Und sieh: da kommt Ihr wahrlich! kommt Ihr wahrlich! ---}
\txtB{Was Wunder! ihre ganze Seele war}
\txtB{Die Zeit her nur bei Euch --- und ihm. ---}
\lino{80}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Bei ihm?}
\txtB{Bei welchem Ihm?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Bei ihm, der aus dem Feuer}
\txtB{Sie rettete.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~ Wer war das? wer? --- Wo ist er?}
\txtB{Wer rettete mir meine Recha? wer?}
\txtH{Daja}{ Ein junger Tempelherr, den, wenig Tage}
\txtB{Zuvor, man hier gefangen eingebracht,}
\txtB{Und Saladin begnadigt hatte.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie?}
\txtB{Ein Tempelherr, dem Sultan Saladin}
\txtB{Das Leben lie\3? Durch ein geringres Wunder}
\txtB{War Recha nicht zu retten? Gott!}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ohn ihn,}
\lino{90}%
\txtB{Der seinen unvermuteten Gewinst}
\txtB{Frisch wieder wagte, war es aus mit ihr.}
\txtH{Nathan}{ Wo ist er, Daja, dieser edle Mann? ---}
\txtB{Wo ist er? F\"uhre mich zu seinen F\"u\3en.}
\txtB{Ihr gabt ihm doch vors Erste, was an Sch\"atzen}
\txtB{Ich euch gelassen hatte? gabt ihm alles?}
\txtB{Verspracht ihm mehr? weit mehr?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie konnten wir?}
\txtH{Nathan}{ Nicht? nicht?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Er kam, und niemand wei\3 woher.}
\txtB{Er ging, und niemand wei\3 wohin. --- Ohn alle}
\txtB{Des Hauses Kundschaft, nur von seinem Ohr}
\lino{100}%
\txtB{Geleitet, drang, mit vorgespreiztem Mantel,}
\txtB{Er k\"uhn durch Flamm' und Rauch der Stimme nach,}
\txtB{Die uns um H\"ulfe rief. Schon hielten wir}
\txtB{Ihn f\"ur verloren, als aus Rauch und Flamme}
\txtB{Mit eins er vor uns stand, im starken Arm}
\txtB{Empor sie tragend. Kalt und unger\"uhrt}
\txtB{Vom Jauchzen unsers Danks, setzt seine Beute}
\txtB{Er nieder, dr\"angt sich unters Volk und ist ---}
\txtB{Verschwunden!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~ Nicht auf immer, will ich hoffen.}
\txtH{Daja}{ Nachher die ersten Tage sahen wir}
\lino{110}%
\txtB{Ihn untern Palmen auf und nieder wandeln,}
\txtB{Die dort des Auferstandnen Grab umschatten.}
\txtB{Ich nahte mich ihm mit Entz\"ucken, dankte,}
\txtB{Erhob, entbot, beschwor, --- nur einmal noch}
\txtB{Die fromme Kreatur zu sehen, die}
\txtB{Nicht ruhen k\"onne, bis sie ihren Dank}
\txtB{Zu seinen F\"u\3en ausgeweinet.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun?}
\txtH{Daja}{ Umsonst! Er war zu unsrer Bitte taub;}
\txtB{Und goss so bittern Spott auf mich besonders \ldots}
\txtH{Nathan}{ Bis dadurch abgeschreckt \ldots}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nichts weniger!}
\lino{120}%
\txtB{Ich trat ihn jeden Tag von neuem an;}
\txtB{Lie\3 jeden Tag von neuem mich verh\"ohnen.}
\txtB{Was litt ich nicht von ihm! Was h\"att ich nicht}
\txtB{Noch gern ertragen! --- Aber lange schon}
\txtB{Kommt er nicht mehr, die Palmen zu besuchen,}
\txtB{Die unsers Auferstandnen Grab umschatten;}
\txtB{Und niemand wei\3, wo er geblieben ist. ---}
\txtB{Ihr staunt? Ihr sinnt?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich \"uberdenke mir,}
\txtB{Was das auf einen Geist, wie Rechas, wohl}
\txtB{F\"ur Eindruck machen muss. Sich so verschm\"aht}
\lino{130}%
\txtB{Von dem zu finden, den man hochzusch\"atzen}
\txtB{Sich so gezwungen f\"uhlt; so weggesto\3en,}
\txtB{Und doch so angezogen werden; --- Traun,}
\txtB{Da m\"ussen Herz und Kopf sich lange zanken,}
\txtB{Ob Menschenhass, ob Schwermut siegen soll.}
\txtB{Oft siegt auch keines; und die Phantasie,}
\txtB{Die in den Streit sich mengt, macht Schw\"armer,}
\txtB{Bei welchen bald der Kopf das Herz, und bald}
\txtB{Das Herz den Kopf muss spielen. --- Schlimmer Tausch! ---}
\txtB{Das Letztere, verkenn ich Recha nicht,}
\txtB{Ist Rechas Fall: sie schw\"armt.}
\lino{140}%
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Allein so fromm,}
\txtB{So liebensw\"urdig!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ist doch auch geschw\"armt!}
\txtH{Daja}{ Vornehmlich Eine --- Grille, wenn Ihr wollt,}
\txtB{Ist ihr sehr wert. Es sei ihr Tempelherr}
\txtB{Kein irdischer und keines irdischen;}
\txtB{Der Engel einer, deren Schutze sich}
\txtB{Ihr kleines Herz, von Kindheit auf, so gern}
\txtB{Vertrauet glaubte, sei aus seiner Wolke,}
\txtB{In die er sonst verh\"ullt, auch noch im Feuer,}
\txtB{Um sie geschwebt, mit eins als Tempelherr}
\lino{150}%
\txtB{Hervorgetreten. --- L\"achelt nicht! --- Wer wei\3?}
\txtB{Lasst l\"achelnd wenigstens ihr einen Wahn,}
\txtB{In dem sich Jud' und Christ und Muselmann}
\txtB{Vereinigen; --- so einen s\"u\3en Wahn!}
\txtH{Nathan}{ Auch mir so s\"u\3! --- Geh, wackre Daja, geh;}
\txtB{Sieh, was sie macht; ob ich sie sprechen kann. ---}
\txtB{Sodann such ich den wilden, launigen}
\txtB{Schutzengel auf. Und wenn ihm noch beliebt,}
\txtB{Hiernieden unter uns zu wallen; noch}
\txtB{Beliebt, so ungesittet Ritterschaft}
\lino{160}%
\txtB{Zu treiben: find ich ihn gewiss; und bring}
\txtB{Ihn her.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~ Ihr unternehmet viel.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Macht dann}
\txtB{Der s\"u\3e Wahn der s\"u\3ern Wahrheit Platz: ---}
\txtB{Denn, Daja, glaube mir; dem Menschen ist}
\txtB{Ein Mensch noch immer lieber, als ein Engel ---}
\txtB{So wirst du doch auf mich, auf mich nicht z\"urnen,}
\txtB{Die Engelschw\"armerin geheilt zu sehn?}
\txtH{Daja}{ Ihr seid so gut, und seid zugleich so schlimm!}
\txtB{Ich geh! --- Doch h\"ort! doch seht! --- Da kommt sie selbst.}
\Auftritt{Zweiter Auftritt}
\descrA{\pers{Recha} {\em und die} \pers{vorigen}.}
\txtH{Recha}{ So seid Ihr es doch ganz und gar, mein Vater?}
\lino{170}%
\txtB{Ich glaubt, Ihr h\"attet Eure Stimme nur}
\txtB{Vorausgeschickt. Wo bleibt Ihr? Was f\"ur Berge,}
\txtB{F\"ur W\"usten, was f\"ur Str\"ome trennen uns}
\txtB{Denn noch? Ihr atmet Wand an Wand mit ihr,}
\txtB{Und eilt nicht, Eure Recha zu umarmen?}
\txtB{Die arme Recha, die indes verbrannte! ---}
\txtB{Fast, fast verbrannte! Fast nur. Schaudert nicht!}
\txtB{Es ist ein garst'ger Tod, verbrennen. O!}
\txtH{Nathan}{ Mein Kind! mein liebes Kind!}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ihr musstet \"uber}
\txtB{Den Euphrat, Tigris, Jordan; \"uber --- wer}
\lino{180}%
\txtB{Wei\3 was f\"ur Wasser all? --- Wie oft hab ich}
\txtB{Um Euch gezittert, eh das Feuer mir}
\txtB{So nahe kam! Denn seit das Feuer mir}
\txtB{So nahe kam: d\"unkt mich im Wasser sterben}
\txtB{Erquickung, Labsal, Rettung. --- Doch Ihr seid}
\txtB{Ja nicht ertrunken: ich, ich bin ja nicht}
\txtB{Verbrannt. Wie wollen wir uns freun, und Gott,}
\txtB{Gott loben! Er, er trug Euch und den Nachen}
\txtB{Auf Fl\"ugeln seiner {\em unsichtbaren} Engel}
\txtB{Die ungetreuen Str\"om' hin\"uber. Er,}
\lino{190}%
\txtB{Er winkte meinem Engel, dass er {\em sichtbar}}
\txtB{Auf seinem wei\3en Fittiche, mich durch}
\txtB{Das Feuer tr\"uge ---}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~(Wei\3em Fittiche!}
\txtB{Ja, ja! der wei\3e vorgespreizte Mantel}
\txtB{Des Tempelherrn.)}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Er sichtbar, sichtbar mich}
\txtB{Durchs Feuer tr\"ug, von seinem Fittiche}
\txtB{Verweht. --- Ich also, ich hab einen Engel}
\txtB{Von Angesicht zu Angesicht gesehn;}
\txtB{Und {\em meinen} Engel.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Recha w\"ar es wert;}
\txtB{Und w\"urd an ihm nichts Sch\"onres sehn, als er}
\txtB{An ihr.}
\txtH{Recha \textcolor{cDescr}{\em (l\"achelnd)}.}{}
\lino{200}%
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wem schmeichelt Ihr, mein Vater? wem?}
\txtB{Dem Engel, oder Euch?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Doch h\"att auch nur}
\txtB{Ein Mensch --- ein Mensch, wie die Natur sie t\"aglich}
\txtB{Gew\"ahrt, dir diesen Dienst erzeigt; er m\"usste}
\txtB{F\"ur dich ein Engel sein. Er m\"usst und w\"urde.}
\txtH{Recha}{ Nicht so ein Engel; nein! ein wirklicher;}
\txtB{Es war gewiss ein wirklicher! --- Habt Ihr,}
\txtB{Ihr selbst die M\"oglichkeit, dass Engel sind,}
\txtB{Dass Gott zum Besten derer, die ihn lieben,}
\txtB{Auch Wunder k\"onne tun, mich nicht gelehrt?}
\lino{210}%
\txtB{Ich lieb ihn ja.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~ Und er liebt dich; und tut}
\txtB{F\"ur dich, und deinesgleichen, st\"undlich Wunder;}
\txtB{Ja, hat sie schon von aller Ewigkeit}
\txtB{F\"ur euch getan.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das h\"or ich gern.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie? weil}
\txtB{Es ganz nat\"urlich, ganz allt\"aglich kl\"ange,}
\txtB{Wenn dich ein eigentlicher Tempelherr}
\txtB{Gerettet h\"atte: sollt es darum weniger}
\txtB{Ein Wunder sein? --- Der Wunder h\"ochstes ist,}
\txtB{Dass uns die wahren, echten Wunder so}
\txtB{Allt\"aglich werden k\"onnen, werden sollen.}
\lino{220}%
\txtB{Ohn dieses allgemeine Wunder, h\"atte}
\txtB{Ein Denkender wohl schwerlich Wunder je}
\txtB{Genannt, was Kindern blo\3 so hei\3en m\"usste,}
\txtB{Die gaffend nur das Ungew\"ohnlichste,}
\txtB{Das Neuste nur verfolgen.}
\txtI{Daja}{zu Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wollt Ihr denn}
\txtB{Ihr ohnedem schon \"uberspanntes Hirn}
\txtB{Durch solcherlei Subtilit\"aten ganz}
\txtB{Zersprengen?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~ Lass mich! --- Meiner Recha w\"ar}
\txtB{Es Wunders nicht genug, dass sie ein {\em Mensch}}
\txtB{Gerettet, welchen selbst kein kleines Wunder}
\lino{230}%
\txtB{Erst retten m\"ussen? Ja, kein kleines Wunder!}
\txtB{Denn wer hat schon geh\"ort, dass Saladin}
\txtB{Je eines Tempelherrn verschont? dass je}
\txtB{Ein Tempelherr von ihm verschont zu werden}
\txtB{Verlangt? gehofft? ihm je f\"ur seine Freiheit}
\txtB{Mehr als den ledern Gurt geboten, der}
\txtB{Sein Eisen schleppt; und h\"ochstens seinen Dolch?}
\txtH{Recha}{ Das schlie\3t f\"ur mich, mein Vater. --- Darum eben}
\txtB{War das kein Tempelherr; er schien es nur. ---}
\txtB{K\"ommt kein gefangner Tempelherr je anders}
\lino{240}%
\txtB{Als zum gewissen Tode nach Jerusalem;}
\txtB{Geht keiner in Jerusalem so frei}
\txtB{Umher: wie h\"atte mich des Nachts freiwillig}
\txtB{Denn einer retten k\"onnen?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Sieh! wie sinnreich.}
\txtB{Jetzt, Daja, nimm das Wort. Ich hab es ja}
\txtB{Von dir, dass er gefangen hergeschickt}
\txtB{Ist worden. Ohne Zweifel wei\3t du mehr.}
\txtH{Daja}{ Nun ja. --- So sagt man freilich; --- doch man sagt}
\txtB{Zugleich, dass Saladin den Tempelherrn}
\txtB{Begnadigt, weil er seiner Br\"uder einem,}
\lino{250}%
\txtB{Den er besonders lieb gehabt, so \"ahnlich sehe.}
\txtB{Doch da es viele zwanzig Jahre her,}
\txtB{Dass dieser Bruder nicht mehr lebt, --- er hie\3,}
\txtB{Ich wei\3 nicht wie; --- er blieb, ich wei\3 nicht wo: ---}
\txtB{So klingt das ja so gar --- so gar unglaublich,}
\txtB{Dass an der ganzen Sache wohl nichts ist.}
\txtH{Nathan}{ Ei, Daja! Warum w\"are denn das so}
\txtB{Unglaublich? Doch wohl nicht --- wie's wohl geschieht ---}
\txtB{Um lieber etwas noch Unglaublichers}
\txtB{Zu glauben? --- Warum h\"atte Saladin,}
\lino{260}%
\txtB{Der sein Geschwister insgesamt so liebt,}
\txtB{In j\"ungern Jahren einen Bruder nicht}
\txtB{Noch ganz besonders lieben k\"onnen? --- Pflegen}
\txtB{Sich zwei Gesichter nicht zu \"ahneln? --- Ist}
\txtB{Ein alter Eindruck ein verlorner? --- Wirkt}
\txtB{Das N\"amliche nicht mehr das N\"amliche?}
\txtB{Seit wenn? --- Wo steckt hier das Unglaubliche? ---}
\txtB{Ei freilich, weise Daja, w\"ar's f\"ur dich}
\txtB{Kein Wunder mehr; und {\em deine} Wunder nur}
\txtB{Bed\"urf \ldots verdienen, will ich sagen, Glauben.}
\txtH{Daja}{ Ihr spottet.}
\lino{270}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~ Weil du meiner spottest. --- Doch}
\txtB{Auch so noch, Recha, bleibet deine Rettung}
\txtB{Ein Wunder, dem nur m\"oglich, der die strengsten}
\txtB{Entschl\"usse, die unb\"andigsten Entw\"urfe}
\txtB{Der K\"onige, sein Spiel --- wenn nicht sein Spott ---}
\txtB{Gern an den schw\"achsten F\"aden lenkt.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Mein Vater!}
\txtB{Mein Vater, wenn ich irr, Ihr wisst, ich irre}
\txtB{Nicht gern.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~ Vielmehr, du l\"asst dich gern belehren. ---}
\txtB{Sieh! eine Stirn, so oder so gew\"olbt;}
\txtB{Der R\"ucken einer Nase, so vielmehr}
\lino{280}%
\txtB{Als so gef\"uhret; Augenbraunen, die}
\txtB{Auf einem scharfen oder stumpfen Knochen}
\txtB{So oder so sich schl\"angeln; eine Linie,}
\txtB{Ein Bug, ein Winkel, eine Falt', ein Mal,}
\txtB{Ein Nichts, auf eines wilden Europ\"aers}
\txtB{Gesicht: --- und du entk\"ommst dem Feu'r, in Asien!}
\txtB{Das w\"ar kein Wunder, wunders\"ucht'ges Volk?}
\txtB{Warum bem\"uht ihr denn noch einen Engel?}
\txtH{Daja}{ Was schadet's --- Nathan, wenn ich sprechen darf ---}
\txtB{Bei alledem, von einem Engel lieber}
\lino{290}%
\txtB{Als einem Menschen sich gerettet denken?}
\txtB{F\"uhlt man der ersten unbegreiflichen}
\txtB{Ursache seiner Rettung nicht sich so}
\txtB{Viel n\"aher?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~ Stolz! und nichts als Stolz! Der Topf}
\txtB{Von Eisen will mit einer silbern Zange}
\txtB{Gern aus der Glut gehoben sein, um selbst}
\txtB{Ein Topf von Silber sich zu d\"unken. --- Pah! ---}
\txtB{Und was es schadet, fragst du? was es schadet?}
\txtB{Was hilft es? d\"urft ich nur hinwieder fragen. ---}
\txtB{Denn dein ``Sich Gott um so viel n\"aher f\"uhlen'',}
\lino{300}%
\txtB{Ist Unsinn oder Gottesl\"asterung. ---}
\txtB{Allein es schadet; ja, es schadet allerdings. ---}
\txtB{Kommt! h\"ort mir zu. --- Nicht wahr? dem Wesen, das}
\txtB{Dich rettete, --- es sei ein Engel oder}
\txtB{Ein Mensch, --- dem m\"ochtet ihr, und du besonders,}
\txtB{Gern wieder viele gro\3e Dienste tun? ---}
\txtB{Nicht wahr? --- Nun, einem Engel, was f\"ur Dienste,}
\txtB{F\"ur gro\3e Dienste k\"onnt ihr dem wohl tun?}
\txtB{Ihr k\"onnt ihm danken; zu ihm seufzen, beten;}
\txtB{K\"onnt in Entz\"uckung \"uber ihn zerschmelzen;}
\lino{310}%
\txtB{K\"onnt an dem Tage seiner Feier fasten,}
\txtB{Almosen spenden. --- Alles nichts. --- Denn mich}
\txtB{Deucht immer, dass ihr selbst und euer N\"achster}
\txtB{Hierbei weit mehr gewinnt, als er. Er wird}
\txtB{Nicht fett durch euer Fasten; wird nicht reich}
\txtB{Durch eure Spenden; wird nicht herrlicher}
\txtB{Durch eu'r Entz\"ucken; wird nicht m\"achtiger}
\txtB{Durch eu'r Vertraun. Nicht wahr? Allein ein Mensch!}
\txtH{Daja}{ Ei freilich h\"att ein Mensch, etwas f\"ur ihn}
\txtB{Zu tun, uns mehr Gelegenheit verschafft.}
\lino{320}%
\txtB{Und Gott wei\3, wie bereit wir dazu waren!}
\txtB{Allein er wollte ja, bedurfte ja}
\txtB{So v\"ollig nichts; war in sich, mit sich so}
\txtB{Vergn\"ugsam, als nur Engel sind, nur Engel}
\txtB{Sein k\"onnen.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~ Endlich, als er gar verschwand \ldots}
\txtH{Nathan}{ Verschwand? --- Wie denn verschwand? --- Sich untern Palmen}
\txtB{Nicht ferner sehen lie\3? --- Wie? oder habt}
\txtB{Ihr wirklich schon ihn weiter aufgesucht?}
\txtH{Daja}{ Das nun wohl nicht.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nicht, Daja? nicht? --- Da sieh}
\txtB{Nun was es schad't! --- Grausame Schw\"armerinnen! ---}
\lino{330}%
\txtB{Wenn dieser Engel nun --- nun krank geworden! \ldots}
\txtH{Recha}{ Krank!}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~ Krank! Er wird doch nicht!}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Welch kalter Schauer}
\txtB{Bef\"allt mich! --- Daja! --- Meine Stirne, sonst}
\txtB{So warm, f\"uhl! ist auf einmal Eis.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Er ist}
\txtB{Ein Franke, dieses Klimas ungewohnt;}
\txtB{Ist jung; der harten Arbeit seines Standes,}
\txtB{Des Hungerns, Wachens ungewohnt.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Krank! krank!}
\txtH{Daja}{ Das w\"are m\"oglich, meint ja Nathan nur.}
\txtH{Nathan}{ Nun liegt er da! hat weder Freund, noch Geld}
\txtB{Sich Freunde zu besolden.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ah, mein Vater!}
\lino{340}%
\txtH{Nathan}{ Liegt ohne Wartung, ohne Rat und Zusprach,}
\txtB{Ein Raub der Schmerzen und des Todes da!}
\txtH{Recha}{ Wo? wo?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~ Er, der f\"ur eine, die er nie}
\txtB{Gekannt, gesehn --- genug, es war ein Mensch ---}
\txtB{Ins Feu'r sich st\"urzte \ldots}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nathan, schonet ihrer!}
\txtH{Nathan}{ Der, was er rettete, nicht n\"aher kennen,}
\txtB{Nicht weiter sehen mocht, --- um ihm den Dank}
\txtB{Zu sparen \ldots}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Schonet ihrer, Nathan!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Weiter}
\txtB{Auch nicht zu sehn verlangt', --- es w\"are denn,}
\txtB{Dass er zum zweiten Mal es retten sollte ---}
\txtB{Denn g'nug, es ist ein Mensch \ldots}
\lino{350}%
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ H\"ort auf, und seht!}
\txtH{Nathan}{ Der, der hat sterbend sich zu laben, nichts ---}
\txtB{Als das Bewusstsein dieser Tat!}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ H\"ort auf!}
\txtB{Ihr t\"otet sie!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~ Und du hast ihn get\"otet! ---}
\txtB{H\"attst so ihn t\"oten k\"onnen. --- Recha! Recha!}
\txtB{Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche.}
\txtB{Er lebt! --- komm zu dir! --- ist auch wohl nicht krank;}
\txtB{Nicht einmal krank!}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Gewiss? --- nicht tot? nicht krank?}
\txtH{Nathan}{}
\txtB{Gewiss, nicht tot! --- Denn Gott lohnt Gutes, hier}
\txtB{Getan, auch hier noch. --- Geh! --- Begreifst du aber,}
\lino{360}%
\txtB{Wie viel {\em and\"achtig schw\"armen} leichter, als}
\txtB{{\em Gut handeln} ist? wie gern der schlaffste Mensch}
\txtB{And\"achtig schw\"armt, um nur, --- ist er zuzeiten}
\txtB{Sich schon der Absicht deutlich nicht bewusst ---}
\txtB{Um nur gut handeln nicht zu d\"urfen?}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ah,}
\txtB{Mein Vater! lasst, lasst Eure Recha doch}
\txtB{Nie wiederum allein! --- Nicht wahr, er kann}
\txtB{Auch wohl verreist nur sein? ---}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Geht! --- Allerdings. ---}
\txtB{Ich seh, dort mustert mit neugier'gem Blick}
\txtB{Ein Muselmann mir die beladenen}
\lino{370}%
\txtB{Kamele. Kennt ihr ihn?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ha! Euer Derwisch.}
\txtH{Nathan}{ Wer?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~ Euer Derwisch; Euer Schachgesell!}
\txtH{Nathan}{ Al-Hafi? das Al-Hafi?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Itzt des Sultans}
\txtB{Schatzmeister.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~ Wie? Al-Hafi? Tr\"aumst du wieder? ---}
\txtB{Er ist's! --- wahrhaftig, ist's! --- k\"ommt auf uns zu.}
\txtB{Hinein mit Euch, geschwind! --- Was werd ich h\"oren!}
\Auftritt{Dritter Auftritt}
\descrA{\pers{Nathan} {\em und der} \pers{Derwisch}.}
\txtH{Derwisch}{ Rei\3t nur die Augen auf, so weit Ihr k\"onnt!}
\txtH{Nathan}{ Bist du's? bist du es nicht? --- In dieser Pracht,}
\txtB{Ein Derwisch! \ldots}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun? warum denn nicht? L\"asst sich}
\txtB{Aus einem Derwisch denn nichts, gar nichts machen?}
\lino{380}%
\txtH{Nathan}{ Ei wohl, genug! --- Ich dachte mir nur immer,}
\txtB{Der Derwisch --- so der rechte Derwisch --- woll'}
\txtB{Aus sich nichts machen lassen.}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Beim Propheten!}
\txtB{Dass ich kein rechter bin, mag auch wohl wahr sein.}
\txtB{Zwar wenn man muss ---}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Muss! Derwisch! --- Derwisch muss?}
\txtB{Kein Mensch muss m\"ussen, und ein Derwisch m\"usste?}
\txtB{Was m\"usst er denn?}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~ Warum man ihn recht bittet,}
\txtB{Und er f\"ur gut erkennt: das muss ein Derwisch.}
\txtH{Nathan}{ Bei unserm Gott! da sagst du wahr. --- Lass dich}
\txtB{Umarmen, Mensch. --- Du bist doch noch mein Freund?}
\txtH{Derwisch}{}
\lino{390}%
\txtB{Und fragt nicht erst, was ich geworden bin?}
\txtH{Nathan}{ Trotz dem, was du geworden!}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ K\"onnt ich nicht}
\txtB{Ein Kerl im Staat geworden sein, des Freundschaft}
\txtB{Euch ungelegen w\"are?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wenn dein Herz}
\txtB{Noch Derwisch ist, so wag ich's drauf. Der Kerl}
\txtB{Im Staat, ist nur dein Kleid.}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das auch geehrt}
\txtB{Will sein. --- Was meint Ihr? ratet! --- Was w\"ar ich}
\txtB{An Eurem Hofe?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Derwisch; weiter nichts.}
\txtB{Doch nebenher, wahrscheinlich --- Koch.}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun ja!}
\txtB{Mein Handwerk bei Euch zu verlernen. --- Koch!}
\lino{400}%
\txtB{Nicht Kellner auch? Gesteht, dass Saladin}
\txtB{Mich besser kennt. --- Schatzmeister bin ich bei}
\txtB{Ihm worden.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~ Du? --- bei ihm?}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Versteht:}
\txtB{Des kleinern Schatzes, --- denn des gr\"o\3ern waltet}
\txtB{Sein Vater noch --- des Schatzes f\"ur sein Haus.}
\txtH{Nathan}{ Sein Haus ist gro\3.}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und gr\"o\3er, als Ihr glaubt;}
\txtB{Denn jeder Bettler ist von seinem Hause.}
\txtH{Nathan}{ Doch ist den Bettlern Saladin so feind ---}
\txtH{Derwisch}{ Dass er mit Strumpf und Stiel sie zu vertilgen}
\txtB{Sich vorgesetzt, --- und sollt er selbst dar\"uber}
\txtB{Zum Bettler werden.}
\lino{410}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Brav! --- So mein ich's eben.}
\txtH{Derwisch}{}
\txtB{Er ist's auch schon, trotz einem! --- Denn sein Schatz}
\txtB{Ist jeden Tag mit Sonnenuntergang}
\txtB{Viel leerer noch, als leer. Die Flut, so hoch}
\txtB{Sie morgens eintritt, ist des Mittags l\"angst}
\txtB{Verlaufen ---}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~ Weil Kan\"ale sie zum Teil}
\txtB{Verschlingen, die zu f\"ullen oder zu}
\txtB{Verstopfen, gleich unm\"oglich ist.}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Getroffen!}
\txtH{Nathan}{ Ich kenne das!}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Es taugt nun freilich nichts,}
\txtB{Wenn F\"ursten Geier unter \"Asern sind.}
\lino{420}%
\txtB{Doch sind sie \"Aser unter Geiern, taugt's}
\txtB{Noch zehnmal weniger.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ O nicht doch, Derwisch!}
\txtB{Nicht doch!}
\txtH{Derwisch}{ ~~ Ihr habt gut reden, Ihr! --- Kommt an:}
\txtB{Was gebt Ihr mir? so tret ich meine Stell'}
\txtB{Euch ab.}
\txtH{Nathan}{ ~ Was bringt dir deine Stelle?}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Mir?}
\txtB{Nicht viel. Doch Euch, Euch kann sie trefflich wuchern.}
\txtB{Denn ist es Ebb' im Schatz, --- wie \"ofters ist, ---}
\txtB{So zieht Ihr Eure Schleusen auf: schie\3t vor,}
\txtB{Und nehmt an Zinsen, was Euch nur gef\"allt.}
\txtH{Nathan}{ Auch Zins vom Zins der Zinsen?}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Freilich!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Bis}
\lino{430}%
\txtB{Mein Kapital zu lauter Zinsen wird.}
\txtH{Derwisch}{ Das lockt Euch nicht? --- So schreibet unsrer Freundschaft}
\txtB{Nur gleich den Scheidebrief! Denn wahrlich hab}
\txtB{Ich sehr auf Euch gerechnet.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wahrlich? Wie}
\txtB{Denn so? wieso denn?}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dass Ihr mir mein Amt}
\txtB{Mit Ehren w\"urdet f\"uhren helfen; dass}
\txtB{Ich allzeit offne Kasse bei Euch h\"atte. ---}
\txtB{Ihr sch\"uttelt?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~ Nun, verstehn wir uns nur recht!}
\txtB{Hier gibt's zu unterscheiden. --- Du? warum}
\txtB{Nicht du? Al-Hafi Derwisch ist zu allem,}
\lino{440}%
\txtB{Was ich vermag, mir stets willkommen. --- Aber}
\txtB{Al-Hafi Defterdar des Saladin,}
\txtB{Der --- dem ---}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~ Erriet ich's nicht? Dass Ihr doch immer}
\txtB{So gut als klug, so klug als weise seid? ---}
\txtB{Geduld! Was Ihr am Hafi unterscheidet,}
\txtB{Soll bald geschieden wieder sein. --- Seht da}
\txtB{Das Ehrenkleid, das Saladin mir gab.}
\txtB{Eh es verschossen ist, eh es zu Lumpen}
\txtB{Geworden, wie sie einen Derwisch kleiden,}
\txtB{H\"angt's in Jerusalem am Nagel, und}
\lino{450}%
\txtB{Ich bin am Ganges, wo ich leicht und barfu\3}
\txtB{Den hei\3en Sand mit meinen Lehrern trete.}
\txtH{Nathan}{ Dir \"ahnlich g'nug!}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und Schach mit ihnen spiele.}
\txtH{Nathan}{ Dein h\"ochstes Gut!}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Denkt nur, was mich verf\"uhrte! ---}
\txtB{Damit ich selbst nicht l\"anger betteln d\"urfte?}
\txtB{Den reichen Mann mit Bettlern spielen k\"onnte?}
\txtB{Verm\"ogend w\"ar im Hui den reichsten Bettler}
\txtB{In einen armen Reichen zu verwandeln?}
\txtH{Nathan}{ Das nun wohl nicht.}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Weit etwas Abgeschmackters!}
\txtB{Ich f\"uhlte mich zum ersten Mal geschmeichelt;}
\lino{460}%
\txtB{Durch Saladins gutherz'gen Wahn geschmeichelt ---}
\txtH{Nathan}{ Der war?}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~ ``Ein Bettler wisse nur, wie Bettlern}
\txtB{Zumute sei; ein Bettler habe nur}
\txtB{Gelernt, mit guter Weise Bettlern geben.}
\txtB{Dein Vorfahr, sprach er, war mir viel zu kalt,}
\txtB{Zu rau. Er gab so unhold, wenn er gab;}
\txtB{Erkundigte so ungest\"um sich erst}
\txtB{Nach dem Empf\"anger; nie zufrieden, dass}
\txtB{Er nur den Mangel kenne, wollt er auch}
\txtB{Des Mangels Ursach' wissen, um die Gabe}
\lino{470}%
\txtB{Nach dieser Ursach' filzig abzuw\"agen.}
\txtB{Das wird Al-Hafi nicht! So unmild mild}
\txtB{Wird Saladin im Hafi nicht erscheinen!}
\txtB{Al-Hafi gleich verstopften R\"ohren nicht,}
\txtB{Die ihre klar und still empfangnen Wasser}
\txtB{So unrein und so sprudelnd wiedergeben.}
\txtB{Al-Hafi denkt; Al-Hafi f\"uhlt wie ich!'' ---}
\txtB{So lieblich klang des Voglers Pfeife, bis}
\txtB{Der Gimpel in dem Netze war. --- Ich Geck!}
\txtB{Ich eines Gecken Geck!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Gemach, mein Derwisch,}
\txtB{Gemach!}
\lino{480}%
\txtH{Derwisch}{ ~ Ei was! --- Es w\"ar nicht Geckerei,}
\txtB{Bei Hunderttausenden die Menschen dr\"ucken,}
\txtB{Ausmergeln, pl\"undern, martern, w\"urgen; und}
\txtB{Ein Menschenfreund an Einzeln scheinen wollen?}
\txtB{Es w\"ar nicht Geckerei, des H\"ochsten Milde,}
\txtB{Die sonder Auswahl \"uber B\"os' und Gute}
\txtB{Und Flur und W\"ustenei, in Sonnenschein}
\txtB{Und Regen sich verbreitet, --- nachzu\"affen,}
\txtB{Und nicht des H\"ochsten immer volle Hand}
\txtB{Zu haben? Was? es w\"ar nicht Geckerei \ldots}
\txtH{Nathan}{ Genug! h\"or auf!}
\lino{490}%
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Lasst {\em meiner} Geckerei}
\txtB{Mich doch nur auch erw\"ahnen! --- Was? es w\"are}
\txtB{Nicht Geckerei, an solchen Geckereien}
\txtB{Die gute Seite dennoch auszusp\"uren,}
\txtB{Um Anteil, dieser guten Seite wegen,}
\txtB{An dieser Geckerei zu nehmen? He?}
\txtB{Das nicht?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~ Al-Hafi, mache, dass du bald}
\txtB{In deine W\"uste wieder k\"ommst. Ich f\"urchte,}
\txtB{Grad unter Menschen m\"ochtest du ein Mensch}
\txtB{Zu sein verlernen.}
\txtH{Derwisch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~ Recht, das f\"urcht ich auch.}
\txtB{Lebt wohl!}
\lino{500}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~ So hastig? --- Warte doch, Al-Hafi.}
\txtB{Entl\"auft dir denn die W\"uste? --- Warte doch! ---}
\txtB{Dass er mich h\"orte! --- He, Al-Hafi! hier! ---}
\txtB{Weg ist er; und ich h\"att ihn noch so gern}
\txtB{Nach unserm Tempelherrn gefragt. Vermutlich,}
\txtB{Dass er ihn kennt.}
\Auftritt{Vierter Auftritt}
\descrA{\pers{Daja} {\em eilig herbei}. \pers{Nathan}.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ O Nathan, Nathan!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun?}
\txtB{Was gibt's?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~ Er l\"asst sich wieder sehn! Er l\"asst}
\txtB{Sich wieder sehn!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wer, Daja? wer?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Er! er!}
\txtH{Nathan}{}
\txtB{Er? Er? --- Wann l\"asst sich der nicht sehn! --- Ja so,}
\txtB{Nur euer Er hei\3t er. --- Das sollt er nicht!}
\lino{510}%
\txtB{Und wenn er auch ein Engel w\"are, nicht!}
\txtH{Daja}{ Er wandelt untern Palmen wieder auf}
\txtB{Und ab; und bricht von Zeit zu Zeit sich Datteln.}
\txtH{Nathan}{ Sie essend? --- und als Tempelherr?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was qu\"alt}
\txtB{Ihr mich? --- Ihr gierig Aug' erriet ihn hinter}
\txtB{Den dicht verschr\"ankten Palmen schon; und folgt}
\txtB{Ihm unverr\"uckt. Sie l\"asst Euch bitten, --- Euch}
\txtB{Beschw\"oren, --- unges\"aumt ihn anzugehn.}
\txtB{O eilt! Sie wird Euch aus dem Fenster winken,}
\txtB{Ob er hinauf geht oder weiter ab}
\txtB{Sich schl\"agt. O eilt!}
\lino{520}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So wie ich vom Kamele}
\txtB{Gestiegen? --- Schickt sich das? --- Geh, eile du}
\txtB{Ihm zu; und meld ihm meine Wiederkunft.}
\txtB{Gib Acht, der Biedermann hat nur mein Haus}
\txtB{In meinem Absein nicht betreten wollen;}
\txtB{Und k\"ommt nicht ungern, wenn der Vater selbst}
\txtB{Ihn laden l\"asst. Geh, sag, ich lass ihn bitten,}
\txtB{Ihn herzlich bitten \ldots}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ All umsonst! Er k\"ommt}
\txtB{Euch nicht. --- Denn kurz; er k\"ommt zu keinem Juden.}
\txtH{Nathan}{ So geh, geh wenigstens ihn anzuhalten;}
\lino{530}%
\txtB{Ihn wenigstens mit deinen Augen zu}
\txtB{Begleiten. --- Geh, ich komme gleich dir nach.}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Nathan eilet hinein, und Daja heraus.)}}
\Auftritt{F\"unfter Auftritt}
\descrA{{\bf Szene:} ein Platz mit Palmen,}
\descrB{{\em unter welchen der} \pers{Tempelherr} {\em auf und nieder geht. Ein} \pers{Klosterbruder} {\em folgt ihm in einiger Entfernung von der Seite, immer als ob er ihn anreden wolle}.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Der folgt mir nicht vor langer Weile! --- Sieh,}
\txtB{Wie schielt er nach den H\"anden! --- Guter Bruder, \ldots}
\txtB{Ich kann Euch auch wohl Vater nennen; nicht?}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{Nur Bruder --- Laienbruder nur; zu dienen.}
\txtH{Tempelherr}{ Ja, guter Bruder, wer nur selbst was h\"atte!}
\txtB{Bei Gott! bei Gott! ich habe nichts ---}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und doch}
\txtB{Recht warmen Dank! Gott geb' Euch tausendfach,}
\txtB{Was Ihr gern geben wolltet. Denn der Wille}
\lino{540}%
\txtB{Und nicht die Gabe macht den Geber. --- Auch}
\txtB{Ward ich dem Herrn Almosens wegen gar}
\txtB{Nicht nachgeschickt.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Doch aber nachgeschickt?}
\txtH{Klosterbruder}{ Ja; aus dem Kloster.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wo ich eben jetzt}
\txtB{Ein kleines Pilgermahl zu finden hoffte?}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{Die Tische waren schon besetzt; komm' aber}
\txtB{Der Herr nur wieder mit zur\"uck.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wozu?}
\txtB{Ich habe Fleisch wohl lange nicht gegessen:}
\txtB{Allein was tut's? Die Datteln sind ja reif.}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{Nehm' sich der Herr in Acht mit dieser Frucht.}
\lino{550}%
\txtB{Zu viel genossen taugt sie nicht; verstopft}
\txtB{Die Milz; macht melancholisches Gebl\"ut.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Wenn ich nun melancholisch gern mich f\"uhlte? ---}
\txtB{Doch dieser Warnung wegen wurdet Ihr}
\txtB{Mir doch nicht nachgeschickt?}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ O nein! --- Ich soll}
\txtB{Mich nur nach Euch erkunden; auf den Zahn}
\txtB{Euch f\"uhlen.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~ Und das sagt Ihr mir so selbst?}
\txtH{Klosterbruder}{ Warum nicht?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ (Ein verschmitzter Bruder!) --- Hat}
\txtB{Das Kloster Euresgleichen mehr?}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wei\3 nicht.}
\txtB{Ich muss gehorchen, lieber Herr.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und da}
\lino{560}%
\txtB{Gehorcht Ihr denn auch ohne viel zu kl\"ugeln?}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{W\"ar's sonst gehorchen, lieber Herr?}
\txtH{Tempelherr}{~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~(Dass doch}
\txtB{Die Einfalt immer Recht beh\"alt!) --- Ihr d\"urft}
\txtB{Mir doch auch wohl vertrauen, wer mich gern}
\txtB{Genauer kennen m\"ochte? --- Dass Ihr's selbst}
\txtB{Nicht seid, will ich wohl schw\"oren.}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ziemte mir's?}
\txtB{Und frommte mir's?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~ Wem ziemt und frommt es denn,}
\txtB{Dass er so neubegierig ist? Wem denn?}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{Dem Patriarchen; muss ich glauben. --- Denn}
\txtB{Der sandte mich Euch nach.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Der Patriarch?}
\lino{570}%
\txtB{Kennt der das rote Kreuz auf wei\3em Mantel}
\txtB{Nicht besser?}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~ Kenn ja ich's!}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun, Bruder? nun? ---}
\txtB{Ich bin ein Tempelherr; und ein gefangner. ---}
\txtB{Setz ich hinzu: gefangen bei Tebnin,}
\txtB{Der Burg, die mit des Stillstands letzter Stunde}
\txtB{Wir gern erstiegen h\"atten, um sodann}
\txtB{Auf Sidon loszugehn; --- setz ich hinzu:}
\txtB{Selbzwanzigster gefangen und allein}
\txtB{Vom Saladin begnadiget: so wei\3}
\txtB{Der Patriarch, was er zu wissen braucht; ---}
\txtB{Mehr, als er braucht.}
\lino{580}%
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~ Wohl aber schwerlich mehr,}
\txtB{Als er schon wei\3. --- Er w\"usst auch gern, warum}
\txtB{Der Herr vom Saladin begnadigt worden;}
\txtB{Er ganz allein.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~ Wei\3 ich das selber? --- Schon}
\txtB{Den Hals entbl\"o\3t, kniet ich auf meinem Mantel,}
\txtB{Den Streich erwartend; als mich sch\"arfer Saladin}
\txtB{Ins Auge fasst, mir n\"aher springt, und winkt.}
\txtB{Man hebt mich auf; ich bin entfesselt; will}
\txtB{Ihm danken; seh sein Aug' in Tr\"anen: stumm}
\txtB{Ist er, bin ich; er geht, ich bleibe. --- Wie}
\lino{590}%
\txtB{Nun das zusammenh\"angt, entr\"atsle sich}
\txtB{Der Patriarche selbst.}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~ Er schlie\3t daraus,}
\txtB{Dass Gott zu gro\3en, gro\3en Dingen Euch}
\txtB{M\"uss' aufbehalten haben.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ja, zu gro\3en!}
\txtB{Ein Judenm\"adchen aus dem Feu'r zu retten;}
\txtB{Auf Sinai neugier'ge Pilger zu}
\txtB{Geleiten; und dergleichen mehr.}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wird schon}
\txtB{Noch kommen! --- Ist inzwischen auch nicht \"ubel. ---}
\txtB{Vielleicht hat selbst der Patriarch bereits}
\txtB{Weit wicht'gere Gesch\"afte f\"ur den Herrn.}
\txtH{Tempelherr}{}
\lino{600}%
\txtB{So? meint Ihr, Bruder? --- Hat er gar Euch schon}
\txtB{Was merken lassen?}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~ Ei, jawohl! --- Ich soll}
\txtB{Den Herrn nur erst ergr\"unden, ob er so}
\txtB{Der Mann wohl ist.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~ Nun ja; ergr\"undet nur!}
\txtB{(Ich will doch sehn, wie der ergr\"undet!) --- Nun?}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{Das K\"urz'ste wird wohl sein, dass ich dem Herrn}
\txtB{Ganz gradezu des Patriarchen Wunsch}
\txtB{Er\"offne.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~ Wohl!}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~ Er h\"atte durch den Herrn}
\txtB{Ein Briefchen gern bestellt.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Durch mich? Ich bin}
\txtB{Kein Bote. --- Das, das w\"are das Gesch\"aft,}
\lino{610}%
\txtB{Das weit glorreicher sei, als Judenm\"adchen}
\txtB{Dem Feu'r entrei\3en?}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~ Muss doch wohl! Denn --- sagt}
\txtB{Der Patriarch --- an diesem Briefchen sei}
\txtB{Der ganzen Christenheit sehr viel gelegen.}
\txtB{Dies Briefchen wohl bestellt zu haben, --- sagt}
\txtB{Der Patriarch, --- werd einst im Himmel Gott}
\txtB{Mit einer ganz besondern Krone lohnen.}
\txtB{Und dieser Krone, --- sagt der Patriarch, ---}
\txtB{Sei niemand w\"urd'ger, als mein Herr.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Als ich?}
\txtH{Klosterbruder}{ Denn diese Krone zu verdienen, --- sagt}
\lino{620}%
\txtB{Der Patriarch, --- sei schwerlich jemand auch}
\txtB{Geschickter, als mein Herr.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Als ich?}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Er sei}
\txtB{Hier frei; k\"onn' \"uberall sich hier besehn;}
\txtB{Versteh', wie eine Stadt zu st\"urmen und}
\txtB{Zu schirmen; k\"onne, --- sagt der Patriarch, ---}
\txtB{Die St\"ark' und Schw\"ache der von Saladin}
\txtB{Neu aufgef\"uhrten, innern, zweiten Mauer}
\txtB{Am besten sch\"atzen, sie am deutlichsten}
\txtB{Den Streitern Gottes, --- sagt der Patriarch, ---}
\txtB{Beschreiben.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~ Guter Bruder, wenn ich doch}
\lino{630}%
\txtB{Nun auch des Briefchens n\"ahern Inhalt w\"usste.}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{Ja den, --- den wei\3 ich nun wohl nicht so recht.}
\txtB{Das Briefchen aber ist an K\"onig Philipp. ---}
\txtB{Der Patriarch \ldots Ich hab mich oft gewundert,}
\txtB{Wie doch ein Heiliger, der sonst so ganz}
\txtB{Im Himmel lebt, zugleich so unterrichtet}
\txtB{Von Dingen dieser Welt zu sein herab}
\txtB{Sich lassen kann. Es muss ihm sauer werden.}
\txtH{Tempelherr}{ Nun dann? der Patriarch? ---}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wei\3 ganz genau,}
\txtB{Ganz zuverl\"assig, wie und wo, wie stark,}
\lino{640}%
\txtB{Von welcher Seite Saladin, im Fall}
\txtB{Es v\"ollig wieder losgeht, seinen Feldzug}
\txtB{Er\"offnen wird.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~ Das wei\3 er?}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ja, und m\"ocht}
\txtB{Es gern dem K\"onig Philipp wissen lassen:}
\txtB{Damit der ungef\"ahr ermessen k\"onne,}
\txtB{Ob die Gefahr denn gar so schrecklich, um}
\txtB{Mit Saladin den Waffenstillestand,}
\txtB{Den Euer Orden schon so brav gebrochen,}
\txtB{Es koste was es wolle, wiederher-}
\txtB{Zustellen.}
\txtH{Tempelherr}{ ~ Welch ein Patriarch! --- Ja so!}
\lino{650}%
\txtB{Der liebe tapfre Mann will mich zu keinem}
\txtB{Gemeinen Boten; will mich --- zum Spion. ---}
\txtB{Sagt Euerm Patriarchen, guter Bruder,}
\txtB{So viel Ihr mich ergr\"unden k\"onnen, w\"ar}
\txtB{Das meine Sache nicht. --- Ich m\"usse mich}
\txtB{Noch als Gefangenen betrachten; und}
\txtB{Der Tempelherren einziger Beruf}
\txtB{Sei mit dem Schwerte dreinzuschlagen, nicht}
\txtB{Kundschafterei zu treiben.}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dacht ich's doch! ---}
\txtB{Will's auch dem Herrn nicht eben sehr ver\"ubeln. ---}
\lino{660}%
\txtB{Zwar k\"ommt das Beste noch. --- Der Patriarch}
\txtB{Hiern\"achst hat ausgegattert, wie die Veste}
\txtB{Sich nennt, und wo auf Libanon sie liegt,}
\txtB{In der die ungeheuern Summen stecken,}
\txtB{Mit welchen Saladins vorsicht'ger Vater}
\txtB{Das Heer besoldet, und die Zur\"ustungen}
\txtB{Des Kriegs bestreitet. Saladin verf\"ugt}
\txtB{Von Zeit zu Zeit auf abgelegnen Wegen}
\txtB{Nach dieser Veste sich, nur kaum begleitet. ---}
\txtB{Ihr merkt doch?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~ Nimmermehr!}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was w\"are da}
\lino{670}%
\txtB{Wohl leichter, als des Saladins sich zu}
\txtB{Bem\"achtigen? den Garaus ihm zu machen? ---}
\txtB{Ihr schaudert? --- O es haben schon ein paar}
\txtB{Gottsf\"urcht'ge Maroniten sich erboten,}
\txtB{Wenn nur ein wackrer Mann sie f\"uhren wolle,}
\txtB{Das St\"uck zu wagen.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und der Patriarch}
\txtB{H\"att auch zu diesem wackern Manne mich}
\txtB{Ersehn?}
\txtH{Klosterbruder}{ ~ Er glaubt, dass K\"onig Philipp wohl}
\txtB{Von Ptolemais aus die Hand hierzu}
\txtB{Am besten bieten k\"onne.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Mir? mir, Bruder?}
\lino{680}%
\txtB{Mir? Habt Ihr nicht geh\"ort? nur erst geh\"ort,}
\txtB{Was f\"ur Verbindlichkeit dem Saladin}
\txtB{Ich habe?}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~ Wohl hab ich's geh\"ort.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und doch?}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{Ja, --- meint der Patriarch, --- das w\"ar schon gut:}
\txtB{Gott aber und der Orden \ldots}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ \"Andern nichts!}
\txtB{Gebieten mir kein Bubenst\"uck!}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Gewiss nicht! ---}
\txtB{Nur, --- meint der Patriarch, --- sei Bubenst\"uck}
\txtB{Vor Menschen, nicht auch Bubenst\"uck vor Gott.}
\txtH{Tempelherr}{ Ich w\"ar dem Saladin mein Leben schuldig:}
\txtB{Und raubt ihm seines?}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~ Pfui! --- Doch bliebe, --- meint}
\lino{690}%
\txtB{Der Patriarch, --- noch immer Saladin}
\txtB{Ein Feind der Christenheit, der Euer Freund}
\txtB{Zu sein, kein Recht erwerben k\"onne.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Freund?}
\txtB{An dem ich blo\3 nicht will zum Schurken werden;}
\txtB{Zum undankbaren Schurken?}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Allerdings! ---}
\txtB{Zwar, --- meint der Patriarch, --- des Dankes sei}
\txtB{Man quitt, vor Gott und Menschen quitt, wenn uns}
\txtB{Der Dienst um unsertwillen nicht geschehen.}
\txtB{Und da verlauten wolle, --- meint der Patriarch, ---}
\txtB{Dass Euch nur darum Saladin begnadet,}
\lino{700}%
\txtB{Weil ihm in Eurer Mien', in Euerm Wesen,}
\txtB{So was von seinem Bruder eingeleuchtet \ldots}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Auch dieses wei\3 der Patriarch; und doch? ---}
\txtB{Ah! w\"are das gewiss! Ah, Saladin! ---}
\txtB{Wie? die Natur h\"att auch nur Einen Zug}
\txtB{Von mir in deines Bruders Form gebildet:}
\txtB{Und dem entspr\"ache nichts in meiner Seele?}
\txtB{Was dem entspr\"ache, k\"onnt ich unterdr\"ucken,}
\txtB{Um einem Patriarchen zu gefallen? ---}
\txtB{Natur, so leugst du nicht! So widerspricht}
\lino{710}%
\txtB{Sich Gott in seinen Werken nicht! --- Geht Bruder! ---}
\txtB{Erregt mir meine Galle nicht! --- Geht! geht!}
\txtH{Klosterbruder}{ Ich geh; und geh vergn\"ugter, als ich kam.}
\txtB{Verzeihe mir der Herr. Wir Klosterleute}
\txtB{Sind schuldig, unsern Obern zu gehorchen.}
\Auftritt{Sechster Auftritt}
\descrA{{\em Der} \pers{Tempelherr} {\em und} \pers{Daja}, {\em die den Tempelherrn schon eine Zeitlang von weiten beobachtet hatte, und sich nun ihm n\"ahert}.}
\txtH{Daja}{ Der Klosterbruder, wie mich d\"unkt, lie\3 in}
\txtB{Der besten Laun' ihn nicht. --- Doch muss ich mein}
\txtB{Paket nur wagen.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~ Nun, vortrefflich! --- L\"ugt}
\txtB{Das Sprichwort wohl: dass M\"onch und Weib, und Weib}
\txtB{Und M\"onch des Teufels beide Krallen sind?}
\lino{720}%
\txtB{Er wirft mich heut aus einer in die andre.}
\txtH{Daja}{ Was seh ich? --- Edler Ritter, Euch? --- Gott Dank!}
\txtB{Gott tausend Dank! --- Wo habt Ihr denn}
\txtB{Die ganze Zeit gesteckt? --- Ihr seid doch wohl}
\txtB{Nicht krank gewesen?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nein.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Gesund doch?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ja.}
\txtH{Daja}{ Wir waren Euertwegen wahrlich ganz}
\txtB{Bek\"ummert.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~ So?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ihr wart gewiss verreist?}
\txtH{Tempelherr}{ Erraten!}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und kamt heut erst wieder?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Gestern.}
\txtH{Daja}{ Auch Rechas Vater ist heut angekommen.}
\txtB{Und nun darf Recha doch wohl hoffen?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was?}
\lino{730}%
\txtH{Daja}{ Warum sie Euch so \"ofters bitten lassen.}
\txtB{Ihr Vater ladet Euch nun selber bald}
\txtB{Aufs Dringlichste. Er k\"ommt von Babylon;}
\txtB{Mit zwanzig hochbeladenen Kamelen,}
\txtB{Und allem, was an edeln Spezereien,}
\txtB{An Steinen und an Stoffen, Indien}
\txtB{Und Persien und Syrien, gar Sina,}
\txtB{Kostbares nur gew\"ahren.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Kaufe nichts.}
\txtH{Daja}{ Sein Volk verehret ihn als einen F\"ursten.}
\txtB{Doch dass es ihn den Weisen Nathan nennt,}
\lino{740}%
\txtB{Und nicht vielmehr den Reichen, hat mich oft}
\txtB{Gewundert.}
\txtH{Tempelherr}{ ~ Seinem Volk ist reich und weise}
\txtB{Vielleicht das N\"amliche.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Vor allen aber}
\txtB{H\"att's ihn den Guten nennen m\"ussen. Denn}
\txtB{Ihr stellt Euch gar nicht vor, wie gut er ist.}
\txtB{Als er erfuhr, wie viel Euch Recha schuldig:}
\txtB{Was h\"att, in diesem Augenblicke, nicht}
\txtB{Er alles Euch getan, gegeben!}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ei!}
\txtH{Daja}{ Versucht's und kommt und seht!}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was denn? wie schnell}
\txtB{Ein Augenblick vor\"uber ist?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ H\"att ich,}
\lino{750}%
\txtB{Wenn er so gut nicht w\"ar, es mir so lange}
\txtB{Bei ihm gefallen lassen? Meint Ihr etwa,}
\txtB{Ich f\"uhle meinen Wert als Christin nicht?}
\txtB{Auch mir ward's vor der Wiege nicht gesungen,}
\txtB{Dass ich nur darum meinem Ehgemahl}
\txtB{Nach Pal\"astina folgen w\"urd, um da}
\txtB{Ein Judenm\"adchen zu erziehn. Es war}
\txtB{Mein lieber Ehgemahl ein edler Knecht}
\txtB{In Kaiser Friedrichs Heere ---}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Von Geburt}
\txtB{Ein Schweizer, dem die Ehr' und Gnade ward}
\lino{760}%
\txtB{Mit Seiner Kaiserlichen Majest\"at}
\txtB{In einem Flusse zu ersaufen. --- Weib!}
\txtB{Wie vielmal habt Ihr mir das schon erz\"ahlt?}
\txtB{H\"ort Ihr denn gar nicht auf mich zu verfolgen?}
\txtH{Daja}{ Verfolgen! lieber Gott!}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ja, ja, verfolgen.}
\txtB{Ich will nun einmal Euch nicht weiter sehn!}
\txtB{Nicht h\"oren! Will von Euch an eine Tat}
\txtB{Nicht fort und fort erinnert sein, bei der}
\txtB{Ich nichts gedacht; die, wenn ich dr\"uber denke,}
\txtB{Zum R\"atsel von mir selbst mir wird. Zwar m\"ocht}
\lino{770}%
\txtB{Ich sie nicht gern bereuen. Aber seht;}
\txtB{Er\"augnet so ein Fall sich wieder: Ihr}
\txtB{Seid schuld, wenn ich so rasch nicht handle; wenn}
\txtB{Ich mich vorher erkund, --- und brennen lasse,}
\txtB{Was brennt.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~ Bewahre Gott!}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Von heut an tut}
\txtB{Mir den Gefallen wenigstens, und kennt}
\txtB{Mich weiter nicht. Ich bitt Euch drum. Auch lasst}
\txtB{Den Vater mir vom Halse. Jud' ist Jude.}
\txtB{Ich bin ein plumper Schwab. Des M\"adchens Bild}
\txtB{Ist l\"angst aus meiner Seele; wenn es je}
\txtB{Da war.}
\lino{780}%
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~ Doch Eures ist aus ihrer nicht.}
\txtH{Tempelherr}{ Was soll's nun aber da? was soll's?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wer wei\3!}
\txtB{Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen.}
\txtH{Tempelherr}{ Doch selten etwas Bessers. \textcolor{cDescr}{\em (Er geht.)}}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wartet doch!}
\txtB{Was eilt Ihr?}
\txtH{Tempelherr}{ Weib, macht mir die Palmen nicht}
\txtB{Verhasst, worunter ich so gern sonst wandle.}
\txtH{Daja}{ So geh, du deutscher B\"ar! so geh! --- Und doch}
\txtB{Muss ich die Spur des Tieres nicht verlieren.}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Sie geht ihm von weiten nach.)}}
|
2. Aufzug
Extended content |
|---|
\Aufzug{Zweiter Aufzug}
\Auftritt{Erster Auftritt}
\descrA{{\bf Szene:} des Sultans Palast.}
\descrB{\pers{Saladin} {\em und} \pers{Sittah} {\em spielen Schach}.}
\txtH{Sittah}{ Wo bist du, Saladin? Wie spielst du heut?}
\txtH{Saladin}{ Nicht gut? Ich d\"achte doch.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ F\"ur mich; und kaum.}
\txtB{Nimm diesen Zug zur\"uck.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Warum?}
\lino{790}%
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Der Springer}
\txtB{Wird unbedeckt.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~ Ist wahr. Nun so!}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So zieh}
\txtB{Ich in die Gabel.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wieder wahr. --- Schach dann!}
\txtH{Sittah}{ Was hilft dir das? Ich setze vor: und du}
\txtB{Bist, wie du warst.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Aus dieser Klemme, seh}
\txtB{Ich wohl, ist ohne Bu\3e nicht zu kommen.}
\txtB{Mag's! nimm den Springer nur.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich will ihn nicht.}
\txtB{Ich geh vorbei.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~ Du schenkst mir nichts. Dir liegt}
\txtB{An diesem Platze mehr, als an dem Springer.}
\txtH{Sittah}{ Kann sein.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Mach deine Rechnung nur nicht ohne}
\lino{800}%
\txtB{Den Wirt. Denn sieh! Was gilt's, das warst du nicht}
\txtB{Vermuten?}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~ Freilich nicht. Wie k\"onnt ich auch}
\txtB{Vermuten, dass du deiner K\"onigin}
\txtB{So m\"ude w\"arst?}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich meiner K\"onigin?}
\txtH{Sittah}{ Ich seh nun schon: ich soll heut meine tausend}
\txtB{Dinar', kein Naserinchen mehr gewinnen.}
\txtH{Saladin}{ Wieso?}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~ Frag noch! --- Weil du mit Flei\3, mit aller}
\txtB{Gewalt verlieren willst. --- Doch dabei find}
\txtB{Ich meine Rechnung nicht. Denn au\3er, dass}
\txtB{Ein solches Spiel das unterhaltendste}
\lino{810}%
\txtB{Nicht ist: gewann ich immer nicht am meisten}
\txtB{Mit dir, wenn ich verlor? Wenn hast du mir}
\txtB{Den Satz, mich des verlornen Spieles wegen}
\txtB{Zu tr\"osten, doppelt nicht hernach geschenkt?}
\txtH{Saladin}{ Ei sieh! so h\"attest du ja wohl, wenn du}
\txtB{Verlorst, mit Flei\3 verloren, Schwesterchen?}
\txtH{Sittah}{ Zum wenigsten kann gar wohl sein, dass deine}
\txtB{Freigebigkeit, mein liebes Br\"uderchen,}
\txtB{Schuld ist, dass ich nicht besser spielen lernen.}
\txtH{Saladin}{ Wir kommen ab vom Spiele. Mach ein Ende!}
\txtH{Sittah}{}
\lino{820}%
\txtB{So bleibt es? Nun dann: Schach! und doppelt Schach!}
\txtH{Saladin}{ Nun freilich; dieses Abschach hab ich nicht}
\txtB{Gesehn, das meine K\"onigin zugleich}
\txtB{Mit niederwirft.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ War dem noch abzuhelfen?}
\txtB{Lass sehn.}
\txtH{Saladin}{ Nein, nein; nimm nur die K\"onigin.}
\txtB{Ich war mit diesem Steine nie recht gl\"ucklich.}
\txtH{Sittah}{ Blo\3 mit dem Steine?}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Fort damit! --- Das tut}
\txtB{Mir nichts. Denn so ist alles wiederum}
\txtB{Gesch\"utzt.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~ Wie h\"oflich man mit K\"oniginnen}
\txtB{Verfahren m\"usse: hat mein Bruder mich}
\txtB{Zu wohl gelehrt. \textcolor{cDescr}{\em (Sie l\"asst sie stehen.)}}
\lino{830}%
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nimm, oder nimm sie nicht!}
\txtB{Ich habe keine mehr.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wozu sie nehmen?}
\txtB{Schach! --- Schach!}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~ Nur weiter.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Schach! --- und Schach! --- und Schach! ---}
\txtH{Saladin}{ Und matt!}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nicht ganz; du ziehst den Springer noch}
\txtB{Dazwischen; oder was du machen willst.}
\txtB{Gleichviel!}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~ Ganz recht! --- Du hast gewonnen: und}
\txtB{Al-Hafi zahlt. --- Man lass' ihn rufen! gleich! ---}
\txtB{Du hattest, Sittah, nicht so Unrecht; ich}
\txtB{War nicht so ganz beim Spiele; war zerstreut.}
\txtB{Und dann: wer gibt uns denn die glatten Steine}
\lino{840}%
\txtB{Best\"andig? die an nichts erinnern, nichts}
\txtB{Bezeichnen. Hab ich mit dem Iman denn}
\txtB{Gespielt? --- Doch was? Verlust will Vorwand. Nicht}
\txtB{Die ungeformten Steine, Sittah, sind's}
\txtB{Die mich verlieren machten: deine Kunst,}
\txtB{Dein ruhiger und schneller Blick \ldots}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Auch so}
\txtB{Willst du den Stachel des Verlusts nur stumpfen.}
\txtB{Genug, du warst zerstreut; und mehr als ich.}
\txtH{Saladin}{ Als du? Was h\"atte dich zerstreuet?}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Deine}
\txtB{Zerstreuung freilich nicht! --- O Saladin,}
\lino{850}%
\txtB{Wenn werden wir so flei\3ig wieder spielen!}
\txtH{Saladin}{ So spielen wir um so viel gieriger! ---}
\txtB{Ah! weil es wieder losgeht, meinst du? --- Mag's! ---}
\txtB{Nur zu! --- Ich habe nicht zuerst gezogen;}
\txtB{Ich h\"atte gern den Stillestand aufs Neue}
\txtB{Verl\"angert; h\"atte meiner Sittah gern,}
\txtB{Gern einen guten Mann zugleich verschafft.}
\txtB{Und das muss Richards Bruder sein: er ist}
\txtB{Ja Richards Bruder.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wenn du deinen Richard}
\txtB{Nur loben kannst!}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wenn unserm Bruder Melek}
\lino{860}%
\txtB{Dann Richards Schwester w\"ar zu Teile worden:}
\txtB{Ha! welch ein Haus zusammen! Ha, der ersten,}
\txtB{Der besten H\"auser in der Welt das beste! ---}
\txtB{Du h\"orst, ich bin mich selbst zu loben, auch}
\txtB{Nicht faul. Ich d\"unk mich meiner Freunde wert. ---}
\txtB{Das h\"atte Menschen geben sollen! das!}
\txtH{Sittah}{ Hab ich des sch\"onen Traums nicht gleich gelacht?}
\txtB{Du kennst die Christen nicht, willst sie nicht kennen.}
\txtB{Ihr Stolz ist: Christen sein; nicht Menschen. Denn}
\txtB{Selbst das, was, noch von ihrem Stifter her,}
\lino{870}%
\txtB{Mit Menschlichkeit den Aberglauben wirzt,}
\txtB{Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist:}
\txtB{Weil's Christus lehrt; weil's Christus hat getan. ---}
\txtB{Wohl ihnen, dass er ein so guter Mensch}
\txtB{Noch war! Wohl ihnen, dass sie seine Tugend}
\txtB{Auf Treu und Glaube nehmen k\"onnen! --- Doch}
\txtB{Was Tugend? --- Seine Tugend nicht; sein Name}
\txtB{Soll \"uberall verbreitet werden; soll}
\txtB{Die Namen aller guten Menschen sch\"anden,}
\txtB{Verschlingen. Um den Namen, um den Namen}
\txtB{Ist ihnen nur zu tun.}
\lino{880}%
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Du meinst: warum}
\txtB{Sie sonst verlangen w\"urden, dass auch ihr,}
\txtB{Auch du und Melek, Christen hie\3et, eh}
\txtB{Als Ehgemahl ihr Christen lieben wolltet?}
\txtH{Sittah}{ Jawohl! Als w\"ar von Christen nur, als Christen,}
\txtB{Die Liebe zu gew\"artigen, womit}
\txtB{Der Sch\"opfer Mann und M\"annin ausgestattet!}
\txtH{Saladin}{ Die Christen glauben mehr Armseligkeiten,}
\txtB{Als dass sie die nicht auch noch glauben k\"onnten! ---}
\txtB{Und gleichwohl irrst du dich. --- Die Tempelherren,}
\lino{890}%
\txtB{Die Christen nicht, sind schuld: sind nicht, als Christen,}
\txtB{Als Tempelherren schuld. Durch die allein}
\txtB{Wird aus der Sache nichts. Sie wollen Acca,}
\txtB{Das Richards Schwester unserm Bruder Melek}
\txtB{Zum Brautschatz bringen m\"usste, schlechterdings}
\txtB{Nicht fahren lassen. Dass des Ritters Vorteil}
\txtB{Gefahr nicht laufe, spielen sie den M\"onch,}
\txtB{Den albern M\"onch. Und ob vielleicht im Fluge}
\txtB{Ein guter Streich gel\"ange: haben sie}
\txtB{Des Waffenstillestandes Ablauf kaum}
\lino{900}%
\txtB{Erwarten k\"onnen. --- Lustig! Nur so weiter!}
\txtB{Ihr Herren, nur so weiter! --- Mir schon recht! ---}
\txtB{W\"ar alles sonst nur, wie es m\"usste.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun?}
\txtB{Was irrte dich denn sonst? Was k\"onnte sonst}
\txtB{Dich aus der Fassung bringen?}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was von je}
\txtB{Mich immer aus der Fassung hat gebracht. ---}
\txtB{Ich war auf Libanon, bei unserm Vater.}
\txtB{Er unterliegt den Sorgen noch \ldots}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ O weh!}
\txtH{Saladin}{ Er kann nicht durch; es klemmt sich allerorten;}
\txtB{Es fehlt bald da, bald dort ---}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was klemmt? was fehlt?}
\txtH{Saladin}{}
\lino{910}%
\txtB{Was sonst, als was ich kaum zu nennen w\"urd'ge?}
\txtB{Was, wenn ich's habe, mir so \"uberfl\"ussig,}
\txtB{Und hab ich's nicht, so unentbehrlich scheint. ---}
\txtB{Wo bleibt Al-Hafi denn? Ist niemand nach}
\txtB{Ihm aus? --- Das leidige, verw\"unschte Geld! ---}
\txtB{Gut, Hafi, dass du k\"ommst.}
\Auftritt{Zweiter Auftritt}
\descrA{\pers{Der Derwisch Al-Hafi. Saladin. Sittah}.}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Die Gelder aus}
\txtB{\"Agypten sind vermutlich angelangt.}
\txtB{Wenn's nur fein viel ist.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Hast du Nachricht?}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich?}
\txtB{Ich nicht. Ich denke, dass ich hier sie in}
\txtB{Empfang soll nehmen.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Zahl an Sittah tausend}
\txtB{Dinare! \textcolor{cDescr}{\em (In Gedanken hin und her gehend.)}}
\lino{920}%
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~ Zahl! anstatt, empfang! O sch\"on!}
\txtB{Das ist f\"ur Was noch weniger als Nichts. ---}
\txtB{An Sittah? --- wiederum an Sittah? Und}
\txtB{Verloren? --- wiederum im Schach verloren? ---}
\txtB{Da steht es noch das Spiel!}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Du g\"onnst mir doch}
\txtB{Mein Gl\"uck?}
\txtI{Al-Hafi}{das Spiel betrachtend}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was g\"onnen? Wenn --- Ihr wisst ja wohl.}
\txtI{Sittah}{ihm winkend}{ Bst! Hafi! bst!}
\txtI{Al-Hafi}{noch auf das Spiel gerichtet}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ G\"onnt's Euch nur selber erst!}
\txtH{Sittah}{ Al-Hafi! bst!}
\txtI{Al-Hafi}{zu Sittah}{ ~ Die Wei\3en waren Euer?}
\txtB{Ihr bietet Schach?}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Gut, dass er nichts geh\"ort!}
\txtH{Al-Hafi}{ Nun ist der Zug an ihm?}
\txtI{Sittah}{ihm n\"ahertretend}{ ~~~~~~~~ So sage doch,}
\txtB{Dass ich mein Geld bekommen kann.}
\lino{930}%
\txtI{Al-Hafi}{noch auf das Spiel geheftet}{ ~~~~ Nun ja;}
\txtB{Ihr sollt's bekommen, wie Ihr's stets bekommen.}
\txtH{Sittah}{ Wie? bist du toll?}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das Spiel ist ja nicht aus.}
\txtB{Ihr habt ja nicht verloren, Saladin.}
\txtI{Saladin}{kaum hinh\"orend}{}
\txtB{Doch! doch! Bezahl! bezahl!}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Bezahl! bezahl!}
\txtB{Da steht ja Eure K\"onigin.}
\txtI{Saladin}{noch so}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~ Gilt nicht;}
\txtB{Geh\"ort nicht mehr ins Spiel.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So mach, und sag,}
\txtB{Dass ich das Geld mir nur kann holen lassen.}
\txtI{Al-Hafi}{noch immer in das Spiel vertieft}{}
\txtB{Versteht sich, so wie immer. --- Wenn auch schon;}
\txtB{Wenn auch die K\"onigin nichts gilt: Ihr seid}
\txtB{Doch darum noch nicht matt.}
\txtI{Saladin}{tritt hinzu und wirft das Spiel um}{}
\lino{940}%
\txtB{~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich bin es; will}
\txtB{Es sein.}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~ Ja so! --- Spiel wie Gewinst! So wie}
\txtB{Gewonnen, so bezahlt.}
\txtI{Saladin}{zu Sittah}{ ~~~~~~~~ Was sagt er? was?}
\txtI{Sittah}{von Zeit zu Zeit dem Hafi winkend}{}
\txtB{Du kennst ihn ja. Er str\"aubt sich gern; l\"asst gern}
\txtB{Sich bitten; ist wohl gar ein wenig neidisch. ---}
\txtH{Saladin}{}
\txtB{Auf dich doch nicht? Auf meine Schwester nicht? ---}
\txtB{Was h\"or ich, Hafi? Neidisch? du?}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Kann sein!}
\txtB{Kann sein! --- Ich h\"att ihr Hirn wohl lieber selbst;}
\txtB{W\"ar lieber selbst so gut, als sie.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Indes}
\txtB{Hat er doch immer richtig noch bezahlt.}
\lino{950}%
\txtB{Und wird auch heut bezahlen. Lass ihn nur! ---}
\txtB{Geh nur, Al-Hafi, geh! Ich will das Geld}
\txtB{Schon holen lassen.}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nein; ich spiele l\"anger}
\txtB{Die Mummerei nicht mit. Er muss es doch}
\txtB{Einmal erfahren.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wer? und was?}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Al-Hafi!}
\txtB{Ist dieses dein Versprechen? H\"altst du so}
\txtB{Mir Wort?}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~ Wie konnt ich glauben, dass es so}
\txtB{Weit gehen w\"urde.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun? erfahr ich nichts?}
\txtH{Sittah}{ Ich bitte dich, Al-Hafi; sei bescheiden.}
\txtH{Saladin}{ Das ist doch sonderbar! Was k\"onnte Sittah}
\lino{960}%
\txtB{So feierlich, so warm bei einem Fremden,}
\txtB{Bei einem Derwisch lieber, als bei mir,}
\txtB{Bei ihrem Bruder sich verbitten wollen.}
\txtB{Al-Hafi, nun befehl ich. --- Rede, Derwisch!}
\txtH{Sittah}{ Lass eine Kleinigkeit, mein Bruder, dir}
\txtB{Nicht n\"aher treten, als sie w\"urdig ist.}
\txtB{Du wei\3t, ich habe zu verschiednen Malen}
\txtB{Dieselbe Summ' im Schach von dir gewonnen.}
\txtB{Und weil ich itzt das Geld nicht n\"otig habe;}
\txtB{Weil itzt in Hafis Kasse doch das Geld}
\lino{970}%
\txtB{Nicht eben allzu h\"aufig ist: so sind}
\txtB{Die Posten stehn geblieben. Aber sorgt}
\txtB{Nur nicht! Ich will sie weder dir, mein Bruder,}
\txtB{Noch Hafi, noch der Kasse schenken.}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ja,}
\txtB{Wenn's das nur w\"are! das!}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und mehr dergleichen. ---}
\txtB{Auch das ist in der Kasse stehn geblieben,}
\txtB{Was du mir einmal ausgeworfen; ist}
\txtB{Seit wenig Monden stehn geblieben.}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Noch}
\txtB{Nicht alles.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~ Noch nicht? --- Wirst du reden?}
\txtH{Al-Hafi}{ Seit aus \"Agypten wir das Geld erwarten,}
\txtB{Hat sie \ldots}
\txtI{Sittah}{zu Saladin}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~ Wozu ihn h\"oren?}
\lino{980}%
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nicht nur nichts}
\txtB{Bekommen \ldots}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~ Gutes M\"adchen! --- Auch beiher}
\txtB{Mit vorgeschossen. Nicht?}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Den ganzen Hof}
\txtB{Erhalten; Euern Aufwand ganz allein}
\txtB{Bestritten.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~ Ha! das, das ist meine Schwester!}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Sie umarmend.)}}
\txtH{Sittah}{ Wer hatte, dies zu k\"onnen, mich so reich}
\txtB{Gemacht, als du, mein Bruder?}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wird schon auch}
\txtB{So bettelarm sie wieder machen, als}
\txtB{Er selber ist.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~ Ich arm? der Bruder arm?}
\txtB{Wenn hab ich mehr? wenn weniger gehabt? ---}
\lino{990}%
\txtB{Ein Kleid, Ein Schwert, Ein Pferd, --- und Einen Gott!}
\txtB{Was brauch ich mehr? wenn kann's an dem mir fehlen?}
\txtB{Und doch, Al-Hafi, k\"onnt ich mit dir schelten.}
\txtH{Sittah}{ Schilt nicht, mein Bruder. Wenn ich unserm Vater}
\txtB{Auch seine Sorgen so erleichtern k\"onnte!}
\txtH{Saladin}{ Ah! Ah! Nun schl\"agst du meine Freudigkeit}
\txtB{Auf einmal wieder nieder! --- Mir, f\"ur mich}
\txtB{Fehlt nichts, und kann nichts fehlen. Aber ihm,}
\txtB{Ihm fehlet; und in ihm uns allen. --- Sagt,}
\txtB{Was soll ich machen? --- Aus \"Agypten kommt}
\lino{1000}%
\txtB{Vielleicht noch lange nichts. Woran das liegt,}
\txtB{Wei\3 Gott. Es ist doch da noch alles ruhig. ---}
\txtB{Abbrechen, einziehn, sparen, will ich gern,}
\txtB{Mir gern gefallen lassen; wenn es mich,}
\txtB{Blo\3 mich betrifft; blo\3 mich, und niemand sonst}
\txtB{Darunter leidet. --- Doch was kann das machen?}
\txtB{Ein Pferd, Ein Kleid, Ein Schwert, muss ich doch haben.}
\txtB{Und meinem Gott ist auch nichts abzudingen.}
\txtB{Ihm g'n\"ugt schon so mit wenigem genug;}
\txtB{Mit meinem Herzen. --- Auf den \"Uberschuss}
\lino{1010}%
\txtB{Von deiner Kasse, Hafi, hatt ich sehr}
\txtB{Gerechnet.}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~\"Uberschuss? --- Sagt selber, ob}
\txtB{Ihr mich nicht h\"attet spie\3en, wenigstens}
\txtB{Mich drosseln lassen, wenn auf \"Uberschuss}
\txtB{Ich von Euch w\"ar ergriffen worden. Ja,}
\txtB{Auf Unterschleif! das war zu wagen.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun,}
\txtB{Was machen wir denn aber? --- Konntest du}
\txtB{Vorerst bei niemand andern borgen, als}
\txtB{Bei Sittah?}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~ W\"urd ich dieses Vorrecht, Bruder,}
\txtB{Mir haben nehmen lassen? Mir von ihm?}
\lino{1020}%
\txtB{Auch noch besteh ich drauf. Noch bin ich auf}
\txtB{Dem Trocknen v\"ollig nicht.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nur v\"ollig nicht!}
\txtB{Das fehlte noch! --- Geh gleich, mach Anstalt, Hafi!}
\txtB{Nimm auf bei wem du kannst! und wie du kannst!}
\txtB{Geh, borg, versprich. --- Nur, Hafi, borge nicht}
\txtB{Bei denen, die ich reich gemacht. Denn borgen}
\txtB{Von diesen, m\"ochte wiederfodern hei\3en.}
\txtB{Geh zu den Geizigsten; die werden mir}
\txtB{Am liebsten leihen. Denn sie wissen wohl,}
\txtB{Wie gut ihr Geld in meinen H\"anden wuchert.}
\txtH{Al-Hafi}{ Ich kenne deren keine.}
\lino{1030}%
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Eben f\"allt}
\txtB{Mir ein, geh\"ort zu haben, Hafi, dass}
\txtB{Dein Freund zur\"uckgekommen.}
\txtI{Al-Hafi}{betroffen}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Freund? mein Freund?}
\txtB{Wer w\"ar denn das?}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dein hochgepriesner Jude.}
\txtH{Al-Hafi}{ Gepriesner Jude? hoch von mir?}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dem Gott, ---}
\txtB{Mich denkt des Ausdrucks noch recht wohl, des einst}
\txtB{Du selber dich von ihm bedientest, --- dem}
\txtB{Sein Gott von allen G\"utern dieser Welt}
\txtB{Das Kleinst' und Gr\"o\3te so in vollem Ma\3}
\txtB{Erteilet habe. ---}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Sagt ich so? --- Was meint}
\txtB{Ich denn damit?}
\lino{1040}%
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das Kleinste: Reichtum. Und}
\txtB{Das Gr\"o\3te: Weisheit.}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie? von einem Juden?}
\txtB{Von einem Juden h\"att ich das gesagt?}
\txtH{Sittah}{ Das h\"attest du von deinem Nathan nicht}
\txtB{Gesagt?}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~ Ja so! von dem! vom Nathan! --- Fiel}
\txtB{Mir der doch gar nicht bei. --- Wahrhaftig? Der}
\txtB{Ist endlich wieder heimgekommen? Ei!}
\txtB{So mag's doch gar so schlecht mit ihm nicht stehn. ---}
\txtB{Ganz recht: den nannt einmal das Volk den Weisen!}
\txtB{Den Reichen auch.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Den Reichen nennt es ihn}
\lino{1050}%
\txtB{Itzt mehr als je. Die ganze Stadt erschallt,}
\txtB{Was er f\"ur Kostbarkeiten, was f\"ur Sch\"atze,}
\txtB{Er mitgebracht.}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun, ist's der Reiche wieder:}
\txtB{So wird's auch wohl der Weise wieder sein.}
\txtH{Sittah}{ Was meinst du, Hafi, wenn du diesen angingst?}
\txtH{Al-Hafi}{}
\txtB{Und was bei ihm? --- Doch wohl nicht borgen? --- Ja,}
\txtB{Da kennt Ihr ihn. --- Er borgen! --- Seine Weisheit}
\txtB{Ist eben, dass er niemand borgt.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Du hast}
\txtB{Mir sonst doch ganz ein ander Bild von ihm}
\txtB{Gemacht.}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~ Zur Not wird er Euch Waren borgen.}
\lino{1060}%
\txtB{Geld aber, Geld? Geld nimmermehr! --- Es ist}
\txtB{Ein Jude freilich \"ubrigens, wie's nicht}
\txtB{Viel Juden gibt. Er hat Verstand; er wei\3}
\txtB{Zu leben; spielt gut Schach. Doch zeichnet er}
\txtB{Im Schlechten sich nicht minder, als im Guten}
\txtB{Von allen andern Juden aus. --- Auf den,}
\txtB{Auf den nur rechnet nicht. --- Den Armen gibt}
\txtB{Er zwar; und gibt vielleicht trotz Saladin.}
\txtB{Wenn schon nicht ganz so viel: doch ganz so gern;}
\txtB{Doch ganz so sonder Ansehn. Jud' und Christ}
\lino{1070}%
\txtB{Und Muselmann und Parsi, alles ist}
\txtB{Ihm eins.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~ Und so ein Mann \ldots}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie kommt es denn,}
\txtB{Dass ich von diesem Manne nie geh\"ort? \ldots}
\txtH{Sittah}{ Der sollte Saladin nicht borgen? nicht}
\txtB{Dem Saladin, der nur f\"ur andre braucht,}
\txtB{Nicht sich?}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~ Da seht nun gleich den Juden wieder;}
\txtB{Den ganz gemeinen Juden! --- Glaubt mir's doch! ---}
\txtB{Er ist aufs Geben Euch so eifers\"uchtig,}
\txtB{So neidisch! Jedes {\em Lohn von Gott}, das in}
\txtB{Der Welt gesagt wird, z\"og er lieber ganz}
\lino{1080}%
\txtB{Allein. Nur darum eben leiht er keinem,}
\txtB{Damit er stets zu geben habe. Weil}
\txtB{Die Mild' ihm im Gesetz geboten; die}
\txtB{Gef\"alligkeit ihm aber nicht geboten: macht}
\txtB{Die Mild' ihn zu dem ungef\"alligsten}
\txtB{Gesellen auf der Welt. Zwar bin ich seit}
\txtB{Geraumer Zeit ein wenig \"ubern Fu\3}
\txtB{Mit ihm gespannt; doch denkt nur nicht, dass ich}
\txtB{Ihm darum nicht Gerechtigkeit erzeige.}
\txtB{Er ist zu allem gut: blo\3 dazu nicht;}
\lino{1090}%
\txtB{Blo\3 dazu wahrlich nicht. Ich will auch gleich}
\txtB{Nur gehn, an andre T\"uren klopfen \ldots Da}
\txtB{Besinn ich mich soeben eines Mohren,}
\txtB{Der reich und geizig ist. --- Ich geh; ich geh.}
\txtH{Sittah}{ Was eilst du, Hafi?}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Lass ihn! lass ihn!}
\Auftritt{Dritter Auftritt}
\descrA{\pers{Sittah. Saladin}.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Eilt}
\txtB{Er doch, als ob er mir nur gern entk\"ame! ---}
\txtB{Was hei\3t das? --- Hat er wirklich sich in ihm}
\txtB{Betrogen, oder --- m\"ocht er uns nur gern}
\txtB{Betriegen?}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~ Wie? das fragst du mich? Ich wei\3}
\txtB{Ja kaum, von wem die Rede war; und h\"ore}
\lino{1100}%
\txtB{Von euerm Juden, euerm Nathan, heut}
\txtB{Zum ersten Mal.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ist's m\"oglich? dass ein Mann}
\txtB{Dir so verborgen blieb, von dem es hei\3t,}
\txtB{Er habe Salomons und Davids Gr\"aber}
\txtB{Erforscht, und wisse deren Siegel durch}
\txtB{Ein m\"achtiges geheimes Wort zu l\"osen?}
\txtB{Aus ihnen bring' er dann von Zeit zu Zeit}
\txtB{Die unermesslichen Reicht\"umer an}
\txtB{Den Tag, die keinen mindern Quell verrieten.}
\txtH{Saladin}{ Hat seinen Reichtum dieser Mann aus Gr\"abern,}
\lino{1110}%
\txtB{So waren's sicherlich nicht Salomons,}
\txtB{Nicht Davids Gr\"aber. Narren lagen da}
\txtB{Begraben!}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~ Oder B\"osewichter! --- Auch}
\txtB{Ist seines Reichtums Quelle weit ergiebiger}
\txtB{Weit unersch\"opflicher, als so ein Grab}
\txtB{Voll Mammon.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~ Denn er handelt; wie ich h\"orte.}
\txtH{Sittah}{ Sein Saumtier treibt auf allen Stra\3en, zieht}
\txtB{Durch alle W\"usten; seine Schiffe liegen}
\txtB{In allen H\"afen. Das hat mir wohl eh'}
\txtB{Al-Hafi selbst gesagt; und voll Entz\"ucken}
\lino{1120}%
\txtB{Hinzugef\"ugt, wie gro\3, wie edel dieser}
\txtB{Sein Freund anwende, was so klug und emsig}
\txtB{Er zu erwerben f\"ur zu klein nicht achte:}
\txtB{Hinzugef\"ugt, wie frei von Vorurteilen}
\txtB{Sein Geist; sein Herz wie offen jeder Tugend,}
\txtB{Wie eingestimmt mit jeder Sch\"onheit sei.}
\txtH{Saladin}{ Und itzt sprach Hafi doch so ungewiss,}
\txtB{So kalt von ihm.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Kalt nun wohl nicht; verlegen.}
\txtB{Als halt' er's f\"ur gef\"ahrlich, ihn zu loben,}
\txtB{Und woll' ihn unverdient doch auch nicht tadeln. ---}
\lino{1130}%
\txtB{Wie? oder w\"ar es wirklich so, dass selbst}
\txtB{Der Beste seines Volkes seinem Volke}
\txtB{Nicht ganz entfliehen kann? dass wirklich sich}
\txtB{Al-Hafi seines Freunds von dieser Seite}
\txtB{Zu sch\"amen h\"atte? --- Sei dem, wie ihm wolle! ---}
\txtB{Der Jude sei mehr oder weniger}
\txtB{Als Jud', ist er nur reich: genug f\"ur uns!}
\txtH{Saladin}{ Du willst ihm aber doch das Seine mit}
\txtB{Gewalt nicht nehmen, Schwester?}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ja, was hei\3t}
\txtB{Bei dir Gewalt? Mit Feu'r und Schwert? Nein, nein,}
\lino{1140}%
\txtB{Was braucht es mit den Schwachen f\"ur Gewalt,}
\txtB{Als ihre Schw\"ache? --- Komm vor itzt nur mit}
\txtB{In meinen Haram, eine S\"angerin}
\txtB{Zu h\"oren, die ich gestern erst gekauft.}
\txtB{Es reift indes bei mir vielleicht ein Anschlag,}
\txtB{Den ich auf diesen Nathan habe. --- Komm!}
\Auftritt{Vierter Auftritt}
\descrA{{\bf Szene:} vor dem Hause des Nathan, wo es an die Palmen st\"o\3t.}
\descrB{\pers{Recha} {\em und} \pers{Nathan} {\em kommen heraus. Zu ihnen} \pers{Daja}.}
\txtH{Recha}{ Ihr habt Euch sehr verweilt, mein Vater. Er}
\txtB{Wird kaum noch mehr zu treffen sein.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun, nun;}
\txtB{Wenn hier, hier untern Palmen schon nicht mehr:}
\txtB{Doch anderw\"arts. --- Sei itzt nur ruhig. --- Sieh!}
\txtB{K\"ommt dort nicht Daja auf uns zu?}
\lino{1150}%
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Sie wird}
\txtB{Ihn ganz gewiss verloren haben.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Auch}
\txtB{Wohl nicht.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~ Sie w\"urde sonst geschwinder kommen.}
\txtH{Nathan}{ Sie hat uns wohl noch nicht gesehn \ldots}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun sieht}
\txtB{Sie uns.}
\txtH{Nathan}{ ~~~ Und doppelt ihre Schritte. Sieh! ---}
\txtB{Sei doch nur ruhig! ruhig!}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wolltet Ihr}
\txtB{Wohl eine Tochter, die hier ruhig w\"are?}
\txtB{Sich unbek\"ummert lie\3e, wessen Wohltat}
\txtB{Ihr Leben sei? Ihr Leben, --- das ihr nur}
\txtB{So lieb, weil sie es Euch zuerst verdanket.}
\lino{1160}%
\txtH{Nathan}{ Ich m\"ochte dich nicht anders, als du bist:}
\txtB{Auch wenn ich w\"usste, dass in deiner Seele}
\txtB{Ganz etwas anders noch sich rege.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was,}
\txtB{Mein Vater?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~ Fragst du mich? so sch\"uchtern mich?}
\txtB{Was auch in deinem Innern vorgeht, ist}
\txtB{Natur und Unschuld. Lass es keine Sorge}
\txtB{Dir machen. Mir, mir macht es keine. Nur}
\txtB{Versprich mir: wenn dein Herz vernehmlicher}
\txtB{Sich einst erkl\"art, mir seiner W\"unsche keinen}
\txtB{Zu bergen.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~ Schon die M\"oglichkeit, mein Herz}
\lino{1170}%
\txtB{Euch lieber zu verh\"ullen, macht mich zittern.}
\txtH{Nathan}{ Nichts mehr hiervon! Das ein f\"ur alle Mal}
\txtB{Ist abgetan. --- Da ist ja Daja. --- Nun?}
\txtH{Daja}{ Noch wandelt er hier untern Palmen; und}
\txtB{Wird gleich um jene Mauer kommen. --- Seht,}
\txtB{Da k\"ommt er!}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~ Ah! und scheinet unentschlossen,}
\txtB{Wohin? ob weiter? ob hinab? ob rechts?}
\txtB{Ob links?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~ Nein, nein; er macht den Weg ums Kloster}
\txtB{Gewiss noch \"ofter; und dann muss er hier}
\txtB{Vorbei. --- Was gilt's?}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Recht! recht! --- Hast du ihn schon}
\txtB{Gesprochen? Und wie ist er heut?}
\lino{1180}%
\txtB{\pers{Daja}. ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie immer.}
\txtH{Nathan}{ So macht nur, dass er euch hier nicht gewahr}
\txtB{Wird. Tretet mehr zur\"uck. Geht lieber ganz}
\txtB{Hinein.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~ Nur einen Blick noch! --- Ah! die Hecke,}
\txtB{Die mir ihn stiehlt.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Kommt! kommt! Der Vater hat}
\txtB{Ganz recht. Ihr lauft Gefahr, wenn er Euch sieht,}
\txtB{Dass auf der Stell' er umkehrt.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ah! die Hecke!}
\txtH{Nathan}{ Und k\"ommt er pl\"otzlich dort aus ihr hervor:}
\txtB{So kann er anders nicht, er muss euch sehn.}
\txtB{Drum geht doch nur!}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Kommt! kommt! Ich wei\3 ein Fenster,}
\txtB{Aus dem wir sie bemerken k\"onnen.}
\lino{1190}%
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ja?}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Beide hinein.)}}
\Auftritt{F\"unfter Auftritt}
\descrA{\pers{Nathan} {\em und bald darauf der} \pers{Tempelherr}.}
\txtH{Nathan}{ Fast scheu ich mich des Sonderlings. Fast macht}
\txtB{Mich seine raue Tugend stutzen. Dass}
\txtB{Ein Mensch doch einen Menschen so verlegen}
\txtB{Soll machen k\"onnen! --- Ha! er k\"ommt. --- Bei Gott!}
\txtB{Ein J\"ungling wie ein Mann. Ich mag ihn wohl}
\txtB{Den guten, trotz'gen Blick! den prallen Gang!}
\txtB{Die Schale kann nur bitter sein: der Kern}
\txtB{Ist's sicher nicht. --- Wo sah ich doch dergleichen? ---}
\txtB{Verzeihet, edler Franke \ldots}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Erlaubt \ldots}
\txtH{Tempelherr}{ Was, Jude? was?}
\lino{1200}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dass ich mich untersteh,}
\txtB{Euch anzureden.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~ Kann ich's wehren? Doch}
\txtB{Nur kurz.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~ Verzieht, und eilet nicht so stolz,}
\txtB{Nicht so ver\"achtlich einem Mann vor\"uber,}
\txtB{Den Ihr auf ewig Euch verbunden habt.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Wie das? --- Ah, fast errat ich's. Nicht? Ihr seid \ldots}
\txtH{Nathan}{ Ich hei\3e Nathan; bin des M\"adchens Vater,}
\txtB{Das Eure Gro\3mut aus dem Feu'r gerettet;}
\txtB{Und komme \ldots}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~ Wenn zu danken: --- spart's! Ich hab}
\txtB{Um diese Kleinigkeit des Dankes schon}
\lino{1210}%
\txtB{Zu viel erdulden m\"ussen. --- Vollends Ihr,}
\txtB{Ihr seid mir gar nichts schuldig. Wusst ich denn,}
\txtB{Dass dieses M\"adchen Eure Tochter war?}
\txtB{Es ist der Tempelherren Pflicht, dem Ersten}
\txtB{Dem Besten beizuspringen, dessen Not}
\txtB{Sie sehn. Mein Leben war mir ohnedem}
\txtB{In diesem Augenblicke l\"astig. Gern,}
\txtB{Sehr gern ergriff ich die Gelegenheit,}
\txtB{Es f\"ur ein andres Leben in die Schanze}
\txtB{Zu schlagen: f\"ur ein andres --- wenn's auch nur}
\txtB{Das Leben einer J\"udin w\"are.}
\lino{1220}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Gro\3!}
\txtB{Gro\3 und abscheulich! --- Doch die Wendung l\"asst}
\txtB{Sich denken. Die bescheidne Gr\"o\3e fl\"uchtet}
\txtB{Sich hinter das Abscheuliche, um der}
\txtB{Bewundrung auszuweichen. --- Aber wenn}
\txtB{Sie so das Opfer der Bewunderung}
\txtB{Verschm\"aht: was f\"ur ein Opfer denn verschm\"aht}
\txtB{Sie minder? --- Ritter, wenn Ihr hier nicht fremd,}
\txtB{Und nicht gefangen w\"aret, w\"urd ich Euch}
\txtB{So dreist nicht fragen. Sagt, befehlt: womit}
\txtB{Kann man Euch dienen?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ihr? Mit nichts.}
\lino{1230}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich bin}
\txtB{Ein reicher Mann.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~ Der reichre Jude war}
\txtB{Mir nie der bessre Jude.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ D\"urft Ihr denn}
\txtB{Darum nicht n\"utzen, was dem ungeachtet}
\txtB{Er Bessres hat? nicht seinen Reichtum n\"utzen?}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Nun gut, das will ich auch nicht ganz verreden;}
\txtB{Um meines Mantels willen nicht. Sobald}
\txtB{Der ganz und gar verschlissen; weder Stich}
\txtB{Noch Fetze l\"anger halten will: komm ich}
\txtB{Und borge mir bei Euch zu einem neuen,}
\lino{1240}%
\txtB{Tuch oder Geld. --- Seht nicht mit eins so finster!}
\txtB{Noch seid Ihr sicher; noch ist's nicht so weit}
\txtB{Mit ihm. Ihr seht; er ist so ziemlich noch}
\txtB{Im Stande. Nur der eine Zipfel da}
\txtB{Hat einen garst'gen Fleck; er ist versengt.}
\txtB{Und das bekam er, als ich Eure Tochter}
\txtB{Durchs Feuer trug.}
\txtI{Nathan}{der nach dem Zipfel greift und ihn betrachtet}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Es ist doch sonderbar,}
\txtB{Dass so ein b\"oser Fleck, dass so ein Brandmal}
\txtB{Dem Mann ein bessres Zeugnis redet, als}
\txtB{Sein eigner Mund. Ich m\"ocht ihn k\"ussen gleich ---}
\lino{1250}%
\txtB{Den Flecken! --- Ah, verzeiht! --- Ich tat es ungern.}
\txtH{Tempelherr}{ Was?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Eine Tr\"ane fiel darauf.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Tut nichts!}
\txtB{Er hat der Tropfen mehr. --- (Bald aber f\"angt}
\txtB{Mich dieser Jud' an zu verwirren.)}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ W\"art}
\txtB{Ihr wohl so gut, und schicktet Euern Mantel}
\txtB{Auch einmal meinem M\"adchen?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was damit?}
\txtH{Nathan}{ Auch ihren Mund auf diesen Fleck zu dr\"ucken.}
\txtB{Denn Eure Kniee selber zu umfassen,}
\txtB{W\"unscht sie nun wohl vergebens.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Aber, Jude ---}
\txtB{Ihr hei\3et Nathan? --- Aber, Nathan --- Ihr}
\lino{1260}%
\txtB{Setzt Eure Worte sehr --- sehr gut --- sehr spitz ---}
\txtB{Ich bin betreten --- Allerdings --- ich h\"atte \ldots}
\txtH{Nathan}{ Stellt und verstellt Euch, wie Ihr wollt. Ich find}
\txtB{Auch hier Euch aus. Ihr wart zu gut, zu bieder,}
\txtB{Um h\"oflicher zu sein. --- Das M\"adchen, ganz}
\txtB{Gef\"uhl; der weibliche Gesandte, ganz}
\txtB{Dienstfertigkeit; der Vater weit entfernt ---}
\txtB{Ihr trugt f\"ur ihren guten Namen Sorge;}
\txtB{Floht ihre Pr\"ufung; floht, um nicht zu siegen.}
\txtB{Auch daf\"ur dank ich Euch ---}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich muss gestehn,}
\lino{1270}%
\txtB{Ihr wisst, wie Tempelherren denken sollten.}
\txtH{Nathan}{ Nur Tempelherren? {\em sollten} blo\3? und blo\3}
\txtB{Weil es die Ordensregeln so gebieten?}
\txtB{Ich wei\3, wie gute Menschen denken; wei\3,}
\txtB{Dass alle L\"ander gute Menschen tragen.}
\txtH{Tempelherr}{ Mit Unterschied, doch hoffentlich?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Jawohl;}
\txtB{An Farb', an Kleidung, an Gestalt verschieden.}
\txtH{Tempelherr}{ Auch hier bald mehr, bald weniger, als dort.}
\txtH{Nathan}{ Mit diesem Unterschied ist's nicht weit her.}
\txtB{Der gro\3e Mann braucht \"uberall viel Boden;}
\lino{1280}%
\txtB{Und mehrere, zu nah gepflanzt, zerschlagen}
\txtB{Sich nur die \"Aste. Mittelgut, wie wir,}
\txtB{Find't sich hingegen \"uberall in Menge.}
\txtB{Nur muss der eine nicht den andern m\"akeln.}
\txtB{Nur muss der Knorr den Knuppen h\"ubsch vertragen.}
\txtB{Nur muss ein Gipfelchen sich nicht vermessen,}
\txtB{Dass es allein der Erde nicht entschossen.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Sehr wohl gesagt! --- Doch kennt Ihr auch das Volk,}
\txtB{Das diese Menschenm\"akelei zuerst}
\txtB{Getrieben? Wisst Ihr, Nathan, welches Volk}
\lino{1290}%
\txtB{Zuerst das auserw\"ahlte Volk sich nannte?}
\txtB{Wie? wenn ich dieses Volk nun, zwar nicht hasste,}
\txtB{Doch wegen seines Stolzes zu verachten,}
\txtB{Mich nicht entbrechen k\"onnte? Seines Stolzes;}
\txtB{Den es auf Christ und Muselmann vererbte,}
\txtB{Nur sein Gott sei der rechte Gott! --- Ihr stutzt,}
\txtB{Dass ich, ein Christ, ein Tempelherr, so rede?}
\txtB{Wenn hat, und wo die fromme Raserei,}
\txtB{Den bessern Gott zu haben, diesen bessern}
\txtB{Der ganzen Welt als Besten aufzudringen,}
\lino{1300}%
\txtB{In ihrer schw\"arzesten Gestalt sich mehr}
\txtB{Gezeigt, als hier, als itzt? Wem hier, wem itzt}
\txtB{Die Schuppen nicht vom Auge fallen \ldots Doch}
\txtB{Sei blind, wer will! --- Vergesst, was ich gesagt;}
\txtB{Und lasst mich! \textcolor{cDescr}{\em (Will gehen.)}}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~ Ha! Ihr wisst nicht, wie viel fester}
\txtB{Ich nun mich an Euch dr\"angen werde. --- Kommt,}
\txtB{Wir m\"ussen, m\"ussen Freunde sein! --- Verachtet}
\txtB{Mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide}
\txtB{Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind}
\txtB{Wir unser Volk? Was hei\3t denn Volk?}
\lino{1310}%
\txtB{Sind Christ und Jude eher Christ und Jude,}
\txtB{Als Mensch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch}
\txtB{Gefunden h\"atte, dem es g'n\"ugt, ein Mensch}
\txtB{Zu hei\3en!}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~ Ja, bei Gott, das habt Ihr, Nathan!}
\txtB{Das habt Ihr! --- Eure Hand! --- Ich sch\"ame mich}
\txtB{Euch einen Augenblick verkannt zu haben.}
\txtH{Nathan}{ Und ich bin stolz darauf. Nur das Gemeine}
\txtB{Verkennt man selten.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und das Seltene}
\txtB{Vergisst man schwerlich. --- Nathan, ja;}
\txtB{Wir m\"ussen, m\"ussen Freunde werden.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Sind}
\lino{1320}%
\txtB{Es schon. --- Wie wird sich meine Recha freuen! ---}
\txtB{Und ah! welch eine heitre Ferne schlie\3t}
\txtB{Sich meinen Blicken auf! --- Kennt sie nur erst!}
\txtH{Tempelherr}{ Ich brenne vor Verlangen --- Wer st\"urzt dort}
\txtB{Aus Euerm Hause? Ist's nicht ihre Daja?}
\txtH{Nathan}{ Jawohl. So \"angstlich?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Unsrer Recha ist}
\txtB{Doch nichts begegnet?}
\Auftritt{Sechster Auftritt}
\descrA{{\em Die} \pers{vorigen} {\em und} \pers{Daja} {\em eilig}.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nathan! Nathan!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun?}
\txtH{Daja}{ Verzeihet, edler Ritter, dass ich Euch}
\txtB{Muss unterbrechen.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~ Nun, was ist's?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was ist's?}
\txtH{Daja}{ Der Sultan hat geschickt. Der Sultan will}
\txtB{Euch sprechen. Gott, der Sultan!}
\lino{1330}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Mich? der Sultan?}
\txtB{Er wird begierig sein, zu sehen, was}
\txtB{Ich Neues mitgebracht. Sag nur, es sei}
\txtB{Noch wenig oder gar nichts ausgepackt.}
\txtH{Daja}{ Nein, nein; er will nichts sehen; will Euch sprechen,}
\txtB{Euch in Person, und bald; sobald Ihr k\"onnt.}
\txtH{Nathan}{ Ich werde kommen. --- Geh nur wieder, geh!}
\txtH{Daja}{ Nehmt ja nicht \"ubel auf, gestrenger Ritter. ---}
\txtB{Gott, wir sind so bek\"ummert, was der Sultan}
\txtB{Doch will.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~ Das wird sich zeigen. Geh nur, geh!}
\Auftritt{Siebenter Auftritt}
\descrA{\pers{Nathan} {\em und der} \pers{Tempelherr}.}
\txtH{Tempelherr}{}
\lino{1340}%
\txtB{So kennt Ihr ihn noch nicht? --- ich meine, von}
\txtB{Person.}
\txtH{Nathan}{ Den Saladin? Noch nicht. Ich habe}
\txtB{Ihn nicht vermieden, nicht gesucht zu kennen.}
\txtB{Der allgemeine Ruf sprach viel zu gut}
\txtB{Von ihm, dass ich nicht lieber glauben wollte,}
\txtB{Als sehn. Doch nun, --- wenn anders dem so ist, ---}
\txtB{Hat er durch Sparung Eures Lebens \ldots}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ja;}
\txtB{Dem allerdings ist so. Das Leben, das}
\txtB{Ich leb, ist sein Geschenk.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Durch das er mir}
\txtB{Ein doppelt, dreifach Leben schenkte. Dies}
\lino{1350}%
\txtB{Hat alles zwischen uns ver\"andert; hat}
\txtB{Mit eins ein Seil mir umgeworfen, das}
\txtB{Mich seinem Dienst auf ewig fesselt. Kaum,}
\txtB{Und kaum, kann ich es nun erwarten, was}
\txtB{Er mir zuerst befehlen wird. Ich bin}
\txtB{Bereit zu allem; bin bereit ihm zu}
\txtB{Gestehn, dass ich es Euertwegen bin.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Noch hab ich selber ihm nicht danken k\"onnen:}
\txtB{Sooft ich auch ihm in den Weg getreten.}
\txtB{Der Eindruck, den ich auf ihn machte, kam}
\lino{1360}%
\txtB{So schnell, als schnell er wiederum verschwunden.}
\txtB{Wer wei\3, ob er sich meiner gar erinnert.}
\txtB{Und dennoch muss er, einmal wenigstens,}
\txtB{Sich meiner noch erinnern, um mein Schicksal}
\txtB{Ganz zu entscheiden. Nicht genug, dass ich}
\txtB{Auf sein Gehei\3 noch bin, {\em mit} seinem Willen}
\txtB{Noch leb: ich muss nun auch von ihm erwarten,}
\txtB{{\em Nach} wessen Willen ich zu leben habe.}
\txtH{Nathan}{ Nicht anders; umso mehr will ich nicht s\"aumen. ---}
\txtB{Es f\"allt vielleicht ein Wort, das mir, auf Euch}
\lino{1370}%
\txtB{Zu kommen, Anlass gibt. --- Erlaubt, verzeiht ---}
\txtB{Ich eile --- Wenn, wenn aber sehn wir Euch}
\txtB{Bei uns?}
\txtH{Tempelherr}{ ~ Sobald ich darf.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Sobald Ihr wollt.}
\txtH{Tempelherr}{ Noch heut.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und Euer Name? --- muss ich bitten.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Mein Name war --- ist Curd von Stauffen. --- Curd!}
\txtH{Nathan}{ Von Stauffen? --- Stauffen? --- Stauffen?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Warum f\"allt}
\txtB{Euch das so auf?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Von Stauffen? --- Des Geschlechts}
\txtB{Sind wohl schon mehrere \ldots}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ O ja! hier waren,}
\txtB{Hier faulen des Geschlechts schon mehrere.}
\txtB{Mein Oheim selbst, --- mein Vater will ich sagen, ---}
\lino{1380}%
\txtB{Doch warum sch\"arft sich Euer Blick auf mich}
\txtB{Je mehr und mehr?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ O nichts! o nichts! Wie kann}
\txtB{Ich Euch zu sehn erm\"uden?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Drum verlass}
\txtB{Ich Euch zuerst. Der Blick des Forschers fand}
\txtB{Nicht selten mehr, als er zu finden w\"unschte.}
\txtB{Ich f\"urcht ihn, Nathan. Lasst die Zeit allm\"ahlig.}
\txtB{Und nicht die Neugier, unsre Kundschaft machen.}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Er geht.)}}
\txtI{Nathan}{der ihm mit Erstaunen nachsieht}{}
\txtB{``Der Forscher fand nicht selten mehr, als er}
\txtB{Zu finden w\"unschte.'' --- Ist es doch, als ob}
\txtB{In meiner Seel' er lese! --- Wahrlich ja;}
\lino{1390}%
\txtB{Das k\"onnt auch mir begegnen. --- Nicht allein}
\txtB{Wolfs Wuchs, Wolfs Gang: auch seine Stimme. So,}
\txtB{Vollkommen so, warf Wolf sogar den Kopf;}
\txtB{Trug Wolf sogar das Schwert im Arm', strich Wolf}
\txtB{Sogar die Augenbraunen mit der Hand,}
\txtB{Gleichsam das Feuer seines Blicks zu bergen. ---}
\txtB{Wie solche tiefgepr\"agte Bilder doch}
\txtB{Zuzeiten in uns schlafen k\"onnen, bis}
\txtB{Ein Wort, ein Laut sie weckt. --- Von Stauffen! ---}
\txtB{Ganz recht, ganz recht; Filnek und Stauffen. ---}
\lino{1400}%
\txtB{Ich will das bald genauer wissen; bald.}
\txtB{Nur erst zum Saladin. --- Doch wie? lauscht dort}
\txtB{Nicht Daja? --- Nun so komm nur n\"aher, Daja.}
\Auftritt{Achter Auftritt}
\descrA{\pers{Daja. Nathan}.}
\txtH{Nathan}{}
\txtB{Was gilt's? nun dr\"uckt's euch beiden schon das Herz,}
\txtB{Noch ganz was anders zu erfahren, als}
\txtB{Was Saladin mir will.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Verdenkt Ihr's ihr?}
\txtB{Ihr fingt soeben an, vertraulicher}
\txtB{Mit ihm zu sprechen: als des Sultans Botschaft}
\txtB{Uns von dem Fenster scheuchte.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun so sag}
\txtB{Ihr nur, dass sie ihn jeden Augenblick}
\txtB{Erwarten darf.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Gewiss? gewiss?}
\lino{1410}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich kann}
\txtB{Mich doch auf dich verlassen, Daja? Sei}
\txtB{Auf deiner Hut; ich bitte dich. Es soll}
\txtB{Dich nicht gereuen. Dein Gewissen selbst}
\txtB{Soll seine Rechnung dabei finden. Nur}
\txtB{Verdirb mir nichts in meinem Plane. Nur}
\txtB{Erz\"ahl und frage mit Bescheidenheit,}
\txtB{Mit R\"uckhalt \ldots}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dass Ihr doch noch erst, so was}
\txtB{Erinnern k\"onnt! --- Ich geh; geht Ihr nur auch.}
\txtB{Denn seht! ich glaube gar, da k\"ommt vom Sultan}
\lino{1420}%
\txtB{Ein zweiter Bot', Al-Hafi, Euer Derwisch.}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Geht ab.)}}
\Auftritt{Neunter Auftritt}
\descrA{\pers{Nathan. Al-Hafi}.}
\txtH{Al-Hafi}{ Ha! ha! zu Euch wollt ich nun eben wieder.}
\txtH{Nathan}{ Ist's denn so eilig? Was verlangt er denn}
\txtB{Von mir?}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~ Wer?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~ Saladin. --- Ich komm, ich komme.}
\txtH{Al-Hafi}{ Zu wem? Zum Saladin?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Schickt Saladin}
\txtB{Dich nicht?}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~ Mich? nein. Hat er denn schon geschickt?}
\txtH{Nathan}{ Ja freilich hat er.}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun, so ist es richtig.}
\txtH{Nathan}{ Was? was ist richtig?}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dass \ldots ich bin nicht schuld;}
\txtB{Gott wei\3, ich bin nicht schuld. --- Was hab ich nicht}
\txtB{Von Euch gesagt, gelogen, um es abzuwenden!}
\txtH{Nathan}{ Was abzuwenden? Was ist richtig?}
\lino{1430}%
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dass}
\txtB{Nun Ihr sein Defterdar geworden. Ich}
\txtB{Betaur' Euch. Doch mit ansehn will ich's nicht.}
\txtB{Ich geh von Stund an; geh, Ihr habt es schon}
\txtB{Geh\"ort, wohin; und wisst den Weg. --- Habt Ihr}
\txtB{Des Wegs was zu bestellen; sagt: ich bin}
\txtB{Zu Diensten. Freilich muss es mehr nicht sein,}
\txtB{Als was ein Nackter mit sich schleppen kann.}
\txtB{Ich geh, sagt bald.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Besinn dich doch, Al-Hafi.}
\txtB{Besinn dich, dass ich noch von gar nichts wei\3.}
\txtB{Was plauderst du denn da?}
\lino{1440}%
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ihr bringt sie doch}
\txtB{Gleich mit, die Beutel?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Beutel?}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun, das Geld,}
\txtB{Das Ihr dem Saladin vorschie\3en sollt.}
\txtH{Nathan}{ Und weiter ist es nichts?}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich sollt' es wohl}
\txtB{Mit ansehn, wie er Euch von Tag zu Tag}
\txtB{Aush\"ohlen wird bis auf die Zehen? Sollt'}
\txtB{Es wohl mit ansehn, dass Verschwendung aus}
\txtB{Der weisen Milde sonst nie leeren Scheuern}
\txtB{So lange borgt, und borgt, und borgt, bis auch}
\txtB{Die armen eingebornen M\"auschen drin}
\lino{1450}%
\txtB{Verhungern? --- Bildet Ihr vielleicht Euch ein,}
\txtB{Wer Euers Gelds bed\"urftig sei, der werde}
\txtB{Doch Euerm Rate wohl auch folgen? --- Ja;}
\txtB{Er Rate folgen! Wenn hat Saladin}
\txtB{Sich raten lassen? --- Denkt nur, Nathan, was}
\txtB{Mir eben itzt mit ihm begegnet.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun?}
\txtH{Al-Hafi}{ Da komm ich zu ihm, eben dass er Schach}
\txtB{Gespielt mit seiner Schwester. Sittah spielt}
\txtB{Nicht \"ubel; und das Spiel, das Saladin}
\txtB{Verloren glaubte, schon gegeben hatte,}
\lino{1460}%
\txtB{Das stand noch ganz so da. Ich seh Euch hin,}
\txtB{Und sehe, dass das Spiel noch lange nicht}
\txtB{Verloren.}
\txtH{Nathan}{ ~~~ Ei! das war f\"ur dich ein Fund!}
\txtH{Al-Hafi}{ Er durfte mit dem K\"onig an den Bauer}
\txtB{Nur r\"ucken, auf ihr Schach --- Wenn ich's Euch gleich}
\txtB{Nur zeigen k\"onnte!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ O ich traue dir!}
\txtH{Al-Hafi}{ Denn so bekam der Roche Feld: und sie}
\txtB{War hin. --- Das alles will ich ihm nun weisen}
\txtB{Und ruf ihn. --- Denkt! \ldots}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Er ist nicht deiner Meinung?}
\txtH{Al-Hafi}{ Er h\"ort mich gar nicht an, und wirft ver\"achtlich}
\txtB{Das ganze Spiel in Klumpen.}
\lino{1470}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ist das m\"oglich?}
\txtH{Al-Hafi}{ Und sagt: er wolle matt nun einmal sein;}
\txtB{Er wolle! Hei\3t das spielen?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Schwerlich wohl;}
\txtB{Hei\3t mit dem Spiele spielen.}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Gleichwohl galt}
\txtB{Es keine taube Nuss.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Geld hin, Geld her!}
\txtB{Das ist das Wenigste. Allein dich gar}
\txtB{Nicht anzuh\"oren! \"uber einen Punkt}
\txtB{Von solcher Wichtigkeit dich nicht einmal}
\txtB{Zu h\"oren! deinen Adlerblick nicht zu}
\txtB{Bewundern! das, das schreit um Rache; nicht?}
\lino{1480}%
\txtH{Al-Hafi}{ Ach was? Ich sag Euch das nur so, damit}
\txtB{Ihr sehen k\"onnt, was f\"ur ein Kopf er ist.}
\txtB{Kurz, ich, ich halt's mit ihm nicht l\"anger aus.}
\txtB{Da lauf ich nun bei allen schmutz'gen Mohren}
\txtB{Herum, und frage, wer ihm borgen will.}
\txtB{Ich, der ich nie f\"ur mich gebettelt habe,}
\txtB{Soll nun f\"ur andre borgen. Borgen ist}
\txtB{Viel besser nicht als betteln: so wie leihen,}
\txtB{Auf Wucher leihen, nicht viel besser ist,}
\txtB{Als stehlen. Unter meinen Ghebern, an}
\lino{1490}%
\txtB{Dem Ganges, brauch ich beides nicht, und brauche}
\txtB{Das Werkzeug beider nicht zu sein. Am Ganges,}
\txtB{Am Ganges nur gibt's Menschen. Hier seid Ihr}
\txtB{Der Einzige, der noch so w\"urdig w\"are,}
\txtB{Dass er am Ganges lebte. --- Wollt Ihr mit? ---}
\txtB{Lasst ihm mit eins den Plunder ganz im Stiche,}
\txtB{Um den es ihm zu tun. Er bringt Euch nach}
\txtB{Und nach doch drum. So w\"ar die Plackerei}
\txtB{Auf einmal aus. Ich schaff Euch einen Delk.}
\txtB{Kommt! kommt!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich d\"achte zwar, das blieb' uns ja}
\lino{1500}%
\txtB{Noch immer \"ubrig. Doch, Al-Hafi, will}
\txtB{Ich's \"uberlegen. Warte \ldots}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ \"Uberlegen?}
\txtB{Nein, so was \"uberlegt sich nicht.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nur bis}
\txtB{Ich von dem Sultan wiederkomme; bis}
\txtB{Ich Abschied erst \ldots}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wer \"uberlegt, der sucht}
\txtB{Bewegungsgr\"unde, nicht zu d\"urfen. Wer}
\txtB{Sich Knall und Fall, ihm selbst zu leben, nicht}
\txtB{Entschlie\3en kann, der lebet andrer Sklav'}
\txtB{Auf immer. --- Wie Ihr wollt! --- Lebt wohl! wie's Euch}
\txtB{Wohl d\"unkt. --- Mein Weg liegt dort; und Eurer da.}
\lino{1510}%
\txtH{Nathan}{ Al-Hafi! Du wirst selbst doch erst das Deine}
\txtB{Berichtigen?}
\txtH{Al-Hafi}{ ~~~~~~~ Ach Possen! Der Bestand}
\txtB{Von meiner Kass' ist nicht des Z\"ahlens wert;}
\txtB{Und meine Rechnung b\"urgt --- Ihr oder Sittah.}
\txtB{Lebt wohl! \textcolor{cDescr}{\em (Ab.)}}
\txtI{Nathan}{ihm nachsehend}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~ Die b\"urg ich! --- Wilder, guter, edler ---}
\txtB{Wie nenn ich ihn? --- Der wahre Bettler ist}
\txtB{Doch einzig und allein der wahre K\"onig!}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Von einer andern Seite ab.)}}
|
3. Aufzug
Extended content |
|---|
\Aufzug{Dritter Aufzug}
\Auftritt{Erster Auftritt}
\descrA{{\bf Szene:} in Nathans Hause.}
\descrB{\pers{Recha} {\em und} \pers{Daja}.}
\txtH{Recha}{ Wie, Daja, dr\"uckte sich mein Vater aus?}
\txtB{``Ich d\"urf ihn jeden Augenblick erwarten?''}
\txtB{Das klingt --- nicht wahr? --- als ob er noch so bald}
\lino{1520}%
\txtB{Erscheinen werde. --- Wie viel Augenblicke}
\txtB{Sind aber schon vorbei! --- Ah nun: wer denkt}
\txtB{An die verflossenen? --- Ich will allein}
\txtB{In jedem n\"achsten Augenblicke leben.}
\txtB{Er wird doch einmal kommen, der ihn bringt.}
\txtH{Daja}{ O der verw\"unschten Botschaft von dem Sultan!}
\txtB{Denn Nathan h\"atte sicher ohne sie}
\txtB{Ihn gleich mit hergebracht.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und wenn er nun}
\txtB{Gekommen dieser Augenblick; wenn denn}
\txtB{Nun meiner W\"unsche w\"armster, innigster}
\txtB{Erf\"ullet ist: was dann? --- was dann?}
\lino{1530}%
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was dann?}
\txtB{Dann hoff ich, dass auch meiner W\"unsche w\"armster}
\txtB{Soll in Erf\"ullung gehen.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was wird dann}
\txtB{In meiner Brust an dessen Stelle treten,}
\txtB{Die schon verlernt, ohn einen herrschenden}
\txtB{Wunsch aller W\"unsche sich zu dehnen? --- Nichts?}
\txtB{Ah, ich erschrecke! \ldots}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Mein, mein Wunsch wird dann}
\txtB{An des erf\"ullten Stelle treten; meiner.}
\txtB{Mein Wunsch, dich in Europa, dich in H\"anden}
\txtB{Zu wissen, welche deiner w\"urdig sind.}
\lino{1540}%
\txtH{Recha}{ Du irrst. --- Was diesen Wunsch zu deinem macht,}
\txtB{Das N\"amliche verhindert, dass er meiner}
\txtB{Je werden kann. Dich zieht dein Vaterland:}
\txtB{Und meines, meines sollte mich nicht halten?}
\txtB{Ein Bild der Deinen, das in deiner Seele}
\txtB{Noch nicht verloschen, sollte mehr verm\"ogen,}
\txtB{Als die ich sehn, und greifen kann, und h\"oren,}
\txtB{Die Meinen?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~ Sperre dich, soviel du willst!}
\txtB{Des Himmels Wege sind des Himmels Wege.}
\txtB{Und wenn es nun dein Retter selber w\"are,}
\lino{1550}%
\txtB{Durch den sein Gott, f\"ur den er k\"ampft, dich in}
\txtB{Das Land, dich zu dem Volke f\"uhren wollte,}
\txtB{F\"ur welche du geboren wurdest?}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Daja!}
\txtB{Was sprichst du da nun wieder, liebe Daja!}
\txtB{Du hast doch wahrlich deine sonderbaren}
\txtB{Begriffe! ``Sein, sein Gott! f\"ur den er k\"ampft!''}
\txtB{Wem eignet Gott? was ist das f\"ur ein Gott,}
\txtB{Der einem Menschen eignet? der f\"ur sich}
\txtB{Muss k\"ampfen lassen? --- Und wie wei\3}
\txtB{Man denn, f\"ur welchen Erdklo\3 man geboren,}
\lino{1560}%
\txtB{Wenn man's f\"ur den nicht ist, auf welchem man}
\txtB{Geboren? --- Wenn mein Vater dich so h\"orte! ---}
\txtB{Was tat er dir, mir immer nur mein Gl\"uck}
\txtB{So weit von ihm als m\"oglich vorzuspiegeln?}
\txtB{Was tat er dir, den Samen der Vernunft,}
\txtB{Den er so rein in meine Seele streute,}
\txtB{Mit deines Landes Unkraut oder Blumen}
\txtB{So gern zu mischen? --- Liebe, liebe Daja,}
\txtB{Er will nun deine bunten Blumen nicht}
\txtB{Auf meinem Boden! --- Und ich muss dir sagen,}
\lino{1570}%
\txtB{Ich selber f\"uhle meinen Boden, wenn}
\txtB{Sie noch so sch\"on ihn kleiden, so entkr\"aftet,}
\txtB{So ausgezehrt durch deine Blumen; f\"uhle}
\txtB{In ihrem Dufte, sauers\"u\3em Dufte,}
\txtB{Mich so bet\"aubt, so schwindelnd! --- Dein Gehirn}
\txtB{Ist dessen mehr gewohnt. Ich tadle drum}
\txtB{Die st\"arkern Nerven nicht, die ihn vertragen.}
\txtB{Nur schl\"agt er mir nicht zu; und schon dein Engel,}
\txtB{Wie wenig fehlte, dass er mich zur N\"arrin}
\txtB{Gemacht? --- Noch sch\"am ich mich vor meinem Vater}
\txtB{Der Posse!}
\lino{1580}%
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~ Posse! --- Als ob der Verstand}
\txtB{Nur hier zu Hause w\"are! Posse! Posse!}
\txtB{Wenn ich nur reden d\"urfte!}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Darfst du nicht?}
\txtB{Wenn war ich nicht ganz Ohr, sooft es dir}
\txtB{Gefiel, von deinen Glaubenshelden mich}
\txtB{Zu unterhalten? Hab ich ihren Taten}
\txtB{Nicht stets Bewunderung; und ihren Leiden}
\txtB{Nicht immer Tr\"anen gern gezollt? Ihr Glaube}
\txtB{Schien freilich mir das Heldenm\"a\3igste}
\txtB{An ihnen nie. Doch so viel tr\"ostender}
\lino{1590}%
\txtB{War mir die Lehre, dass Ergebenheit}
\txtB{In Gott von unserm W\"ahnen \"uber Gott}
\txtB{So ganz und gar nicht abh\"angt. --- Liebe Daja,}
\txtB{Das hat mein Vater uns so oft gesagt;}
\txtB{Dar\"uber hast du selbst mit ihm so oft}
\txtB{Dich einverstanden: warum untergr\"abst}
\txtB{Du denn allein, was du mit ihm zugleich}
\txtB{Gebauet? --- Liebe Daja, das ist kein}
\txtB{Gespr\"ach, womit wir unserm Freund' am besten}
\txtB{Entgegensehn. F\"ur mich zwar, ja! Denn mir,}
\lino{1600}%
\txtB{Mir liegt daran unendlich, ob auch er \ldots}
\txtB{Horch, Daja! --- Kommt es nicht an unsre T\"ure?}
\txtB{Wenn Er es w\"are! horch!}
\Auftritt{Zweiter Auftritt}
\descrA{\pers{Recha. Daja} {\em und der} \pers{Tempelherr}, {\em dem jemand von au\3en die T\"ure \"offnet, mit den Worten:}}
\txtB{Nur hier herein!}
\txtI{Recha}{f\"ahrt zusammen, fasst sich, und will ihm zu F\"u\3en fallen}{ Er ist's --- Mein Retter, ah!}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dies zu vermeiden}
\txtB{Erschien ich blo\3 so sp\"at: und doch ---}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich will}
\txtB{Ja zu den F\"u\3en dieses stolzen Mannes}
\txtB{Nur Gott noch einmal danken; nicht dem Manne.}
\txtB{Der Mann will keinen Dank; will ihn so wenig}
\txtB{Als ihn der Wassereimer will, der bei}
\txtB{Dem L\"oschen so gesch\"aftig sich erwiesen.}
\lino{1610}%
\txtB{Der lie\3 sich f\"ullen, lie\3 sich leeren, mir}
\txtB{Nichts, dir nichts: also auch der Mann. Auch der}
\txtB{Ward nun so in die Glut hineingesto\3en;}
\txtB{Da fiel ich ungef\"ahr ihm in den Arm;}
\txtB{Da blieb ich ungef\"ahr, so wie ein Funken}
\txtB{Auf seinem Mantel, ihm in seinen Armen;}
\txtB{Bis wiederum, ich wei\3 nicht was, uns beide}
\txtB{Herausschmiss aus der Glut. --- Was gibt es da}
\txtB{Zu danken? --- In Europa treibt der Wein}
\txtB{Zu noch weit andern Taten. --- Tempelherren,}
\lino{1620}%
\txtB{Die m\"ussen einmal nun so handeln; m\"ussen}
\txtB{Wie etwas besser zugelernte Hunde,}
\txtB{Sowohl aus Feuer, als aus Wasser holen.}
\txtI{Tempelherr}{der sie mit Erstaunen und Unruhe die Zeit \"uber betrachtet}{ O Daja, Daja! Wenn in Augenblicken}
\txtB{Des Kummers und der Galle, meine Laune}
\txtB{Dich \"ubel anlie\3, warum jede Torheit,}
\txtB{Die meiner Zung' entfuhr, ihr hinterbringen?}
\txtB{Das hie\3 sich zu empfindlich r\"achen, Daja!}
\txtB{Doch wenn du nur von nun an, besser mich}
\txtB{Bei ihr vertreten willst.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich denke, Ritter,}
\lino{1630}%
\txtB{Ich denke nicht, dass diese kleinen Stacheln,}
\txtB{Ihr an das Herz geworfen, Euch da sehr}
\txtB{Geschadet haben.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie? Ihr hattet Kummer?}
\txtB{Und wart mit Euerm Kummer geiziger}
\txtB{Als Euerm Leben?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~ Gutes, holdes Kind! ---}
\txtB{Wie ist doch meine Seele zwischen Auge}
\txtB{Und Ohr geteilt! --- Das war das M\"adchen nicht,}
\txtB{Nein, nein, das war es nicht, das aus dem Feuer}
\txtB{Ich holte. --- Denn wer h\"atte die gekannt,}
\txtB{Und aus dem Feuer nicht geholt? Wer h\"atte}
\lino{1640}%
\txtB{Auf mich gewartet? --- Zwar --- verstellt --- der Schreck}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Pause, unter der er, in Anschauung ihrer, sich wie verliert.)}}
\txtH{Recha}{ Ich aber find Euch noch den N\"amlichen. ---}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Dergleichen; bis sie fortf\"ahrt, um ihn in seinem Anstaunen zu unterbrechen.)}}
\txtB{Nun, Ritter, sagt uns doch, wo Ihr so lange}
\txtB{Gewesen? --- Fast d\"urft ich auch fragen: wo}
\txtB{Ihr itzo seid?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~ Ich bin, --- wo ich vielleicht}
\txtB{Nicht sollte sein. ---}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wo Ihr gewesen? --- Auch}
\txtB{Wo Ihr vielleicht nicht solltet sein gewesen?}
\txtB{Das ist nicht gut.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~ Auf --- auf --- wie hei\3t der Berg?}
\txtB{Auf Sinai.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~ Auf Sinai? --- Ah sch\"on!}
\txtB{Nun kann ich zuverl\"assig doch einmal}
\txtB{Erfahren, ob es wahr \ldots}
\lino{1650}%
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was? was? Ob's wahr,}
\txtB{Dass noch daselbst der Ort zu sehn, wo Moses}
\txtB{Vor Gott gestanden, als \ldots}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun das wohl nicht.}
\txtB{Denn wo er stand, stand er vor Gott. Und davon}
\txtB{Ist mir zur G'n\"uge schon bekannt. --- Ob's wahr,}
\txtB{M\"ocht ich nur gern von Euch erfahren, dass ---}
\txtB{Dass es bei weitem nicht so m\"uhsam sei,}
\txtB{Auf diesen Berg hinaufzusteigen, als}
\txtB{Herab? --- Denn seht; so viel ich Berge noch}
\txtB{Gestiegen bin, war's just das Gegenteil. ---}
\lino{1660}%
\txtB{Nun, Ritter? --- Was? --- Ihr kehrt Euch von mir ab?}
\txtB{Wollt mich nicht sehn?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Weil ich Euch h\"oren will.}
\txtH{Recha}{ Weil Ihr mich nicht wollt merken lassen, dass}
\txtB{Ihr meiner Einfalt l\"achelt; dass Ihr l\"achelt,}
\txtB{Wie ich Euch doch so gar nichts Wichtigers}
\txtB{Von diesem heiligen Berg' aller Berge}
\txtB{Zu fragen wei\3? Nicht wahr?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So muss}
\txtB{Ich doch Euch wieder in die Augen sehn. ---}
\txtB{Was? Nun schlagt Ihr sie nieder? nun verbei\3t}
\txtB{Das L\"acheln Ihr? wie ich noch erst in Mienen,}
\lino{1670}%
\txtB{In zweifelhaften Mienen lesen will,}
\txtB{Was ich so deutlich h\"or, Ihr so vernehmlich}
\txtB{Mir sagt --- verschweigt? --- Ah Recha! Recha! Wie}
\txtB{Hat er so wahr gesagt: ``Kennt sie nur erst!''}
\txtH{Recha}{ Wer hat? --- von wem? --- Euch das gesagt?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ``Kennt sie}
\txtB{Nur erst!'' hat Euer Vater mir gesagt;}
\txtB{Von Euch gesagt.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und ich nicht etwa auch?}
\txtB{Ich denn nicht auch?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Allein wo ist er denn?}
\txtB{Wo ist denn Euer Vater? Ist er noch}
\txtB{Beim Sultan?}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~ Ohne Zweifel.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Noch, noch da? ---}
\lino{1680}%
\txtB{O mich Vergesslichen! Nein, nein; da ist}
\txtB{Er schwerlich mehr. --- Er wird dort unten bei}
\txtB{Dem Kloster meiner warten; ganz gewiss.}
\txtB{So red'ten, mein ich, wir es ab. Erlaubt!}
\txtB{Ich geh, ich hol ihn \ldots}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das ist meine Sache.}
\txtB{Bleibt, Ritter, bleibt. Ich bring ihn unverz\"uglich.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Nicht so, nicht so! Er sieht mir selbst entgegen;}
\txtB{Nicht Euch. Dazu, er k\"onnte leicht \ldots wer wei\3? \ldots}
\txtB{Er k\"onnte bei dem Sultan leicht, \ldots Ihr kennt}
\txtB{Den Sultan nicht! \ldots leicht in Verlegenheit}
\lino{1690}%
\txtB{Gekommen sein. --- Glaubt mir; es hat Gefahr,}
\txtB{Wenn ich nicht geh.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Gefahr? was f\"ur Gefahr?}
\txtH{Tempelherr}{ Gefahr f\"ur mich, f\"ur Euch, f\"ur ihn: wenn ich}
\txtB{Nicht schleunig, schleunig geh. \textcolor{cDescr}{\em (Ab.)}}
\Auftritt{Dritter Auftritt}
\descrA{\pers{Recha} {\em und} \pers{Daja}.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was ist das, Daja? ---}
\txtB{So schnell? --- Was k\"ommt ihm an? Was fiel ihm auf?}
\txtB{Was jagt ihn?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Lasst nur, lasst. Ich denk, es ist}
\txtB{Kein schlimmes Zeichen.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Zeichen? und wovon?}
\txtH{Daja}{ Dass etwas vorgeht innerhalb. Es kocht,}
\txtB{Und soll nicht \"uberkochen. Lasst ihn nur.}
\txtB{Nun ist's an Euch.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was ist an mir? Du wirst,}
\txtB{Wie er, mir unbegreiflich.}
\lino{1700}%
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Bald nun k\"onnt}
\txtB{Ihr ihm die Unruh' all vergelten, die}
\txtB{Er Euch gemacht hat. Seid nur aber auch}
\txtB{Nicht allzu streng, nicht allzu rachbegierig.}
\txtH{Recha}{ Wovon du sprichst, das magst du selber wissen.}
\txtH{Daja}{ Und seid denn Ihr bereits so ruhig wieder?}
\txtH{Recha}{ Das bin ich; ja das bin ich \ldots}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wenigstens}
\txtB{Gesteht, dass Ihr Euch seiner Unruh' freut;}
\txtB{Und seiner Unruh' danket, was Ihr itzt}
\txtB{Von Ruh' genie\3t.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Mir v\"ollig unbewusst!}
\lino{1710}%
\txtB{Denn was ich h\"ochstens dir gestehen k\"onnte,}
\txtB{War, dass es mich --- mich selbst befremdet, wie}
\txtB{Auf einen solchen Sturm in meinem Herzen}
\txtB{So eine Stille pl\"otzlich folgen k\"onnen.}
\txtB{Sein voller Anblick, sein Gespr\"ach, sein Tun}
\txtB{Hat mich \ldots}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ges\"attigt schon?}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ges\"attigt, will}
\txtB{Ich nun nicht sagen; nein --- bei weitem nicht ---}
\txtH{Daja}{ Den hei\3en Hunger nur gestillt.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun ja;}
\txtB{Wenn du so willst.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich eben nicht.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Er wird}
\txtB{Mir ewig wert; mir ewig werter, als}
\lino{1720}%
\txtB{Mein Leben bleiben: wenn auch schon mein Puls}
\txtB{Nicht mehr bei seinem blo\3en Namen wechselt;}
\txtB{Nicht mehr mein Herz, sooft ich an ihn denke,}
\txtB{Geschwinder, st\"arker schl\"agt --- Was schwatz ich? Komm,}
\txtB{Komm, liebe Daja, wieder an das Fenster,}
\txtB{Das auf die Palmen sieht.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So ist er doch}
\txtB{Wohl noch nicht ganz gestillt, der hei\3e Hunger.}
\txtH{Recha}{ Nun werd ich auch die Palmen wieder sehn:}
\txtB{Nicht ihn blo\3 untern Palmen.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Diese K\"alte}
\txtB{Beginnt auch wohl ein neues Fieber nur.}
\txtH{Recha}{}
\lino{1730}%
\txtB{Was K\"alt'? Ich bin nicht kalt. Ich sehe wahrlich}
\txtB{Nicht minder gern, was ich mit Ruhe sehe.}
\Auftritt{Vierter Auftritt}
\descrA{{\bf Szene:} ein Audienzsaal in dem Palaste des Saladin.}
\descrB{\pers{Saladin} {\em und} \pers{Sittah}.}
\txtH{Saladin \textcolor{cDescr}{\em (im Hereintreten, gegen die T\"ure)}.}{}
\txtB{Hier bringt den Juden her, sobald er k\"ommt.}
\txtB{Er scheint sich eben nicht zu \"ubereilen.}
\txtH{Sittah}{}
\txtB{Er war auch wohl nicht bei der Hand; nicht gleich}
\txtB{Zu finden.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~ Schwester! Schwester!}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Tust du doch}
\txtB{Als st\"unde dir ein Treffen vor.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und das}
\txtB{Mit Waffen, die ich nicht gelernt zu f\"uhren.}
\txtB{Ich soll mich stellen; soll besorgen lassen;}
\txtB{Soll Fallen legen; soll auf Glatteis f\"uhren.}
\lino{1740}%
\txtB{Wenn h\"att ich das gekonnt? Wo h\"att ich das}
\txtB{Gelernt? --- Und soll das alles, ah, wozu?}
\txtB{Wozu? --- Um Geld zu fischen; Geld! --- Um Geld,}
\txtB{Geld einem Juden abzubangen; Geld!}
\txtB{Zu solchen kleinen Listen war ich endlich}
\txtB{Gebracht, der Kleinigkeiten kleinste mir}
\txtB{Zu schaffen?}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~ Jede Kleinigkeit, zu sehr}
\txtB{Verschm\"aht, die r\"acht sich, Bruder.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Leider wahr. ---}
\txtB{Und wenn nun dieser Jude gar der gute,}
\txtB{Vern\"unft'ge Mann ist, wie der Derwisch dir}
\txtB{Ihn ehedem beschrieben?}
\lino{1750}%
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ O nun dann!}
\txtB{Was hat es dann f\"ur Not! Die Schlinge liegt}
\txtB{Ja nur dem geizigen, besorglichen,}
\txtB{Furchtsamen Juden: nicht dem guten, nicht}
\txtB{Dem weisen Manne. Dieser ist ja so}
\txtB{Schon unser, ohne Schlinge. Das Vergn\"ugen}
\txtB{Zu h\"oren, wie ein solcher Mann sich ausred't;}
\txtB{Mit welcher dreisten St\"ark' entweder, er}
\txtB{Die Stricke kurz zerrei\3et; oder auch}
\txtB{Mit welcher schlauen Vorsicht er die Netze}
\lino{1760}%
\txtB{Vorbei sich windet: dies Vergn\"ugen hast}
\txtB{Du obendrein.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~ Nun, das ist wahr. Gewiss;}
\txtB{Ich freue mich darauf.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So kann dich ja}
\txtB{Auch weiter nichts verlegen machen. Denn}
\txtB{Ist's einer aus der Menge blo\3; ist's blo\3}
\txtB{Ein Jude, wie ein Jude: gegen den}
\txtB{Wirst du dich doch nicht sch\"amen, so zu scheinen}
\txtB{Wie er die Menschen all sich denkt? Vielmehr;}
\txtB{Wer sich ihm besser zeigt, der zeigt sich ihm}
\txtB{Als Geck, als Narr.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So muss ich ja wohl gar}
\lino{1770}%
\txtB{Schlecht handeln, dass von mir der Schlechte nicht}
\txtB{Schlecht denke?}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Traun! wenn du schlecht handeln nennst,}
\txtB{Ein jedes Ding nach seiner Art zu brauchen.}
\txtH{Saladin}{ Was h\"att ein Weiberkopf erdacht, das er}
\txtB{Nicht zu besch\"onen w\"usste!}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Zu besch\"onen!}
\txtH{Saladin}{ Das feine, spitze Ding, besorg ich nur,}
\txtB{In meiner plumpen Hand zerbricht! --- So was}
\txtB{Will ausgef\"uhrt sein, wie's erfunden ist:}
\txtB{Mit aller Pfiffigkeit, Gewandtheit. --- Doch,}
\txtB{Mag's doch nur, mag's! Ich tanze, wie ich kann;}
\lino{1780}%
\txtB{Und k\"onnt es freilich, lieber --- schlechter noch}
\txtB{Als besser.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~ Trau dir auch nur nicht zu wenig!}
\txtB{ich stehe dir f\"ur dich! Wenn du nur willst. ---}
\txtB{Dass uns die M\"anner deinesgleichen doch}
\txtB{So gern bereden m\"ochten, nur ihr Schwert,}
\txtB{Ihr Schwert nur habe sie so weit gebracht.}
\txtB{Der L\"owe sch\"amt sich freilich, wenn er mit}
\txtB{Dem Fuchse jagt: --- des Fuchses, nicht der List.}
\txtH{Saladin}{ Und dass die Weiber doch so gern den Mann}
\txtB{Zu sich herunter h\"atten! --- Geh nur, geh! ---}
\lino{1790}%
\txtB{Ich glaube meine Lektion zu k\"onnen.}
\txtH{Sittah}{ Was? ich soll gehn?}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Du wolltest doch nicht bleiben?}
\txtH{Sittah}{}
\txtB{Wenn auch nicht bleiben \ldots im Gesicht euch bleiben ---}
\txtB{Doch hier im Nebenzimmer ---}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Da zu horchen?}
\txtB{Auch das nicht, Schwester; wenn ich soll bestehn. ---}
\txtB{Fort, fort! der Vorhang rauscht; er k\"ommt! --- doch dass}
\txtB{Du ja nicht da verweilst! Ich sehe nach.}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Indem sie sich durch die eine T\"ure entfernt,}}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em tritt Nathan zu der andern herein; und Saladin hat sich gesetzt.)}}
\Auftritt{F\"unfter Auftritt}
\descrA{\pers{Saladin} {\em und} \pers{Nathan}.}
\txtH{Saladin}{ Tritt n\"aher, Jude! --- N\"aher! --- Nur ganz her! ---}
\txtB{Nur ohne Furcht!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Die bleibe deinem Feinde!}
\txtH{Saladin}{ Du nennst dich Nathan?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ja.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Den weisen Nathan?}
\txtH{Nathan}{ Nein.}
\lino{1800}%
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~ Wohl! nennst du dich nicht; nennt dich das Volk.}
\txtH{Nathan}{ Kann sein; das Volk!}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Du glaubst doch nicht, dass ich}
\txtB{Ver\"achtlich von des Volkes Stimme denke? ---}
\txtB{Ich habe l\"angst gew\"unscht, den Mann zu kennen,}
\txtB{Den es den Weisen nennt.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und wenn es ihn}
\txtB{Zum Spott so nennte? Wenn dem Volke weise}
\txtB{Nichts weiter w\"ar als klug? und klug nur der,}
\txtB{Der sich auf seinen Vorteil gut versteht?}
\txtH{Saladin}{ Auf seinen wahren Vorteil, meinst du doch?}
\txtH{Nathan}{ Dann freilich war der Eigenn\"utzigste}
\lino{1810}%
\txtB{Der Kl\"ugste. Dann war freilich klug und weise}
\txtB{Nur eins.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~ Ich h\"ore dich erweisen, was}
\txtB{Du widersprechen willst. --- Des Menschen wahre}
\txtB{Vorteile, die das Volk nicht kennt --- kennst du.}
\txtB{Hast du zu kennen wenigstens gesucht;}
\txtB{Hast dr\"uber nachgedacht: das auch allein}
\txtB{Macht schon den Weisen.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Der sich jeder d\"unkt}
\txtB{Zu sein.}
\txtH{Saladin}{ ~~~ Nun der Bescheidenheit genug!}
\txtB{Denn sie nur immerdar zu h\"oren, wo}
\txtB{Man trockene Vernunft erwartet, ekelt.}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Er springt auf.)}}
\lino{1820}%
\txtB{Lass uns zur Sache kommen! Aber, aber}
\txtB{Aufrichtig, Jud', aufrichtig!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Sultan, ich}
\txtB{Will sicherlich dich so bedienen, dass}
\txtB{Ich deiner fernem Kundschaft w\"urdig bleibe.}
\txtH{Saladin}{ Bedienen? wie?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Du sollst das Beste haben}
\txtB{Von allem; sollst es um den billigsten}
\txtB{Preis haben.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~ Wovon sprichst du? doch wohl nicht}
\txtB{Von deinen Waren? --- Schachern wird mit dir}
\txtB{Schon meine Schwester. (Das der Horcherin!) ---}
\txtB{Ich habe mit dem Kaufmann nichts zu tun.}
\lino{1830}%
\txtH{Nathan}{ So wirst du ohne Zweifel wissen wollen,}
\txtB{Was ich auf meinem Wege von dem Feinde,}
\txtB{Der allerdings sich wieder reget, etwa}
\txtB{Bemerkt, getroffen? --- Wenn ich unverhohlen \ldots}
\txtH{Saladin}{ Auch darauf bin ich eben nicht mir dir}
\txtB{Gesteuert. Davon wei\3 ich schon, so viel}
\txtB{Ich n\"otig habe. --- Kurz; ---}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Gebiete, Sultan.}
\txtH{Saladin}{ Ich heische deinen Unterricht in ganz}
\txtB{Was anderm; ganz was anderm. --- Da du nun}
\txtB{So weise bist: so sage mir doch einmal ---}
\lino{1840}%
\txtB{Was f\"ur ein Glaube, was f\"ur ein Gesetz}
\txtB{Hat dir am meisten eingeleuchtet?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Sultan,}
\txtB{Ich bin ein Jud'.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~ Und ich ein Muselmann.}
\txtB{Der Christ ist zwischen uns. --- Von diesen drei}
\txtB{Religionen kann doch eine nur}
\txtB{Die wahre sein. --- Ein Mann, wie du, bleibt da}
\txtB{Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt}
\txtB{Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt,}
\txtB{Bleibt er aus Einsicht, Gr\"unden, Wahl des Bessern.}
\txtB{Wohlan! so teile deine Einsicht mir}
\lino{1850}%
\txtB{Dann mit. Lass mich die Gr\"unde h\"oren, denen}
\txtB{Ich selber nachzugr\"ubeln, nicht die Zeit}
\txtB{Gehabt. Lass mich die Wahl, die diese Gr\"unde}
\txtB{Bestimmt, --- versteht sich, im Vertrauen --- wissen,}
\txtB{Damit ich sie zu meiner mache. --- Wie?}
\txtB{Du stutzest? w\"agst mich mit dem Auge? --- Kann}
\txtB{Wohl sein, dass ich der erste Sultan bin,}
\txtB{Der eine solche Grille hat; die mich}
\txtB{Doch eines Sultans eben nicht so ganz}
\txtB{Unw\"urdig d\"unkt. --- Nicht wahr? --- So rede doch!}
\lino{1860}%
\txtB{Sprich! --- Oder willst du einen Augenblick,}
\txtB{Dich zu bedenken? Gut; ich geb ihn dir. ---}
\txtB{(Ob sie wohl horcht? Ich will sie doch belauschen;}
\txtB{Will h\"oren, ob ich's recht gemacht. ---) Denk nach!}
\txtB{Geschwind denk nach! Ich s\"aume nicht, zur\"uck-}
\txtB{Zukommen. \textcolor{cDescr}{\em (Er geht in das Nebenzimmer, nach welchem sich Sittah begeben.)}}
\Auftritt{Sechster Auftritt}
\descrA{\pers{Nathan} {\em allein}.}
\txtB{~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Hm! hm! --- wunderlich! --- Wie ist}
\txtB{Mir denn? --- Was will der Sultan? was? --- Ich bin}
\txtB{Auf Geld gefasst; und er will --- Wahrheit. Wahrheit!}
\txtB{Und will sie so, --- so bar, so blank, --- als ob}
\txtB{Die Wahrheit M\"unze w\"are! --- Ja, wenn noch}
\lino{1870}%
\txtB{Uralte M\"unze, die gewogen ward! ---}
\txtB{Das ginge noch! Allein so neue M\"unze,}
\txtB{Die nur der Stempel macht, die man aufs Brett}
\txtB{Nur z\"ahlen darf, das ist sie doch nun nicht!}
\txtB{Wie Geld in Sack, so striche man in Kopf}
\txtB{Auch Wahrheit ein? Wer ist denn hier der Jude?}
\txtB{Ich oder er? --- Doch wie? Sollt er auch wohl}
\txtB{Die Wahrheit nicht in Wahrheit fodern? --- Zwar,}
\txtB{Zwar der Verdacht, dass er die Wahrheit nur}
\txtB{Als Falle brauche, w\"ar auch gar zu klein! ---}
\lino{1880}%
\txtB{Zu klein? --- Was ist f\"ur einen Gro\3en denn}
\txtB{Zu klein? --- Gewiss, gewiss: er st\"urzte mit}
\txtB{Der T\"ure so ins Haus! Man pocht doch, h\"ort}
\txtB{Doch erst, wenn man als Freund sich naht. --- Ich muss}
\txtB{Behutsam gehn! --- Und wie? wie das? --- So ganz}
\txtB{Stockjude sein zu wollen, geht schon nicht. ---}
\txtB{Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder.}
\txtB{Denn, wenn kein Jude, d\"urft er mich nur fragen,}
\txtB{Warum kein Muselmann? --- Das war's! Das kann}
\txtB{Mich retten! --- Nicht die Kinder blo\3, speist man}
\lino{1890}%
\txtB{Mit M\"archen ab. --- Er k\"ommt. Er komme nur!}
\Auftritt{Siebenter Auftritt}
\descrA{\pers{Saladin} {\em und} \pers{Nathan}.}
\txtH{Saladin}{ (So ist das Feld hier rein!) --- Ich komm dir doch}
\txtB{Nicht zu geschwind zur\"uck? Du bist zu Rande}
\txtB{Mit deiner \"Uberlegung. --- Nun so rede!}
\txtB{Es h\"ort uns keine Seele.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ M\"ocht auch doch}
\txtB{Die ganze Welt uns h\"oren.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So gewiss}
\txtB{Ist Nathan seiner Sache? Ha! das nenn}
\txtB{Ich einen Weisen! Nie die Wahrheit zu}
\txtB{Verhehlen! f\"ur sie alles auf das Spiel}
\txtB{Zu setzen! Leib und Leben! Gut und Blut!}
\txtH{Nathan}{ Ja! ja! wann's n\"otig ist und nutzt.}
\lino{1900}%
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Von nun}
\txtB{An darf ich hoffen, einen meiner Titel,}
\txtB{Verbesserer der Welt und des Gesetzes,}
\txtB{Mit Recht zu f\"uhren.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Traun, ein sch\"oner Titel!}
\txtB{Doch, Sultan, eh ich mich dir ganz vertraue,}
\txtB{Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu}
\txtB{Erz\"ahlen?}
\txtH{Saladin}{ ~~~~ Warum das nicht? Ich bin stets}
\txtB{Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut}
\txtB{Erz\"ahlt.}
\txtH{Nathan}{ ~ Ja, gut erz\"ahlen, das ist nun}
\txtB{Wohl eben meine Sache nicht.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Schon wieder}
\lino{1910}%
\txtB{So stolz bescheiden? --- Mach! erz\"ahl, erz\"ahle!}
\txtH{Nathan}{ Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten,}
\txtB{Der einen Ring von unsch\"atzbarem Wert'}
\txtB{Aus lieber Hand besa\3. Der Stein war ein}
\txtB{Opal, der hundert sch\"one Farben spielte,}
\txtB{Und hatte die geheime Kraft, vor Gott}
\txtB{Und Menschen angenehm zu machen, wer}
\txtB{In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,}
\txtB{Dass ihn der Mann in Osten darum nie}
\txtB{Vom Finger lie\3; und die Verf\"ugung traf,}
\lino{1920}%
\txtB{Auf ewig ihn bei seinem Hause zu}
\txtB{Erhalten? N\"amlich so. Er lie\3 den Ring}
\txtB{Von seinen S\"ohnen dem geliebtesten;}
\txtB{Und setzte fest, dass dieser wiederum}
\txtB{Den Ring von seinen S\"ohnen dem vermache,}
\txtB{Der ihm der liebste sei; und stets der Liebste,}
\txtB{Ohn Ansehn der Geburt, in Kraft allein}
\txtB{Des Rings, das Haupt, der F\"urst des Hauses werde. ---}
\txtB{Versteh mich, Sultan.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich versteh dich. Weiter!}
\txtH{Nathan}{ So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,}
\lino{1930}%
\txtB{Auf einen Vater endlich von drei S\"ohnen;}
\txtB{Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,}
\txtB{Die alle drei er folglich gleich zu lieben}
\txtB{Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit}
\txtB{Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald}
\txtB{Der dritte, --- sowie jeder sich mit ihm}
\txtB{Allein befand, und sein ergie\3end Herz}
\txtB{Die andern zwei nicht teilten, --- w\"urdiger}
\txtB{Des Ringes; den er denn auch einem jeden}
\txtB{Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.}
\lino{1940}%
\txtB{Das ging nun so, solang es ging. --- Allein}
\txtB{Es kam zum Sterben, und der gute Vater}
\txtB{K\"ommt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei}
\txtB{Von seinen S\"ohnen, die sich auf sein Wort}
\txtB{Verlassen, so zu kr\"anken. --- Was zu tun? ---}
\txtB{Er sendet in geheim zu einem K\"unstler,}
\txtB{Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,}
\txtB{Zwei andere bestellt, und weder Kosten}
\txtB{Noch M\"uhe sparen hei\3t, sie jenem gleich,}
\txtB{Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt}
\lino{1950}%
\txtB{Dem K\"unstler. Da er ihm die Ringe bringt,}
\txtB{Kann selbst der Vater seinen Musterring}
\txtB{Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft}
\txtB{Er seine S\"ohne, jeden insbesondre;}
\txtB{Gibt jedem insbesondre seinen Segen, ---}
\txtB{Und seinen Ring, --- und stirbt. --- Du h\"orst doch, Sultan?}
\txtI{Saladin}{der sich betroffen von ihm gewandt}{}
\txtB{Ich h\"or, ich h\"ore! --- Komm mit deinem M\"archen}
\txtB{Nur bald zu Ende. --- Wird's?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich bin zu Ende.}
\txtB{Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst. ---}
\txtB{Kaum war der Vater tot, so k\"ommt ein jeder}
\lino{1960}%
\txtB{Mit seinem Ring', und jeder will der F\"urst}
\txtB{Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,}
\txtB{Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht}
\txtB{Erweislich; --- \textcolor{cDescr}{\em (nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet)}}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Fast so unerweislich, als}
\txtB{Uns itzt --- der rechte Glaube.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie? das soll}
\txtB{Die Antwort sein auf meine Frage? \ldots}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Soll}
\txtB{Mich blo\3 entschuldigen, wenn ich die Ringe,}
\txtB{Mir nicht getrau zu unterscheiden, die}
\txtB{Der Vater in der Absicht machen lie\3,}
\txtB{Damit sie nicht zu unterscheiden w\"aren.}
\txtH{Saladin}{}
\lino{1970}%
\txtB{Die Ringe! --- Spiele nicht mit mir! --- Ich d\"achte,}
\txtB{Dass die Religionen, die ich dir}
\txtB{Genannt, doch wohl zu unterscheiden w\"aren.}
\txtB{Bis auf die Kleidung; bis auf Speis und Trank!}
\txtH{Nathan}{ Und nur von Seiten ihrer Gr\"unde nicht. ---}
\txtB{Denn gr\"unden alle sich nicht auf Geschichte?}
\txtB{Geschrieben oder \"uberliefert! --- Und}
\txtB{Geschichte muss doch wohl allein auf Treu}
\txtB{Und Glauben angenommen werden? --- Nicht? ---}
\txtB{Nun wessen Treu und Glauben zieht man denn}
\lino{1980}%
\txtB{Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?}
\txtB{Doch deren Blut wir sind? doch deren, die}
\txtB{Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe}
\txtB{Gegeben? die uns nie get\"auscht, als wo}
\txtB{Get\"auscht zu werden uns heilsamer war? ---}
\txtB{Wie kann ich meinen V\"atern weniger,}
\txtB{Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. ---}
\txtB{Kann ich von dir verlangen, dass du deine}
\txtB{Vorfahren L\"ugen strafst, um meinen nicht}
\txtB{Zu widersprechen? Oder umgekehrt.}
\lino{1990}%
\txtB{Das N\"amliche gilt von den Christen. Nicht? ---}
\txtH{Saladin}{ (Bei dem Lebendigen! Der Mann hat Recht. Ich muss verstummen.)}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Lass auf unsre Ring'}
\txtB{Uns wieder kommen. Wie gesagt: die S\"ohne}
\txtB{Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,}
\txtB{Unmittelbar aus seines Vaters Hand}
\txtB{Den Ring zu haben. --- Wie auch wahr! --- Nachdem}
\txtB{Er von ihm lange das Versprechen schon}
\txtB{Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu}
\txtB{Genie\3en. --- Wie nicht minder wahr! --- Der Vater,}
\lino{2000}%
\txtB{Beteu'rte jeder, k\"onne gegen ihn}
\txtB{Nicht falsch gewesen sein; und eh er dieses}
\txtB{Von ihm, von einem solchen lieben Vater,}
\txtB{Argwohnen lass': eh m\"uss' er seine Br\"uder,}
\txtB{So gern er sonst von ihnen nur das Beste}
\txtB{Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels}
\txtB{Bezeihen; und er wolle die Verr\"ater}
\txtB{Schon auszufinden wissen; sich schon r\"achen.}
\txtH{Saladin}{}
\txtB{Und nun, der Richter? --- Mich verlangt zu h\"oren,}
\txtB{Was du den Richter sagen l\"assest. Sprich!}
\txtH{Nathan}{}
\lino{2010}%
\txtB{Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater}
\txtB{Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich euch}
\txtB{Von meinem Stuhle. Denkt ihr, dass ich R\"atsel}
\txtB{Zu l\"osen da bin? Oder harret ihr,}
\txtB{Bis dass der rechte Ring den Mund er\"offne? ---}
\txtB{Doch halt! Ich h\"ore ja, der rechte Ring}
\txtB{Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;}
\txtB{Vor Gott und Menschen angenehm. Das muss}
\txtB{Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden}
\txtB{Doch das nicht k\"onnen! --- Nun; wen lieben zwei}
\txtB{Von euch am meisten? --- Macht, sagt an! Ihr schweigt?}
\lino{2020}%
\txtB{Die Ringe wirken nur zur\"uck? und nicht}
\txtB{Nach au\3en? Jeder liebt sich selber nur}
\txtB{Am meisten? --- O so seid ihr alle drei}
\txtB{Betrogene Betrieger! Eure Ringe}
\txtB{Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring}
\txtB{Vermutlich ging verloren. Den Verlust}
\txtB{Zu bergen, zu ersetzen, lie\3 der Vater}
\txtB{Die drei f\"ur einen machen.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Herrlich! herrlich!}
\txtH{Nathan}{ Und also; fuhr der Richter fort, wenn ihr}
\lino{2030}%
\txtB{Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:}
\txtB{Geht nur! --- Mein Rat ist aber der: ihr nehmt}
\txtB{Die Sache v\"ollig wie sie liegt. Hat von}
\txtB{Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:}
\txtB{So glaube jeder sicher seinen Ring}
\txtB{Den echten. --- M\"oglich; dass der Vater nun}
\txtB{Die Tyrannei des Einen Rings nicht l\"anger}
\txtB{In seinem Hause dulden wollen! --- Und gewiss;}
\txtB{Dass er euch alle drei geliebt, und gleich}
\txtB{Geliebt: indem er zwei nicht dr\"ucken m\"ogen,}
\lino{2040}%
\txtB{Um einen zu beg\"unstigen. --- Wohlan!}
\txtB{Es eifre jeder seiner unbestochnen}
\txtB{Von Vorurteilen freien Liebe nach!}
\txtB{Es strebe von euch jeder um die Wette,}
\txtB{Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag}
\txtB{Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,}
\txtB{Mit herzlicher Vertr\"aglichkeit, mit Wohltun,}
\txtB{Mit innigster Ergebenheit in Gott,}
\txtB{Zu H\"ulf'! Und wenn sich dann der Steine Kr\"afte}
\txtB{Bei euern Kindes-Kindeskindern \"au\3ern:}
\lino{2050}%
\txtB{So lad ich \"uber tausend tausend Jahre,}
\txtB{Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird}
\txtB{Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen,}
\txtB{Als ich; und sprechen. Geht! --- So sagte der}
\txtB{Bescheidne Richter.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Gott! Gott!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Saladin,}
\txtB{Wenn du dich f\"uhlest, dieser weisere}
\txtB{Versprochne Mann zu sein: \ldots}
\txtI{Saladin}{der auf ihn zust\"urzt, und seine Hand ergreift, die er bis zu Ende nicht wieder fahren l\"asst}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich Staub? Ich Nichts?}
\txtB{O Gott!}
\txtH{Nathan}{ ~ Was ist dir, Sultan?}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nathan, lieber Nathan! ---}
\txtB{Die tausend tausend Jahre deines Richters}
\txtB{Sind noch nicht um. --- Sein Richterstuhl ist nicht}
\lino{2060}%
\txtB{Der meine. --- Geh! --- Geh! --- Aber sei mein Freund.}
\txtH{Nathan}{ Und weiter h\"atte Saladin mir nichts}
\txtB{Zu sagen?}
\txtH{Saladin}{ ~~~~ Nichts.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nichts?}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Gar nichts. --- Und warum?}
\txtH{Nathan}{ Ich h\"atte noch Gelegenheit gew\"unscht,}
\txtB{Dir eine Bitte vorzutragen.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Braucht's}
\txtB{Gelegenheit zu einer Bitte? --- Rede!}
\txtH{Nathan}{}
\txtB{Ich komm von einer weiten Reis', auf welcher}
\txtB{Ich Schulden eingetrieben. --- Fast hab ich}
\txtB{Des baren Gelds zu viel. --- Die Zeit beginnt}
\txtB{Bedenklich wiederum zu werden; --- und}
\lino{2070}%
\txtB{Ich wei\3 nicht recht, wo sicher damit hin. ---}
\txtB{Da dacht ich, ob nicht du vielleicht, --- weil doch}
\txtB{Ein naher Krieg des Geldes immer mehr}
\txtB{Erfodert, --- etwas brauchen k\"onntest.}
\txtI{Saladin}{ihm steif in die Augen sehend}{ ~ Nathan! ---}
\txtB{Ich will nicht fragen, ob Al-Hafi schon}
\txtB{Bei dir gewesen; --- will nicht untersuchen,}
\txtB{Ob dich nicht sonst ein Argwohn treibt, mir dieses}
\txtB{Erbieten freierdings zu tun: \ldots}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ein Argwohn?}
\txtH{Saladin}{}
\txtB{Ich bin ihn wert. --- Verzeih mir! --- denn was hilft's?}
\txtB{Ich muss dir nur gestehen, --- dass ich im}
\txtB{Begriffe war ---}
\lino{2080}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~ Doch nicht, das N\"amliche}
\txtB{An mich zu suchen?}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Allerdings.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So w\"ar}
\txtB{Uns beiden ja geholfen! --- Dass ich aber}
\txtB{Dir alle meine Barschaft nicht kann schicken,}
\txtB{Das macht der junge Tempelherr. --- Du kennst}
\txtB{Ihn ja. --- Ihm hab ich eine gro\3e Post}
\txtB{Vorher noch zu bezahlen.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Tempelherr?}
\txtB{Du wirst doch meine schlimmsten Feinde nicht}
\txtB{Mit deinem Geld auch unterst\"utzen wollen?}
\txtH{Nathan}{ Ich spreche von dem einen nur, dem du}
\txtB{Das Leben spartest \ldots}
\lino{2090}%
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ah! woran erinnerst}
\txtB{Du mich! --- Hab ich doch diesen J\"ungling ganz}
\txtB{Vergessen! --- Kennst du ihn? --- Wo ist er?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie?}
\txtB{So wei\3t du nicht, wie viel von deiner Gnade}
\txtB{F\"ur ihn, durch ihn auf mich geflossen? Er,}
\txtB{Er mit Gefahr des neu erhaltnen Lebens,}
\txtB{Hat meine Tochter aus dem Feu'r gerettet.}
\txtH{Saladin}{ Er? Hat er das? --- Ha! darnach sah er aus.}
\txtB{Das h\"atte traun mein Bruder auch getan,}
\txtB{Dem er so \"ahnelt! --- Ist er denn noch hier?}
\lino{2100}%
\txtB{So bring ihn her! --- Ich habe meine Schwester}
\txtB{Von diesem ihren Bruder, den sie nicht}
\txtB{Gekannt, so viel erz\"ahlet, dass ich sie}
\txtB{Sein Ebenbild doch auch muss sehen lassen! ---}
\txtB{Geh, hol ihn! --- Wie aus Einer guten Tat,}
\txtB{Gebar sie auch schon blo\3e Leidenschaft,}
\txtB{Doch so viel andre gute Taten flie\3en!}
\txtB{Geh, hol ihn!}
\txtI{Nathan}{indem er Saladins Hand fahren l\"asst}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Augenblicks! Und bei dem andern}
\txtB{Bleibt es doch auch? \textcolor{cDescr}{\em (Ab.)}}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ah! dass ich meine Schwester}
\txtB{Nicht horchen lassen! --- Zu ihr! zu ihr! --- Denn}
\lino{2110}%
\txtB{Wie soll ich alles das ihr nun erz\"ahlen?}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Ab von der andern Seite.)}}
\Auftritt{Achter Auftritt}
\descrA{{\bf Szene:} unter den Palmen, in der N\"ahe des Klosters, wo der Tempelherr Nathans wartet.}
\txtH{Der Tempelherr \textcolor{cDescr}{\em (geht, mit sich selbst k\"ampfend, auf und ab; bis er losbricht)}.}{}
\txtB{--- Hier h\"alt das Opfertier erm\"udet still. ---}
\txtB{Nun gut! Ich mag nicht, mag nicht n\"aher wissen,}
\txtB{Was in mir vorgeht; mag voraus nicht wittern,}
\txtB{Was vorgehn wird. --- Genug, ich bin umsonst}
\txtB{Geflohn! umsonst. --- Und weiter {\em konnt} ich doch}
\txtB{Auch nichts, als fliehn? --- Nun komm', was kommen soll! ---}
\txtB{Ihm auszubeugen, war der Streich zu schnell}
\txtB{Gefallen; unter den zu kommen, ich}
\txtB{So lang und viel mich weigerte. --- Sie sehn,}
\lino{2120}%
\txtB{Die ich zu sehn so wenig l\"ustern war, ---}
\txtB{Sie sehn, und der Entschluss, sie wieder aus}
\txtB{Den Augen nie zu lassen --- Was Entschluss?}
\txtB{Entschluss ist Vorsatz, Tat: und ich, ich litt',}
\txtB{Ich litte blo\3. --- Sie sehn, und das Gef\"uhl,}
\txtB{An sie verstrickt, in sie verwebt zu sein,}
\txtB{War eins. --- Bleibt eins. --- Von ihr getrennt}
\txtB{Zu leben, ist mir ganz undenkbar; war}
\txtB{Mein Tod, --- und wo wir immer nach dem Tode}
\txtB{Noch sind, auch da mein Tod. --- Ist das nun Liebe:}
\lino{2130}%
\txtB{So --- liebt der Tempelritter freilich, --- liebt}
\txtB{Der Christ das Judenm\"adchen freilich. --- Hm!}
\txtB{Was tut's? --- Ich hab in dem gelobten Lande, ---}
\txtB{Und drum auch mir {\em gelobt} auf immerdar! ---}
\txtB{Der Vorurteile mehr schon abgelegt. ---}
\txtB{Was will mein Orden auch? Ich Tempelherr}
\txtB{Bin tot; war von dem Augenblick ihm tot,}
\txtB{Der mich zu Saladins Gefangnen machte.}
\txtB{Der Kopf, den Saladin mir schenkte, w\"ar}
\txtB{Mein alter? --- Ist ein neuer; der von allem}
\lino{2140}%
\txtB{Nichts wei\3, was jenem eingeplaudert ward,}
\txtB{Was jenen band. --- Und ist ein bessrer; f\"ur}
\txtB{Den v\"aterlichen Himmel mehr gemacht.}
\txtB{Das sp\"ur ich ja. Denn erst mit ihm beginn}
\txtB{Ich so zu denken, wie mein Vater hier}
\txtB{Gedacht muss haben; wenn man M\"archen nicht}
\txtB{Von ihm mir vorgelogen. --- M\"archen? --- doch}
\txtB{Ganz glaubliche; die glaublicher mir nie,}
\txtB{Als itzt geschienen, da ich nur Gefahr}
\txtB{Zu straucheln laufe, wo er fiel. --- Er fiel?}
\lino{2150}%
\txtB{Ich will mit M\"annern lieber fallen, als}
\txtB{Mit Kindern stehn. --- Sein Beispiel b\"urget mir}
\txtB{F\"ur seinen Beifall. Und an wessen Beifall}
\txtB{Liegt mir denn sonst? --- An Nathans? --- O an dessen}
\txtB{Ermuntrung mehr, als Beifall, kann es mir}
\txtB{Noch weniger gebrechen. --- Welch ein Jude! ---}
\txtB{Und der so ganz nur Jude scheinen will!}
\txtB{Da k\"ommt er; k\"ommt mit Hast; gl\"uht heitre Freude.}
\txtB{Wer kam vom Saladin je anders? --- He!}
\txtB{He, Nathan!}
\Auftritt{Neunter Auftritt}
\descrA{\pers{Nathan} {\em und der} \pers{Tempelherr}.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~ Wie? seid Ihr's?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ihr habt}
\lino{2160}%
\txtB{Sehr lang Euch bei dem Sultan aufgehalten.}
\txtH{Nathan}{ So lange nun wohl nicht. Ich ward im Hingehn}
\txtB{Zu viel verweilt. --- Ah, wahrlich Curd; der Mann}
\txtB{Steht seinen Ruhm. Sein Ruhm ist blo\3 sein Schatten. ---}
\txtB{Doch lasst vor allen Dingen Euch geschwind}
\txtB{Nur sagen \ldots}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~ Was?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Er will Euch sprechen; will,}
\txtB{Dass unges\"aumt Ihr zu ihm kommt. Begleitet}
\txtB{Mich nur nach Hause, wo ich noch f\"ur ihn}
\txtB{Erst etwas anders zu verf\"ugen habe:}
\txtB{Und dann, so gehn wir.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nathan, Euer Haus}
\txtB{Betret ich wieder eher nicht \ldots}
\lino{2170}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So seid}
\txtB{Ihr doch indes schon da gewesen? habt}
\txtB{Indes sie doch gesprochen? --- Nun? --- Sagt: wie}
\txtB{Gef\"allt Euch Recha?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~\"Uber allen Ausdruck! ---}
\txtB{Allein, --- sie wiedersehn --- das werd ich nie!}
\txtB{Nie! nie! --- Ihr m\"usstet mir zur Stelle denn}
\txtB{Versprechen: --- dass ich sie auf immer, immer ---}
\txtB{Soll k\"onnen sehn.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie wollt Ihr, dass ich das}
\txtB{Versteh?}
\txtI{Tempelherr}{nach einer kurzen Pause ihm pl\"otzlich um den Hals fallend}{}
\txtB{~ ~~~~~~~ Mein Vater!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~---~~ Junger Mann!}
\txtI{Tempelherr}{ihn ebenso pl\"otzlich wieder lassend}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nicht Sohn? ---}
\txtB{Ich bitt Euch, Nathan! ---}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Lieber junger Mann!}
\txtH{Tempelherr}{}
\lino{2180}%
\txtB{Nicht Sohn? --- Ich bitt Euch, Nathan! --- Ich beschw\"or}
\txtB{Euch bei den ersten Banden der Natur! ---}
\txtB{Zieht ihnen sp\"atre Fesseln doch nicht vor! ---}
\txtB{Begn\"ugt Euch doch ein Mensch zu sein! --- Sto\3t mich}
\txtB{Nicht von Euch!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~ Lieber, lieber Freund! \ldots}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und Sohn?}
\txtB{Sohn nicht? --- Auch dann nicht, dann nicht einmal, wenn}
\txtB{Erkenntlichkeit zum Herzen Eurer Tochter}
\txtB{Der Liebe schon den Weg gebahnet h\"atte?}
\txtB{Auch dann nicht einmal, wenn in eins zu schmelzen}
\txtB{Auf Euern Wink nur beide warteten? ---}
\txtB{Ihr schweigt?}
\lino{2190}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~ Ihr \"uberrascht mich, junger Ritter.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Ich \"uberrasch Euch? --- \"uberrasch Euch, Nathan,}
\txtB{Mit Euern eigenen Gedanken? --- Ihr}
\txtB{Verkennt sie doch in meinem Munde nicht? ---}
\txtB{Ich \"uberrasch Euch?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Eh ich einmal wei\3,}
\txtB{Was f\"ur ein Stauffen Euer Vater denn}
\txtB{Gewesen ist!}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~ Was sagt Ihr, Nathan? was? ---}
\txtB{In diesem Augenblicke f\"uhlt Ihr nichts,}
\txtB{Als Neubegier?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~ Denn seht! Ich habe selbst}
\txtB{Wohl einen Stauffen ehedem gekannt,}
\txtB{Der Conrad hie\3.}
\lino{2200}%
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~ Nun --- wenn mein Vater denn}
\txtB{Nun ebenso gehei\3en h\"atte?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wahrlich?}
\txtH{Tempelherr}{ Ich hei\3e selber ja nach meinem Vater: Curd}
\txtB{Ist Conrad.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~ Nun --- so war mein Conrad doch}
\txtB{Nicht Euer Vater. Denn mein Conrad war,}
\txtB{Was Ihr; war Tempelherr; war nie verm\"ahlt.}
\txtH{Tempelherr}{ O darum!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ O darum k\"onnt er doch}
\txtB{Mein Vater wohl gewesen sein.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ihr scherzt.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Und Ihr nehmt's wahrlich zu genau! --- Was w\"ar's}
\txtB{Denn nun? So was von Bastard oder Bankert!}
\lino{2210}%
\txtB{Der Schlag ist auch nicht zu verachten. --- Doch}
\txtB{Entlasst mich immer meiner Ahnenprobe.}
\txtB{Ich will Euch Eurer wiederum entlassen.}
\txtB{Nicht zwar, als ob ich den geringsten Zweifel}
\txtB{In Euern Stammbaum setzte. Gott beh\"ute!}
\txtB{Ihr k\"onnt ihn Blatt vor Blatt bis Abraham}
\txtB{Hinauf belegen. Und von da so weiter,}
\txtB{Wei\3 ich ihn selbst; will ich ihn selbst beschw\"oren.}
\txtH{Nathan}{ Ihr werdet bitter. --- Doch verdien ich's? Schlug}
\txtB{Ich denn Euch schon was ab? --- Ich will Euch ja}
\lino{2220}%
\txtB{Nur bei dem Worte nicht den Augenblick}
\txtB{So fassen. --- Weiter nichts.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Gewiss? --- Nichts weiter?}
\txtB{O so vergebt! \ldots}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun kommt nur, kommt!}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wohin?}
\txtB{Nein! --- Mit in Euer Haus? --- Das nicht! das nicht! ---}
\txtB{Da brennt's! --- Ich will Euch hier erwarten. Geht! ---}
\txtB{Soll ich sie wiedersehn: so seh ich sie}
\txtB{Noch oft genug. Wo nicht: so sah ich sie}
\txtB{Schon viel zu viel \ldots}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich will mich m\"oglichst eilen.}
\Auftritt{Zehnter Auftritt}
\descrA{{\em Der} \pers{Tempelherr} {\em und bald darauf} \pers{Daja}.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Schon mehr als g'nug! --- Des Menschen Hirn fasst so}
\txtB{Unendlich viel; und ist doch manchmal auch}
\lino{2230}%
\txtB{So pl\"otzlich voll! von einer Kleinigkeit}
\txtB{So pl\"otzlich voll! --- Taugt nichts, taugt nichts; es sei}
\txtB{Auch voll wovon es will. --- Doch nur Geduld!}
\txtB{Die Seele wirkt den aufgedunsnen Stoff}
\txtB{Bald ineinander, schafft sich Raum, und Licht}
\txtB{Und Ordnung kommen wieder. --- Lieb ich denn}
\txtB{Zum ersten Male? --- Oder war, was ich}
\txtB{Als Liebe kenne, Liebe nicht? --- Ist Liebe}
\txtB{Nur was ich itzt empfinde? \ldots}
\txtI{Daja}{die sich von der Seite herbeigeschlichen}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ritter! Ritter!}
\txtH{Tempelherr}{ Wer ruft? --- Ha, Daja, Ihr?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich habe mich}
\lino{2240}%
\txtB{Bei ihm vorbeigeschlichen. Aber noch}
\txtB{K\"onnt er uns sehn, wo Ihr da steht. --- Drum kommt}
\txtB{Doch n\"aher zu mir, hinter diesen Baum.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Was gibt's denn? --- So geheimnisvoll? --- Was ist's?}
\txtH{Daja}{ Ja wohl betrifft es ein Geheimnis, was}
\txtB{Mich zu Euch bringt; und zwar ein doppeltes.}
\txtB{Das eine wei\3 nur ich; das andre wisst}
\txtB{Nur Ihr. --- Wie w\"ar es, wenn wir tauschten?}
\txtB{Vertraut mir Euers: so vertrau ich Euch}
\txtB{Das Meine.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~ Mit Vergn\"ugen. --- Wenn ich nur}
\lino{2250}%
\txtB{Erst wei\3, was Ihr f\"ur Meines achtet. Doch}
\txtB{Das wird aus Euerm wohl erhellen. --- Fangt}
\txtB{Nur immer an.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ei denkt doch! --- Nein, Herr Ritter:}
\txtB{Erst Ihr; ich folge. --- Denn versichert, mein}
\txtB{Geheimnis kann Euch gar nichts nutzen, wenn}
\txtB{Ich nicht zuvor das Eure habe. --- Nur}
\txtB{Geschwind! --- Denn frag ich's Euch erst ab: so habt}
\txtB{Ihr nichts vertrauet. Mein Geheimnis dann}
\txtB{Bleibt mein Geheimnis; und das Eure seid}
\txtB{Ihr los. --- Doch armer Ritter! --- Dass ihr M\"anner}
\lino{2260}%
\txtB{Ein solch Geheimnis vor uns Weibern haben}
\txtB{Zu k\"onnen, auch nur glaubt!}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das wir zu haben}
\txtB{Oft selbst nicht wissen.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Kann wohl sein. Drum muss}
\txtB{Ich freilich erst, Euch selbst damit bekannt}
\txtB{Zu machen, schon die Freundschaft haben. --- Sagt:}
\txtB{Was hie\3 denn das, dass Ihr so Knall und Fall}
\txtB{Euch aus dem Staube machtet? dass Ihr uns}
\txtB{So sitzen lie\3et? --- dass Ihr nun mit Nathan}
\txtB{Nicht wiederkommt? --- Hat Recha denn so wenig}
\txtB{Auf Euch gewirkt? wie? oder auch, so viel? ---}
\lino{2270}%
\txtB{So viel! so viel! --- Lehrt Ihr des armen Vogels,}
\txtB{Der an der Rute klebt, Geflattre mich}
\txtB{Doch kennen! --- Kurz: gesteht es mir nur gleich,}
\txtB{Dass Ihr sie liebt, liebt bis zum Unsinn; und}
\txtB{Ich sag Euch was \ldots}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Zum Unsinn? Wahrlich; Ihr}
\txtB{Versteht Euch trefflich drauf.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun gebt mir nur}
\txtB{Die Liebe zu; den Unsinn will ich Euch}
\txtB{Erlassen.}
\txtH{Tempelherr}{ ~ Weil er sich von selbst versteht? ---}
\txtB{Ein Tempelherr ein Judenm\"adchen lieben! \ldots}
\txtH{Daja}{ Scheint freilich wenig Sinn zu haben. --- Doch}
\lino{2280}%
\txtB{Zuweilen ist des Sinns in einer Sache}
\txtB{Auch mehr, als wir vermuten; und es w\"are}
\txtB{So unerh\"ort doch nicht, dass uns der Heiland}
\txtB{Auf Wegen zu sich z\"oge, die der Kluge}
\txtB{Von selbst nicht leicht betreten w\"urde.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das}
\txtB{So feierlich? --- (Und setz ich statt des Heilands}
\txtB{Die Vorsicht: hat sie denn nicht Recht? ---) Ihr macht}
\txtB{Mich neubegieriger, als ich wohl sonst}
\txtB{Zu sein gewohnt bin.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ O! das ist das Land}
\txtB{Der Wunder!}
\txtH{Tempelherr}{ (Nun! --- des Wunderbaren. Kann}
\lino{2290}%
\txtB{Es auch wohl anders sein? Die ganze Welt}
\txtB{Dr\"angt sich ja hier zusammen.) --- Liebe Daja,}
\txtB{Nehmt f\"ur gestanden an, was Ihr verlangt:}
\txtB{Dass ich sie liebe; dass ich nicht begreife,}
\txtB{Wie ohne sie ich leben werde; dass \ldots}
\txtH{Daja}{ Gewiss? gewiss? --- So schw\"ort mir, Ritter, sie}
\txtB{Zur Eurigen zu machen; sie zu retten;}
\txtB{Sie zeitlich hier, sie ewig dort zu retten.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Und wie? --- Wie kann ich? --- Kann ich schw\"oren, was}
\txtB{In meiner Macht nicht steht?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ In Eurer Macht}
\lino{2300}%
\txtB{Steht es. Ich bring es durch ein einzig Wort}
\txtB{In Eure Macht.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~ Dass selbst der Vater nichts}
\txtB{Dawider h\"atte?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ei, was Vater! Vater!}
\txtB{Der Vater soll schon m\"ussen.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ M\"ussen, Daja? ---}
\txtB{Noch ist er unter R\"auber nicht gefallen. ---}
\txtB{Er muss nicht m\"ussen.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun, so muss er wollen;}
\txtB{Muss gern am Ende wollen.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Muss und gern! ---}
\txtB{Doch, Daja, wenn ich Euch nun sage, dass}
\txtB{Ich selber diese Sait' ihm anzuschlagen}
\txtB{Bereits versucht?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was? und er fiel nicht ein?}
\txtH{Tempelherr}{}
\lino{2310}%
\txtB{Er fiel mit einem Misslaut ein, der mich ---}
\txtB{Beleidigte.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~ Was sagt Ihr? --- Wie? Ihr h\"attet}
\txtB{Den Schatten eines Wunsches nur nach Recha}
\txtB{Ihm blicken lassen: und er w\"ar vor Freuden}
\txtB{Nicht aufgesprungen? h\"atte frostig sich}
\txtB{Zur\"uckgezogen? h\"atte Schwierigkeiten}
\txtB{Gemacht?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~ So ungef\"ahr.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So will ich denn}
\txtB{Mich l\"anger keinen Augenblick bedenken ---}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Pause.)}}
\txtH{Tempelherr}{ Und Ihr bedenkt Euch doch?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Der Mann ist sonst}
\txtB{So gut! --- Ich selber bin so viel ihm schuldig! ---}
\lino{2320}%
\txtB{Dass er doch gar nicht h\"oren will! --- Gott wei\3,}
\txtB{Das Herze blutet mir, ihn so zu zwingen.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Ich bitt Euch, Daja, setzt mich kurz und gut}
\txtB{Aus dieser Ungewissheit. Seid Ihr aber}
\txtB{Noch selber ungewiss; ob, was Ihr vorhabt,}
\txtB{Gut oder b\"ose, sch\"andlich oder l\"oblich}
\txtB{Zu nennen: --- schweigt! Ich will vergessen, dass}
\txtB{Ihr etwas zu verschweigen habt.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das spornt}
\txtB{Anstatt zu halten. Nun; so wisst denn: Recha}
\txtB{Ist keine J\"udin; ist --- ist eine Christin.}
\txtI{Tempelherr}{kalt}{}
\lino{2330}%
\txtB{So? W\"unsch Euch Gl\"uck! Hat's schwer gehalten? Lasst}
\txtB{Euch nicht die Wehen schrecken! --- Fahret ja}
\txtB{Mit Eifer fort, den Himmel zu bev\"olkern;}
\txtB{Wenn Ihr die Erde nicht mehr k\"onnt!}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie, Ritter?}
\txtB{Verdienet meine Nachricht diesen Spott?}
\txtB{Dass Recha eine Christin ist: das freuet}
\txtB{Euch, einen Christen, einen Tempelherrn,}
\txtB{Der Ihr sie liebt, nicht mehr?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Besonders, da}
\txtB{Sie eine Christin ist von Eurer Mache.}
\txtH{Daja}{ Ah! so versteht Ihr's? So mag's gelten! --- Nein!}
\lino{2340}%
\txtB{Den will ich sehn, der die bekehren soll!}
\txtB{Ihr Gl\"uck ist, l\"angst zu sein, was sie zu werden}
\txtB{Verdorben ist.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~ Erkl\"art Euch, oder --- geht!}
\txtH{Daja}{ Sie ist ein Christenkind; von Christeneltern}
\txtB{Geboren; ist getauft \ldots}
\txtI{Tempelherr}{hastig}{ ~~~~~~ Und Nathan?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nicht}
\txtB{Ihr Vater!}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~ Nathan nicht ihr Vater? --- Wisst}
\txtB{Ihr, was Ihr sagt?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Die Wahrheit, die so oft}
\txtB{Mich blut'ge Tr\"anen weinen machen. --- Nein,}
\txtB{Er ist ihr Vater nicht \ldots}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und h\"atte sie,}
\txtB{Als seine Tochter nur erzogen? h\"atte}
\lino{2350}%
\txtB{Das Christenkind als eine J\"udin sich}
\txtB{Erzogen?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~ Ganz gewiss.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Sie w\"usste nicht,}
\txtB{Was sie geboren sei? --- Sie h\"att es nie}
\txtB{Von ihm erfahren, dass sie eine Christin}
\txtB{Geboren sei, und keine J\"udin?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nie!}
\txtH{Tempelherr}{ Er h\"att in diesem Wahne nicht das Kind}
\txtB{Blo\3 auferzogen? lie\3 das M\"adchen noch}
\txtB{In diesem Wahne?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Leider!}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nathan --- Wie? ---}
\txtB{Der weise gute Nathan h\"atte sich}
\txtB{Erlaubt, die Stimme der Natur so zu}
\lino{2360}%
\txtB{Verf\"alschen? --- Die Ergie\3ung eines Herzens}
\txtB{So zu verlenken, die, sich selbst gelassen,}
\txtB{Ganz andre Wege nehmen w\"urde? --- Daja,}
\txtB{Ihr habt mir allerdings etwas vertraut ---}
\txtB{Von Wichtigkeit, --- was Folgen haben kann, ---}
\txtB{Was mich verwirrt, --- worauf ich gleich nicht wei\3,}
\txtB{Was mir zu tun. --- Drum lasst mir Zeit. --- Drum geht!}
\txtB{Er k\"ommt hier wiederum vorbei. Er m\"ocht}
\txtB{Uns \"uberfallen. Geht!}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich w\"ar des Todes!}
\txtH{Tempelherr}{ Ich bin ihn itzt zu sprechen ganz und gar}
\lino{2370}%
\txtB{Nicht f\"ahig. Wenn Ihr ihm begegnet, sagt}
\txtB{Ihm nur, dass wir einander bei dem Sultan}
\txtB{Schon finden w\"urden.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Aber lasst Euch ja}
\txtB{Nichts merken gegen ihn. --- Das soll nur so}
\txtB{Den letzten Druck dem Dinge geben; soll}
\txtB{Euch, Rechas wegen, alle Skrupel nur}
\txtB{Benehmen! --- Wenn Ihr aber dann, sie nach}
\txtB{Europa f\"uhrt: so lasst Ihr doch mich nicht}
\txtB{Zur\"uck?}
\txtH{Tempelherr}{ ~ Das wird sich finden. Geht nur, geht!}
|
4. Aufzug
Extended content |
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\Aufzug{Vierter Aufzug}
\Auftritt{Erster Auftritt}
\descrA{{\bf Szene:} in den Kreuzg\"angen des Klosters.}
\descrB{{\em Der} \pers{Klosterbruder} {\em und bald darauf der} \pers{Tempelherr}.}
\txtH{Klosterbruder}{ Ja, ja! er hat schon Recht, der Patriarch!}
\lino{2380}%
\txtB{Es hat mir freilich noch von alledem}
\txtB{Nicht viel gelingen wollen, was er mir}
\txtB{So aufgetragen. --- Warum tr\"agt er mir}
\txtB{Auch lauter solche Sachen auf? --- Ich mag}
\txtB{Nicht fein sein; mag nicht \"uberreden; mag}
\txtB{Mein N\"aschen nicht in alles stecken; mag}
\txtB{Mein H\"andchen nicht in allem haben. --- Bin}
\txtB{Ich darum aus der Welt geschieden, ich}
\txtB{F\"ur mich; um mich f\"ur andre mit der Welt}
\txtB{Noch erst recht zu verwickeln?}
\txtI{Tempelherr}{mit Hast auf ihn zukommend}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Guter Bruder!}
\lino{2390}%
\txtB{Da seid Ihr ja. Ich hab Euch lange schon}
\txtB{Gesucht.}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~ Mich, Herr?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~ Ihr kennt mich schon nicht mehr?}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{Doch, doch! Ich glaubte nur, dass ich den Herrn}
\txtB{In meinem Leben wieder nie zu sehn}
\txtB{Bekommen w\"urde. Denn ich hofft es zu}
\txtB{Dem lieben Gott. --- Der liebe Gott, der wei\3}
\txtB{Wie sauer mir der Antrag ward, den ich}
\txtB{Dem Herrn zu tun verbunden war. Er wei\3,}
\txtB{Ob ich gew\"unscht, ein offnes Ohr bei Euch}
\txtB{Zu finden; wei\3, wie sehr ich mich gefreut,}
\lino{2400}%
\txtB{Im Innersten gefreut, dass Ihr so rund}
\txtB{Das alles, ohne viel Bedenken, von}
\txtB{Euch wies't, was einem Ritter nicht geziemt. ---}
\txtB{Nun kommt Ihr doch; nun hat's doch nachgewirkt!}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Ihr wisst es schon, warum ich komme? Kaum}
\txtB{Wei\3 ich es selbst.}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~ Ihr habt's nun \"uberlegt;}
\txtB{Habt nun gefunden, dass der Patriarch}
\txtB{So Unrecht doch nicht hat; dass Ehr' und Geld}
\txtB{Durch seinen Anschlag zu gewinnen; dass}
\txtB{Ein Feind ein Feind ist, wenn er unser Engel}
\lino{2410}%
\txtB{Auch siebenmal gewesen w\"are. Das,}
\txtB{Das habt Ihr nun mit Fleisch und Blut erwogen,}
\txtB{Und kommt, und tragt Euch wieder an. --- Ach Gott!}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Mein frommer, lieber Mann! gebt Euch zufrieden.}
\txtB{Deswegen komm ich nicht; deswegen will}
\txtB{Ich nicht den Patriarchen sprechen. Noch,}
\txtB{Noch denk ich \"uber jenen Punkt, wie ich}
\txtB{Gedacht, und wollt um alles in der Welt}
\txtB{Die gute Meinung nicht verlieren, deren}
\txtB{Mich ein so grader, frommer, lieber Mann}
\lino{2420}%
\txtB{Einmal gew\"urdiget. --- Ich komme blo\3,}
\txtB{Den Patriarchen \"uber eine Sache}
\txtB{Um Rat zu fragen \ldots}
\txtH{Klosterbruder}{ Ihr den Patriarchen?}
\txtB{Ein Ritter, einen --- Pfaffen?}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Sich sch\"uchtern umsehend.)}}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ja; --- die Sach'}
\txtB{Ist ziemlich pf\"affisch.}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~ Gleichwohl fragt der Pfaffe}
\txtB{Den Ritter nie, die Sache sei auch noch}
\txtB{So ritterlich.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~ Weil er das Vorrecht hat,}
\txtB{Sich zu vergehn; das unsereiner ihm}
\txtB{Nicht sehr beneidet. --- Freilich, wenn ich nur}
\txtB{F\"ur mich zu handeln h\"atte; freilich, wenn}
\lino{2430}%
\txtB{Ich Rechenschaft nur mir zu geben h\"atte:}
\txtB{Was braucht' ich Euers Patriarchen? Aber}
\txtB{Gewisse Dinge will ich lieber schlecht,}
\txtB{Nach andrer Willen, machen; als allein}
\txtB{Nach meinem, gut. --- Zudem, ich seh nun wohl,}
\txtB{Religion ist auch Partei; und wer}
\txtB{Sich drob auch noch so unparteiisch glaubt,}
\txtB{H\"alt, ohn es selbst zu wissen, doch nur seiner}
\txtB{Die Stange. Weil das einmal nun so ist:}
\txtB{Wird's so wohl recht sein.}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dazu schweig ich lieber.}
\txtB{Denn ich versteh den Herrn nicht recht.}
\lino{2440}%
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und doch! ---}
\txtB{(Lass sehn, warum mir eigentlich zu tun!}
\txtB{Um Machtspruch oder Rat? --- Um lautern, oder}
\txtB{Gelehrten Rat?) --- Ich dank Euch, Bruder; dank}
\txtB{Euch f\"ur den guten Wink. --- Was Patriarch? ---}
\txtB{Seid Ihr mein Patriarch! Ich will ja doch}
\txtB{Den Christen mehr im Patriarchen, als}
\txtB{Den Patriarchen in dem Christen fragen. ---}
\txtB{Die Sach' ist die \ldots}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~ Nicht weiter, Herr, nicht weiter!}
\txtB{Wozu? --- Der Herr verkennt mich. --- Wer viel wei\3,}
\lino{2450}%
\txtB{Hat viel zu sorgen; und ich habe ja}
\txtB{Mich Einer Sorge nur gelobt. --- O gut!}
\txtB{H\"ort! seht! Dort k\"ommt, zu meinem Gl\"uck, er selbst.}
\txtB{Bleibt hier nur stehn. Er hat Euch schon erblickt.}
\Auftritt{Zweiter Auftritt}
\descrA{{\em Der} \pers{Patriarch}, {\em welcher mit allem geistlichen Pomp den einen Kreuzgang heraufk\"ommt, und die} \pers{vorigen}.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Ich wich' ihm lieber aus. --- W\"ar nicht mein Mann! ---}
\txtB{Ein dicker, roter, freundlicher Pr\"alat!}
\txtB{Und welcher Prunk!}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~ Ihr sollt ihn erst sehn,}
\txtB{Nach Hofe sich erheben. Itzo k\"ommt}
\txtB{Er nur von einem Kranken.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie sich da}
\txtB{Nicht Saladin wird sch\"amen m\"ussen!}
\txtI{Patriarch}{indem er n\"aher k\"ommt, winkt dem Bruder}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Hier! ---}
\lino{2460}%
\txtB{Das ist ja wohl der Tempelherr. Was will}
\txtB{Er?}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{~~~~~~Wei\3 nicht.}
\txtI{Patriarch}{auf ihn zugehend, indem der Bruder und das Gefolge zur\"ucktreten}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun, Herr Ritter! --- Sehr erfreut}
\txtB{Den braven jungen Mann zu sehn! --- Ei, noch}
\txtB{So gar jung! --- Nun, mit Gottes H\"ulfe, daraus}
\txtB{Kann etwas werden.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~ Mehr, ehrw\"urd'ger Herr,}
\txtB{Wohl schwerlich, als schon ist. Und eher noch,}
\txtB{Was weniger.}
\txtH{Patriarch}{ ~~~~~~~~ Ich w\"unsche wenigstens,}
\txtB{Dass so ein frommer Ritter lange noch}
\txtB{Der lieben Christenheit, der Sache Gottes}
\txtB{Zu Ehr' und Frommen bl\"uhn und gr\"unen m\"oge!}
\lino{2470}%
\txtB{Das wird denn auch nicht fehlen, wenn nur fein}
\txtB{Die junge Tapferkeit dem reifen Rate}
\txtB{Des Alters folgen will! --- Womit w\"ar sonst}
\txtB{Dem Herrn zu dienen?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Mit dem n\"amlichen,}
\txtB{Woran es meiner Jugend fehlt: mit Rat.}
\txtH{Patriarch}{}
\txtB{Recht gern! --- Nur ist der Rat auch anzunehmen.}
\txtH{Tempelherr}{ Doch blindlings nicht?}
\txtH{Patriarch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wer sagt denn das? --- Ei freilich}
\txtB{Muss niemand die Vernunft, die Gott ihm gab,}
\txtB{Zu brauchen unterlassen, --- wo sie hin---}
\txtB{Geh\"ort. --- Geh\"ort sie aber \"uberall}
\lino{2480}%
\txtB{Denn hin? --- O nein! --- Zum Beispiel: wenn uns Gott}
\txtB{Durch einen seiner Engel, --- ist zu sagen,}
\txtB{Durch einen Diener seines Worts, --- ein Mittel}
\txtB{Bekannt zu machen w\"urdiget, das Wohl}
\txtB{Der ganzen Christenheit, das Heil der Kirche,}
\txtB{Auf irgendeine ganz besondre Weise}
\txtB{Zu f\"ordern, zu befestigen: wer darf}
\txtB{Sich da noch unterstehn, die Willk\"ur des,}
\txtB{Der die Vernunft erschaffen, nach Vernunft}
\txtB{Zu untersuchen? und das ewige}
\lino{2490}%
\txtB{Gesetz der Herrlichkeit des Himmels, nach}
\txtB{Den kleinen Regeln einer eiteln Ehre}
\txtB{Zu pr\"ufen? --- Doch hiervon genug. --- Was ist}
\txtB{Es denn, wor\"uber unsern Rat f\"ur itzt}
\txtB{Der Herr verlangt?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~ Gesetzt, ehrw\"urd'ger Vater,}
\txtB{Ein Jude h\"att ein einzig Kind, --- es sei}
\txtB{Ein M\"adchen, --- das er mit der gr\"o\3ten Sorgfalt}
\txtB{Zu allem Guten auferzogen, das}
\txtB{Er liebe mehr als seine Seele, das}
\txtB{Ihn wieder mit der fr\"ommsten Liebe liebe.}
\lino{2500}%
\txtB{Und nun w\"urd unsereinem hinterbracht,}
\txtB{Dies M\"adchen sei des Juden Tochter nicht;}
\txtB{Er hab' es in der Kindheit aufgelesen,}
\txtB{Gekauft, gestohlen, --- was Ihr wollt; man wisse,}
\txtB{Das M\"adchen sei ein Christenkind, und sei}
\txtB{Getauft; der Jude hab' es nur als J\"udin}
\txtB{Erzogen; lass es nur als J\"udin und}
\txtB{Als seine Tochter so verharren: --- sagt,}
\txtB{Ehrw\"urd'ger Vater, was w\"ar hierbei wohl}
\txtB{Zu tun?}
\txtH{Patriarch}{ ~~ Mich schaudert! --- Doch zuallererst}
\lino{2510}%
\txtB{Erkl\"are sich der Herr, ob so ein Fall}
\txtB{Ein Faktum oder eine Hypothes'.}
\txtB{Das ist zu sagen: ob der Herr sich das}
\txtB{Nur blo\3 so dichtet, oder ob's geschehn,}
\txtB{Und fortf\"ahrt zu geschehn.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich glaubte, das}
\txtB{Sei eins, um Euer Hochehrw\"urden Meinung}
\txtB{Blo\3 zu vernehmen.}
\txtH{Patriarch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Eins? --- Da seh' der Herr}
\txtB{Wie sich die stolze menschliche Vernunft}
\txtB{Im Geistlichen doch irren kann. --- Mitnichten!}
\txtB{Denn ist der vorgetragne Fall nur so}
\lino{2520}%
\txtB{Ein Spiel des Witzes: so verlohnt es sich}
\txtB{Der M\"uhe nicht, im Ernst ihn durchzudenken.}
\txtB{Ich will den Herrn damit auf das Theater}
\txtB{Verwiesen haben, wo dergleichen pro}
\txtB{Et contra sich mit vielem Beifall k\"onnte}
\txtB{Behandeln lassen. --- Hat der Herr mich aber}
\txtB{Nicht blo\3 mit einer theatral'schen Schnurre}
\txtB{Zum Besten; ist der Fall ein Faktum; h\"att}
\txtB{Er sich wohl gar in unsrer Di\"ozes',}
\txtB{In unsrer lieben Stadt Jerusalem,}
\txtB{Er\"augnet: --- ja alsdann ---}
\lino{2530}%
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und was alsdann?}
\txtH{Patriarch}{ Dann w\"are mit dem Juden f\"ordersamst}
\txtB{Die Strafe zu vollziehn, die p\"apstliches}
\txtB{Und kaiserliches Recht so einem Frevel,}
\txtB{So einer Lastertat bestimmen.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So?}
\txtH{Patriarch}{ Und zwar bestimmen obbesagte Rechte}
\txtB{Dem Juden, welcher einen Christen zur}
\txtB{Apostasie verf\"uhrt, --- den Scheiterhaufen, ---}
\txtB{Den Holzsto\3 ---}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~ So?}
\txtH{Patriarch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~ Und wie viel mehr dem Juden,}
\txtB{Der mit Gewalt ein armes Christenkind}
\lino{2540}%
\txtB{Dem Bunde seiner Tauf' entrei\3t! Denn ist}
\txtB{Nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt? ---}
\txtB{Zu sagen: --- ausgenommen, was die Kirch'}
\txtB{An Kindern tut.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~ Wenn aber nun das Kind,}
\txtB{Erbarmte seiner sich der Jude nicht,}
\txtB{Vielleicht im Elend umgekommen w\"are?}
\txtH{Patriarch}{}
\txtB{Tut nichts! der Jude wird verbrannt. --- Denn besser,}
\txtB{Es w\"are hier im Elend umgekommen,}
\txtB{Als dass zu seinem ewigen Verderben}
\txtB{Es so gerettet ward. --- Zudem, was hat}
\lino{2550}%
\txtB{Der Jude Gott denn vorzugreifen? Gott}
\txtB{Kann, wen er retten will, schon ohn ihn retten.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Auch trotz ihm, sollt ich meinen, --- selig machen.}
\txtH{Patriarch}{ Tut nichts! der Jude wird verbrannt.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das geht}
\txtB{Mir nah'! Besonders, da man sagt, er habe}
\txtB{Das M\"adchen nicht sowohl in seinem, als}
\txtB{Vielmehr in keinem Glauben auferzogen,}
\txtB{Und sie von Gott nicht mehr nicht weniger}
\txtB{Gelehrt, als der Vernunft gen\"ugt.}
\txtH{Patriarch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Tut nichts!}
\txtB{Der Jude wird verbrannt \ldots Ja, w\"ar allein}
\lino{2560}%
\txtB{Schon dieserwegen wert, dreimal verbrannt}
\txtB{Zu werden! --- Was? ein Kind ohn allen Glauben}
\txtB{Erwachsen lassen? --- Wie? die gro\3e Pflicht}
\txtB{Zu glauben, ganz und gar ein Kind nicht lehren?}
\txtB{Das ist zu arg! --- Mich wundert sehr, Herr Ritter,}
\txtB{Euch selbst \ldots}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~ Ehrw\"urd'ger Herr, das \"Ubrige,}
\txtB{Wenn Gott will, in der Beichte. \textcolor{cDescr}{\em (Will gehn.)}}
\txtH{Patriarch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was? mir nun}
\txtB{Nicht einmal Rede stehn? --- Den B\"osewicht,}
\txtB{Den Juden mir nicht nennen? --- mir ihn nicht}
\txtB{Zur Stelle schaffen? --- O da wei\3 ich Rat!}
\lino{2570}%
\txtB{Ich geh sogleich zum Sultan. --- Saladin,}
\txtB{Verm\"oge der Kapitulation,}
\txtB{Die er beschworen, muss uns, muss uns sch\"utzen;}
\txtB{Bei allen Rechten, allen Lehren sch\"utzen,}
\txtB{Die wir zu unsrer allerheiligsten}
\txtB{Religion nur immer rechnen d\"urfen!}
\txtB{Gottlob! wir haben das Original.}
\txtB{Wir haben seine Hand, sein Siegel. Wir! ---}
\txtB{Auch mach ich ihm gar leicht begreiflich, wie}
\txtB{Gef\"ahrlich selber f\"ur den Staat es ist,}
\lino{2580}%
\txtB{Nichts glauben! Alle b\"urgerliche Bande}
\txtB{Sind aufgel\"oset, sind zerrissen, wenn}
\txtB{Der Mensch nichts glauben darf. --- Hinweg! hinweg}
\txtB{Mit solchem Frevel! \ldots}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Schade, dass ich nicht}
\txtB{Den trefflichen Sermon mit bessrer Mu\3e}
\txtB{Genie\3en kann! Ich bin zum Saladin}
\txtB{Gerufen.}
\txtH{Patriarch}{ ~~ Ja? --- Nun so --- Nun freilich --- Dann ---}
\txtH{Tempelherr}{ Ich will den Sultan vorbereiten, wenn}
\txtB{Es Eurer Hochehrw\"urden so gef\"allt.}
\txtH{Patriarch}{ O, oh! --- Ich wei\3, der Herr hat Gnade funden}
\lino{2590}%
\txtB{Vor Saladin! --- Ich bitte meiner nur}
\txtB{Im Besten bei ihm eingedenk zu sein. ---}
\txtB{Mich treibt der Eifer Gottes lediglich.}
\txtB{Was ich zu viel tu, tu ich ihm. --- Das wolle}
\txtB{Doch ja der Herr erw\"agen! --- Und nicht wahr,}
\txtB{Herr Ritter? das vorhin Erw\"ahnte von}
\txtB{Dem Juden, war nur ein Problema? --- ist}
\txtB{Zu sagen ---}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~ Ein Problema. \textcolor{cDescr}{\em (Geht ab.)}}
\txtH{Patriarch}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ (Dem ich tiefer}
\txtB{Doch auf den Grund zu kommen suchen muss.}
\txtB{Das w\"ar so wiederum ein Auftrag f\"ur}
\lino{2600}%
\txtB{Den Bruder Bonafides.) --- Hier, mein Sohn!}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Er spricht im Abgehn mit dem Klosterbruder.)}}
\Auftritt{Dritter Auftritt}
\descrA{{\bf Szene:} ein Zimmer im Palaste des Saladin, in welches von Sklaven eine Menge Beutel getragen, und auf dem Boden nebeneinander gestellt werden.}
\descrB{\pers{Saladin} {\em und bald darauf} \pers{Sittah}.}
\txtH{Saladin \textcolor{cDescr}{\em (der dazuk\"ommt)}.}{}
\txtB{Nun wahrlich! das hat noch kein Ende. --- Ist}
\txtB{Des Dings noch viel zur\"uck?}
\txtH{Ein Sklave.}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wohl noch die H\"alfte.}
\txtH{Saladin}{ So tragt das \"Ubrige zu Sittah. --- Und}
\txtB{Wo bleibt Al-Hafi? Das hier soll sogleich}
\txtB{Al-Hafi zu sich nehmen. --- Oder ob}
\txtB{Ich's nicht vielmehr dem Vater schicke? Hier}
\txtB{F\"allt mir es doch nur durch die Finger. --- Zwar}
\txtB{Man wird wohl endlich hart; und nun gewiss}
\txtB{Soll's K\"unste kosten, mir viel abzuzwacken.}
\lino{2610}%
\txtB{Bis wenigstens die Gelder aus \"Agypten}
\txtB{Zur Stelle kommen, mag das Armut sehn}
\txtB{Wie's fertig wird! --- Die Spenden bei dem Grabe,}
\txtB{Wenn die nur fortgehn! Wenn die Christenpilger}
\txtB{Mit leeren H\"anden nur nicht abziehn d\"urfen!}
\txtB{Wenn nur ---}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~ Was soll nun das? Was soll das Geld}
\txtB{Bei mir?}
\txtH{Saladin}{ ~~ Mach dich davon bezahlt; und leg}
\txtB{Auf Vorrat, wenn was \"ubrig bleibt.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ist Nathan}
\txtB{Noch mit dem Tempelherrn nicht da?}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Er sucht}
\txtB{Ihn allerorten.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~ Sieh doch, was ich hier,}
\lino{2620}%
\txtB{Indem mir so mein alt Geschmeide durch}
\txtB{Die H\"ande geht, gefunden.}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Ihm ein klein Gem\"alde zeigend.)}}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ha! mein Bruder!}
\txtB{Das ist er, ist er! --- War er! war er! ah! ---}
\txtB{Ah wackrer lieber Junge, dass ich dich}
\txtB{So fr\"uh verlor! Was h\"att ich erst mit dir,}
\txtB{An deiner Seit' erst unternommen! --- Sittah,}
\txtB{Lass mir das Bild. Auch kenn ich's schon: er gab}
\txtB{Es deiner altern Schwester, seiner Lilla,}
\txtB{Die eines Morgens ihn so ganz und gar}
\txtB{Nicht aus den Armen lassen wollt. Es war}
\lino{2630}%
\txtB{Der letzte, den er ausritt. --- Ah, ich lie\3}
\txtB{Ihn reiten, und allein! --- Ah, Lilla starb}
\txtB{Vor Gram, und hat mir's nie vergeben, dass}
\txtB{Ich so allein ihn reiten lassen. --- Er}
\txtB{Blieb weg!}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~ Der arme Bruder!}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Lass nur gut}
\txtB{Sein! --- Einmal bleiben wir doch alle weg! ---}
\txtB{Zudem, --- wer wei\3? Der Tod ist's nicht allein,}
\txtB{Der einem J\"ungling seiner Art das Ziel}
\txtB{Verr\"uckt. Er hat der Feinde mehr; und oft}
\txtB{Erliegt der St\"arkste gleich dem Schw\"achsten. --- Nun,}
\lino{2640}%
\txtB{Sei wie ihm sei! --- Ich muss das Bild doch mit}
\txtB{Dem jungen Tempelherrn vergleichen; muss}
\txtB{Doch sehn, wie viel mich meine Phantasie}
\txtB{Get\"auscht.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~ Nur darum bring ich's. Aber gib}
\txtB{Doch, gib! Ich will dir das wohl sagen; das}
\txtB{Versteht ein weiblich Aug' am besten.}
\txtI{Saladin}{zu einem T\"ursteher, der hereintritt}{ ~~ Wer}
\txtB{Ist da? --- der Tempelherr? --- Er komm'!}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Euch nicht}
\txtB{Zu st\"oren: ihn mit meiner Neugier nicht}
\txtB{Zu irren ---}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Sie setzt sich seitw\"arts auf einen Sofa und l\"asst den Schleier fallen.)}}
\txtH{Saladin}{ ~~~ Gut so! gut! --- (Und nun sein Ton!}
\txtB{Wie der wohl sein wird! --- Assads Ton}
\lino{2650}%
\txtB{Schl\"aft auch wohl wo in meiner Seele noch!)}
\Auftritt{Vierter Auftritt}
\descrA{{\em Der} \pers{Tempelherr} {\em und} \pers{Saladin}.}
\txtH{Tempelherr}{ Ich, dein Gefangner, Sultan \ldots}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Mein Gefangner?}
\txtB{Wenn ich das Leben schenke, werd ich dem}
\txtB{Nicht auch die Freiheit schenken?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was dir ziemt}
\txtB{Zu tun, ziemt mir, erst zu vernehmen, nicht}
\txtB{Vorauszusetzen. Aber, Sultan, --- Dank,}
\txtB{Besondern Dank dir f\"ur mein Leben zu}
\txtB{Beteuern, stimmt mit meinem Stand und meinem}
\txtB{Charakter nicht. --- Es steht in allen F\"allen}
\txtB{Zu deinen Diensten wieder.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Brauch es nur}
\lino{2660}%
\txtB{Nicht wider mich! --- Zwar ein paar H\"ande mehr,}
\txtB{Die g\"onnt ich meinem Feinde gern. Allein}
\txtB{Ihm so ein Herz auch mehr zu g\"onnen, f\"allt}
\txtB{Mir schwer. --- Ich habe mich mit dir in nichts}
\txtB{Betrogen, braver junger Mann! Du bist}
\txtB{Mit Seel und Leib mein Assad. Sieh! ich k\"onnte}
\txtB{Dich fragen: wo du denn die ganze Zeit}
\txtB{Gesteckt? in welcher H\"ohle du geschlafen?}
\txtB{In welchem Ginnistan, von welcher guten}
\txtB{Div diese Blume fort und fort so frisch}
\lino{2670}%
\txtB{Erhalten worden? Sieh! ich k\"onnte dich}
\txtB{Erinnern wollen, was wir dort und dort}
\txtB{Zusammen ausgef\"uhrt. Ich k\"onnte mit}
\txtB{Dir zanken, dass du Ein Geheimnis doch}
\txtB{Vor mir gehabt! Ein Abenteuer mir}
\txtB{Doch unterschlagen: --- Ja, das k\"onnt ich; wenn}
\txtB{Ich dich nur s\"ah', und nicht auch mich. --- Nun, mag's!}
\txtB{Von dieser s\"u\3en Tr\"aumerei ist immer}
\txtB{Doch so viel wahr, dass mir in meinem Herbst}
\txtB{Ein Assad wieder bl\"uhen soll. --- Du bist}
\txtB{Es doch zufrieden, Ritter?}
\lino{2680}%
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Alles, was}
\txtB{Von dir mir k\"ommt, --- sei was es will --- das lag}
\txtB{Als Wunsch in meiner Seele.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Lass uns das}
\txtB{Sogleich versuchen. --- Bliebst du wohl bei mir?}
\txtB{Um mir? --- Als Christ, als Muselmann: gleichviel!}
\txtB{Im wei\3en Mantel, oder Jamerlonk;}
\txtB{Im Tulban, oder deinem Filze: wie}
\txtB{Du willst! Gleichviel! Ich habe nie verlangt,}
\txtB{Dass allen B\"aumen Eine Rinde wachse.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Sonst w\"arst du wohl auch schwerlich, der du bist:}
\lino{2690}%
\txtB{Der Held, der lieber Gottes G\"artner w\"are.}
\txtH{Saladin}{}
\txtB{Nun dann; wenn du nicht schlechter von mir denkst:}
\txtB{So w\"aren wir ja halb schon richtig?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ganz!}
\txtI{Saladin}{ihm die Hand bietend}{}
\txtB{Ein Wort?}
\txtI{Tempelherr}{einschlagend}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~ Ein Mann! --- Hiermit empfange mehr}
\txtB{Als du mir nehmen konntest. Ganz der Deine!}
\txtH{Saladin}{ Zu viel Gewinn f\"ur einen Tag! zu viel! ---}
\txtB{Kam er nicht mit?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~ Wer?}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nathan.}
\txtI{Tempelherr}{frostig}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nein. Ich kam}
\txtB{Allein.}
\txtH{Saladin}{ ~ Welch eine Tat von dir! Und welch}
\txtB{Ein weises Gl\"uck, dass eine solche Tat}
\txtB{Zum Besten eines solchen Mannes ausschlug.}
\txtH{Tempelherr}{ Ja, ja!}
\lino{2700}%
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~ So kalt? --- Nein, junger Mann! wenn Gott}
\txtB{Was Gutes durch uns tut, muss man so kalt}
\txtB{Nicht sein! --- selbst aus Bescheidenheit so kalt}
\txtB{Nicht scheinen wollen!}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dass doch in der Welt}
\txtB{Ein jedes Ding so manche Seiten hat! ---}
\txtB{Von denen oft sich gar nicht denken l\"asst,}
\txtB{Wie sie zusammenpassen!}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Halte dich}
\txtB{Nur immer an die best', und preise Gott!}
\txtB{Der wei\3, wie sie zusammenpassen. --- Aber,}
\txtB{Wenn du so schwierig sein willst, junger Mann:}
\lino{2710}%
\txtB{So werd auch ich ja wohl auf meiner Hut}
\txtB{Mich mit dir halten m\"ussen? Leider bin}
\txtB{Auch ich ein Ding von vielen Seiten, die}
\txtB{Oft nicht so recht zu passen scheinen m\"ogen.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Das schmerzt! --- Denn Argwohn ist so wenig sonst}
\txtB{Mein Fehler ---}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~ Nun, so sage doch, mit wem}
\txtB{Du's hast? --- Es schien ja gar, mit Nathan. Wie?}
\txtB{Auf Nathan Argwohn? du? --- Erkl\"ar dich! sprich!}
\txtB{Komm, gib mir deines Zutrauns erste Probe.}
\txtH{Tempelherr}{ Ich habe wider Nathan nichts. Ich z\"urn}
\txtB{Allein mit mir ---}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~ Und \"uber was?}
\lino{2720}%
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dass mir}
\txtB{Getr\"aumt, ein Jude k\"onn' auch wohl ein Jude}
\txtB{Zu sein verlernen; dass mir wachend so}
\txtB{Getr\"aumt.}
\txtH{Saladin}{ ~~~ Heraus mit diesem wachen Traume!}
\txtH{Tempelherr}{ Du wei\3t von Nathans Tochter, Sultan. Was}
\txtB{Ich f\"ur sie tat, das tat ich, --- weil ich's tat.}
\txtB{Zu stolz, Dank einzuernten, wo ich ihn}
\txtB{Nicht s\"aete, verschm\"aht ich Tag f\"ur Tag}
\txtB{Das M\"adchen noch einmal zu sehn. Der Vater}
\txtB{War fern; er k\"ommt; er h\"ort; er sucht mich auf;}
\lino{2730}%
\txtB{Er dankt; er w\"unscht, dass seine Tochter mir}
\txtB{Gefallen m\"oge; spricht von Aussicht, spricht}
\txtB{Von heitern Fernen. --- Nun, ich lasse mich}
\txtB{Beschwatzen, komme, sehe, finde wirklich}
\txtB{Ein M\"adchen \ldots Ah, ich muss mich sch\"amen, Sultan! ---}
\txtH{Saladin}{ Dich sch\"amen? --- dass ein Judenm\"adchen auf}
\txtB{Dich Eindruck machte: doch wohl nimmermehr?}
\txtH{Tempelherr}{ Dass diesem Eindruck, auf das liebliche}
\txtB{Geschw\"atz des Vaters hin, mein rasches Herz}
\txtB{So wenig Widerstand entgegensetzte! ---}
\lino{2740}%
\txtB{Ich Tropf! ich sprang zum zweiten Mal ins Feuer. ---}
\txtB{Denn nun warb ich, und nun ward ich verschm\"aht.}
\txtH{Saladin}{ Verschm\"aht?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~ Der weise Vater schl\"agt nun wohl}
\txtB{Mich platterdings nicht aus. Der weise Vater}
\txtB{Muss aber doch sich erst erkunden, erst}
\txtB{Besinnen. Allerdings! Tat ich denn das}
\txtB{Nicht auch? Erkundete, besann ich denn}
\txtB{Mich erst nicht auch, als sie im Feuer schrie? ---}
\txtB{F\"urwahr! bei Gott! Es ist doch gar was Sch\"ones,}
\txtB{So weise, so bed\"achtig sein!}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun, nun!}
\lino{2750}%
\txtB{So sieh doch einem Alten etwas nach!}
\txtB{Wie lange k\"onnen seine Weigerungen}
\txtB{Denn dauern? Wird er denn von dir verlangen,}
\txtB{Dass du erst Jude werden sollst?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wer wei\3!}
\txtH{Saladin}{ Wer wei\3? --- der diesen Nathan besser kennt.}
\txtH{Tempelherr}{ Der Aberglaub', in dem wir aufgewachsen,}
\txtB{Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum}
\txtB{Doch seine Macht nicht \"uber uns. --- Es sind}
\txtB{Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.}
\txtH{Saladin}{}
\txtB{Sehr reif bemerkt! Doch Nathan wahrlich, Nathan \ldots}
\txtH{Tempelherr}{}
\lino{2760}%
\txtB{Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen}
\txtB{F\"ur den ertr\"aglichem zu halten \ldots}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Mag}
\txtB{Wohl sein! Doch Nathan \ldots}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dem allein}
\txtB{Die bl\"ode Menschheit zu vertrauen, bis}
\txtB{Sie heilern Wahrheitstag gew\"ohne; dem}
\txtB{Allein \ldots}
\txtH{Saladin}{ ~~ Gut! Aber Nathan! --- Nathans Los}
\txtB{Ist diese Schwachheit nicht.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So dacht ich auch! \ldots}
\txtB{Wenn gleichwohl dieser Ausbund aller Menschen}
\txtB{So ein gemeiner Jude w\"are, dass}
\txtB{Er Christenkinder zu bekommen suche,}
\lino{2770}%
\txtB{Um sie als Juden aufzuziehn: --- wie dann?}
\txtH{Saladin}{ Wer sagt ihm so was nach?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das M\"adchen selbst,}
\txtB{Mit welcher er mich k\"ornt, mit deren Hoffnung}
\txtB{Er gern mir zu bezahlen schiene, was}
\txtB{Ich nicht umsonst f\"ur sie getan soll haben: ---}
\txtB{Dies M\"adchen selbst, ist seine Tochter --- nicht;}
\txtB{Ist ein verzettelt Christenkind.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das er}
\txtB{Dem ungeachtet dir nicht geben wollte?}
\txtI{Tempelherr}{heftig}{}
\txtB{Woll' oder wolle nicht! Er ist entdeckt.}
\txtB{Der tolerante Schw\"atzer ist entdeckt!}
\lino{2780}%
\txtB{Ich werde hinter diesen j\"ud'schen Wolf}
\txtB{Im philosoph'schen Schafpelz, Hunde schon}
\txtB{Zu bringen wissen, die ihn zausen sollen!}
\txtI{Saladin}{ernst}{ Sei ruhig, Christ!}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was? ruhig Christ? --- Wenn Jud'}
\txtB{Und Muselmann, auf Jud', auf Muselmann}
\txtB{Bestehen: soll allein der Christ den Christen}
\txtB{Nicht machen d\"urfen?}
\txtI{Saladin}{noch ernster}{ Ruhig, Christ!}
\txtI{Tempelherr}{gelassen}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich f\"uhle}
\txtB{Des Vorwurfs ganze Last, --- die Saladin}
\txtB{In diese Silbe presst! Ah, wenn ich w\"usste,}
\txtB{Wie Assad, --- Assad sich an meiner Stelle}
\txtB{Hierbei genommen h\"atte!}
\lino{2790}%
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nicht viel besser! ---}
\txtB{Vermutlich, ganz so brausend! --- Doch, wer hat}
\txtB{Denn dich auch schon gelehrt, mich so wie er}
\txtB{Mit Einem Worte zu bestechen? Freilich}
\txtB{Wenn alles sich verh\"alt, wie du mir sagest:}
\txtB{Kann ich mich selber kaum in Nathan finden. ---}
\txtB{Indes, er ist mein Freund, und meiner Freunde}
\txtB{Muss keiner mit dem andern hadern. --- Lass}
\txtB{Dich weisen! Geh behutsam! Gib ihn nicht}
\txtB{Sofort den Schw\"armern deines P\"obels preis!}
\lino{2800}%
\txtB{Verschweig, was deine Geistlichkeit, an ihm}
\txtB{Zu r\"achen, mir so nahe legen w\"urde!}
\txtB{Sei keinem Juden, keinem Muselmanne}
\txtB{Zum Trotz ein Christ!}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Bald w\"ar's damit zu sp\"at!}
\txtB{Doch dank der Blutbegier des Patriarchen,}
\txtB{Des Werkzeug mir zu werden graute!}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie?}
\txtB{Du kamst zum Patriarchen eher, als}
\txtB{Zu mir?}
\txtH{Tempelherr}{ Im Sturm der Leidenschaft, im Wirbel}
\txtB{Der Unentschlossenheit! --- Verzeih! --- Du wirst}
\txtB{Von deinem Assad, f\"urcht ich, ferner nun}
\txtB{Nichts mehr in mir erkennen wollen.}
\lino{2810}%
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ W\"ar}
\txtB{Es diese Furcht nicht selbst! Mich d\"unkt, ich wei\3,}
\txtB{Aus welchen Fehlern unsre Tugend keimt.}
\txtB{Pfleg diese ferner nur, und jene sollen}
\txtB{Bei mir dir wenig schaden. --- Aber geh!}
\txtB{Such du nun Nathan, wie er dich gesucht;}
\txtB{Und bring ihn her. Ich muss euch doch zusammen}
\txtB{Verst\"andigen. --- W\"ar um das M\"adchen dir}
\txtB{Im Ernst zu tun: sei ruhig. Sie ist dein!}
\txtB{Auch soll es Nathan schon empfinden, dass}
\lino{2820}%
\txtB{Er ohne Schweinefleisch ein Christenkind}
\txtB{Erziehen d\"urfen! --- Geh!}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Der Tempelherr geht ab, und Sittah verl\"asst den Sofa.)}}
\Auftritt{F\"unfter Auftritt}
\descrA{\pers{Saladin} {\em und} \pers{Sittah}.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ganz sonderbar!}
\txtH{Saladin}{ Gelt, Sittah? Muss mein Assad nicht ein braver,}
\txtB{Ein sch\"oner junger Mann gewesen sein?}
\txtH{Sittah}{ Wenn er so war, und nicht zu diesem Bilde}
\txtB{Der Tempelherr vielmehr gesessen! --- Aber}
\txtB{Wie hast du doch vergessen k\"onnen dich}
\txtB{Nach seinen Eltern zu erkundigen?}
\txtH{Saladin}{ Und insbesondre wohl nach seiner Mutter?}
\txtB{Ob seine Mutter hierzulande nie}
\txtB{Gewesen sei? --- Nicht wahr?}
\lino{2830}%
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das machst du gut!}
\txtH{Saladin}{ O, m\"oglicher w\"ar nichts! Denn Assad war}
\txtB{Bei h\"ubschen Christendamen so willkommen,}
\txtB{Auf h\"ubsche Christendamen so erpicht,}
\txtB{Dass einmal gar die Rede ging --- Nun, nun;}
\txtB{Man spricht nicht gern davon. --- Genug; ich hab}
\txtB{Ihn wieder! --- will mit allen seinen Fehlern,}
\txtB{Mit allen Launen seines weichen Herzens}
\txtB{Ihn wieder haben! --- Oh! das M\"adchen muss}
\txtB{Ihm Nathan geben. Meinst du nicht?}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ihm geben?}
\txtB{Ihm lassen!}
\lino{2840}%
\txtH{Saladin}{ ~~~~~ Allerdings! Was h\"atte Nathan,}
\txtB{Sobald er nicht ihr Vater ist, f\"ur Recht}
\txtB{Auf sie? Wer ihr das Leben so erhielt,}
\txtB{Tritt einzig in die Rechte des, der ihr}
\txtB{Es gab.}
\txtH{Sittah}{ Wie also, Saladin? wenn du}
\txtB{Nur gleich das M\"adchen zu dir n\"ahmst? Sie nur}
\txtB{Dem unrechtm\"a\3igen Besitzer gleich}
\txtB{Entz\"ogest?}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~ T\"ate das wohl Not?}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Not nun}
\txtB{Wohl eben nicht! --- Die liebe Neubegier}
\txtB{Treibt mich allein, dir diesen Rat zu geben.}
\lino{2850}%
\txtB{Denn von gewissen M\"annern mag ich gar}
\txtB{Zu gern, so bald wie m\"oglich, wissen, was}
\txtB{Sie f\"ur ein M\"adchen lieben k\"onnen.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun,}
\txtB{So schick und lass sie holen.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Darf ich, Bruder?}
\txtH{Saladin}{ Nur schone Nathans! Nathan muss durchaus}
\txtB{Nicht glauben, dass man mit Gewalt ihn von}
\txtB{Ihr trennen wolle.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Sorge nicht.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und ich,}
\txtB{Ich muss schon selbst sehn, wo Al-Hafi bleibt.}
\Auftritt{Sechster Auftritt}
\descrA{{\bf Szene:} die offne Flur in Nathans Hause, gegen die Palmen zu; wie im ersten Auftritte des ersten Aufzuges.}
\descrB{{\em Ein Teil der Waren und Kostbarkeiten liegt ausgekramt, deren ebendaselbst gedacht wird}. \pers{Nathan} {\em und} \pers{Daja}.}
\txtH{Daja}{ O, alles herrlich! alles auserlesen!}
\txtB{O, alles --- wie nur Ihr es geben k\"onnt.}
\lino{2860}%
\txtB{Wo wird der Silberstoff mit goldnen Ranken}
\txtB{Gemacht? Was kostet er? --- Das nenn ich noch}
\txtB{Ein Brautkleid! Keine K\"onigin verlangt}
\txtB{Es besser.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~ Brautkleid? Warum Brautkleid eben?}
\txtH{Daja}{ Je nun! Ihr dachtet daran freilich nicht,}
\txtB{Als Ihr ihn kauftet. --- Aber wahrlich, Nathan,}
\txtB{Der und kein andrer muss es sein! Er ist}
\txtB{Zum Brautkleid wie bestellt. Der wei\3e Grund;}
\txtB{Ein Bild der Unschuld: und die goldnen Str\"ome,}
\txtB{Die allerorten diesen Grund durchschl\"angeln;}
\lino{2870}%
\txtB{Ein Bild des Reichtums. Seht Ihr? Allerliebst!}
\txtH{Nathan}{ Was witzelst du mir da? Von wessen Brautkleid}
\txtB{Sinnbildern du mir so gelehrt? --- Bist du}
\txtB{Denn Braut?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~ Ich?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun wer denn?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich? --- lieber Gott!}
\txtH{Nathan}{}
\txtB{Wer denn? Von wessen Brautkleid sprichst du denn? ---}
\txtB{Das alles ist ja dein, und keiner andern.}
\txtH{Daja}{ Ist mein? Soll mein sein? --- Ist f\"ur Recha nicht?}
\txtH{Nathan}{ Was ich f\"ur Recha mitgebracht, das liegt}
\txtB{In einem andern Ballen. Mach! nimm weg!}
\txtB{Trag deine Siebensachen fort!}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Versucher!}
\lino{2880}%
\txtB{Nein, w\"aren es die Kostbarkeiten auch}
\txtB{Der ganzen Welt! Nicht r\"uhr an! wenn Ihr mir}
\txtB{Vorher nicht schw\"ort, von dieser einzigen}
\txtB{Gelegenheit, dergleichen Euch der Himmel}
\txtB{Nicht zweimal schicken wird, Gebrauch zu machen.}
\txtH{Nathan}{ Gebrauch? von was? --- Gelegenheit? wozu?}
\txtH{Daja}{ O stellt Euch nicht so fremd! --- Mit kurzen Worten!}
\txtB{Der Tempelherr liebt Recha: gebt sie ihm,}
\txtB{So hat doch einmal Eure S\"unde, die}
\txtB{Ich l\"anger nicht verschweigen kann, ein Ende.}
\lino{2890}%
\txtB{So k\"ommt das M\"adchen wieder unter Christen;}
\txtB{Wird wieder was sie ist; ist wieder, was}
\txtB{Sie ward: und Ihr, Ihr habt mit all dem Guten,}
\txtB{Das wir Euch nicht genug verdanken k\"onnen,}
\txtB{Nicht Feuerkohlen blo\3 auf Euer Haupt}
\txtB{Gesammelt.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~ Doch die alte Leier wieder? ---}
\txtB{Mit einer neuen Saite nur bezogen,}
\txtB{Die, f\"urcht ich, weder stimmt noch h\"alt.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wieso?}
\txtH{Nathan}{}
\txtB{Mir w\"ar der Tempelherr schon recht. Ihm g\"onnt}
\txtB{Ich Recha mehr als einem in der Welt.}
\txtB{Allein~~ \ldots Nun, habe nur Geduld.}
\lino{2900}%
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Geduld?}
\txtB{Geduld, ist Eure alte Leier nun}
\txtB{Wohl nicht?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~ Nur wenig Tage noch Geduld! \ldots}
\txtB{Sieh doch! --- Wer k\"ommt denn dort? Ein Klosterbruder?}
\txtB{Geh, frag ihn was er will.}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was wird er wollen?}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Sie geht auf ihn zu und fragt.)}}
\txtH{Nathan}{ So gib! --- und eh er bittet. --- (W\"usst ich nur}
\txtB{Dem Tempelherrn erst beizukommen, ohne}
\txtB{Die Ursach meiner Neugier ihm zu sagen!}
\txtB{Denn wenn ich sie ihm sag, und der Verdacht}
\txtB{Ist ohne Grund: so hab ich ganz umsonst}
\lino{2910}%
\txtB{Den Vater auf das Spiel gesetzt.) --- Was ist's?}
\txtH{Daja}{ Er will Euch sprechen.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun, so lass ihn kommen;}
\txtB{Und geh indes.}
\Auftritt{Siebenter Auftritt}
\descrA{\pers{Nathan} {\em und der} \pers{Klosterbruder}.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~(Ich bliebe Rechas Vater}
\txtB{Doch gar zu gern! --- Zwar kann ich's denn nicht bleiben,}
\txtB{Auch wenn ich aufh\"or, es zu hei\3en? --- Ihr,}
\txtB{Ihr selbst werd ich's doch immer auch noch hei\3en,}
\txtB{Wenn sie erkennt, wie gern ich's w\"are.) --- Geh! ---}
\txtB{Was ist zu Euern Diensten, frommer Bruder?}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{Nicht eben viel. --- Ich freue mich, Herr Nathan,}
\txtB{Euch annoch wohl zu sehn.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So kennt Ihr mich?}
\txtH{Klosterbruder}{}
\lino{2920}%
\txtB{Je nu; wer kennt Euch nicht? Ihr habt so manchem}
\txtB{Ja Euern Namen in die Hand gedr\"uckt.}
\txtB{Er steht in meiner auch, seit vielen Jahren.}
\txtI{Nathan}{nach seinem Beutel langend}{}
\txtB{Kommt, Bruder, kommt; ich frisch ihn auf.}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Habt Dank!}
\txtB{Ich w\"urd es \"Armern stehlen; nehme nichts. ---}
\txtB{Wenn Ihr mir nur erlauben wollt, ein wenig}
\txtB{Euch {\em meinen} Namen aufzufrischen. Denn}
\txtB{Ich kann mich r\"uhmen, auch in {\em Eure} Hand}
\txtB{Etwas gelegt zu haben, was nicht zu}
\txtB{Verachten war.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~ Verzeiht! --- Ich sch\"ame mich ---}
\lino{2930}%
\txtB{Sagt, was? --- und nehmt zur Bu\3e siebenfach}
\txtB{Den Wert desselben von mir an.}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ H\"ort doch}
\txtB{Vor allen Dingen, wie ich selber nur}
\txtB{Erst heut an dies mein Euch vertrautes Pfand}
\txtB{Erinnert worden.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Mir vertrautes Pfand?}
\txtH{Klosterbruder}{ Vor kurzem sa\3 ich noch als Eremit}
\txtB{Auf Quarantana, unweit Jericho.}
\txtB{Da kam arabisch Raubgesindel, brach}
\txtB{Mein Gottesh\"auschen ab und meine Zelle,}
\txtB{Und schleppte mich mit fort. Zum Gl\"uck entkam}
\lino{2940}%
\txtB{Ich noch, und floh hierher zum Patriarchen,}
\txtB{Um mir ein ander Pl\"atzchen auszubitten,}
\txtB{Allwo ich meinem Gott in Einsamkeit}
\txtB{Bis an mein selig Ende dienen k\"onne.}
\txtH{Nathan}{ Ich steh auf Kohlen, guter Bruder. Macht}
\txtB{Es kurz. Das Pfand! das mir vertraute Pfand!}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{Sogleich, Herr Nathan. --- Nun, der Patriarch}
\txtB{Versprach mir eine Siedelei auf Tabor,}
\txtB{Sobald als eine leer; und hie\3 inzwischen}
\txtB{Im Kloster mich als Laienbruder bleiben.}
\lino{2950}%
\txtB{Da bin ich itzt, Herr Nathan; und verlange}
\txtB{Des Tags wohl hundertmal auf Tabor. Denn}
\txtB{Der Patriarch braucht mich zu allerlei,}
\txtB{Wovor ich gro\3en Ekel habe. Zum}
\txtB{Exempel:}
\txtH{Nathan}{ ~~~ Macht, ich bitt Euch!}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun, es k\"ommt! ---}
\txtB{Da hat ihm jemand heut ins Ohr gesetzt:}
\txtB{Es lebe hier herum ein Jude, der}
\txtB{Ein Christenkind als seine Tochter sich}
\txtB{Erz\"oge.}
\txtH{Nathan}{ ~ Wie? \textcolor{cDescr}{\em (Betroffen.)}}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~ H\"ort mich nur aus! --- Indem}
\txtB{Er mir nun auftr\"agt, diesem Juden stracks,}
\lino{2960}%
\txtB{Wo m\"oglich, auf die Spur zu kommen, und}
\txtB{Gewaltig sich ob eines solchen Frevels}
\txtB{Erz\"urnt, der ihm die wahre S\"unde wider}
\txtB{Den heil'gen Geist bed\"unkt; --- das ist, die S\"unde,}
\txtB{Die aller S\"unden gr\"o\3te S\"und' uns gilt,}
\txtB{Nur dass wir, Gott sei Dank, so recht nicht wissen,}
\txtB{Worin sie eigentlich besteht: --- da wacht}
\txtB{Mit einmal mein Gewissen auf; und mir}
\txtB{F\"allt bei, ich k\"onnte selber wohl vorzeiten}
\txtB{Zu dieser unverzeihlich gro\3en S\"unde}
\lino{2970}%
\txtB{Gelegenheit gegeben haben. --- Sagt:}
\txtB{Hat Euch ein Reitknecht nicht vor achtzehn Jahren}
\txtB{Ein T\"ochterchen gebracht von wenig Wochen?}
\txtH{Nathan}{ Wie das? --- Nun freilich --- allerdings ---}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ei, Seht}
\txtB{Mich doch recht an! --- Der Reitknecht, der bin ich.}
\txtH{Nathan}{}
\txtB{Seid Ihr?}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~ Der Herr, von welchem ich's Euch brachte,}
\txtB{War --- ist mir recht --- ein Herr von Filnek. --- Wolf}
\txtB{Von Filnek!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~ Richtig!}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~ Weil die Mutter kurz}
\txtB{Vorher gestorben war; und sich der Vater}
\txtB{Nach --- mein ich --- Gazza pl\"otzlich werfen musste,}
\lino{2980}%
\txtB{Wohin das W\"urmchen ihm nicht folgen konnte:}
\txtB{So sandt' er's Euch. Und traf ich Euch damit}
\txtB{Nicht in Daran?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~ Ganz recht!}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Es w\"ar kein Wunder,}
\txtB{Wenn mein Ged\"achtnis mich betrog'. Ich habe}
\txtB{Der braven Herrn so viel gehabt; und diesem}
\txtB{Hab ich nur gar zu kurze Zeit gedient.}
\txtB{Er blieb bald drauf bei Askalon; und war}
\txtB{Wohl sonst ein lieber Herr.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Jawohl! jawohl!}
\txtB{Dem ich so viel, so viel zu danken habe!}
\txtB{Der mehr als einmal mich dem Schwert entrissen!}
\txtH{Klosterbruder}{}
\lino{2990}%
\txtB{O sch\"on! So werd't Ihr seines T\"ochterchens}
\txtB{Euch umso lieber angenommen haben.}
\txtH{Nathan}{ Das k\"onnt Ihr denken.}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun, wo ist es denn?}
\txtB{Es ist doch wohl nicht etwa gar gestorben? ---}
\txtB{Lasst's lieber nicht gestorben sein! --- Wenn sonst}
\txtB{Nur niemand um die Sache wei\3: so hat}
\txtB{Es gute Wege.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~ Hat es?}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~ Traut mir, Nathan!}
\txtB{Denn seht, ich denke so! Wenn an das Gute,}
\txtB{Das ich zu tun vermeine, gar zu nah}
\txtB{Was gar zu Schlimmes grenzt: so tu ich lieber}
\lino{3000}%
\txtB{Das Gute nicht; weil wir das Schlimme zwar}
\txtB{So ziemlich zuverl\"assig kennen, aber}
\txtB{Bei weiten nicht das Gute. --- War ja wohl}
\txtB{Nat\"urlich; wenn das Christent\"ochterchen}
\txtB{Recht gut von Euch erzogen werden sollte:}
\txtB{Dass Ihr's als Euer eigen T\"ochterchen}
\txtB{Erz\"ogt. --- Das h\"attet Ihr mit aller Lieb'}
\txtB{Und Treue nun getan, und m\"usstet so}
\txtB{Belohnet werden? Das will mir nicht ein.}
\txtB{Ei freilich, kl\"uger h\"attet Ihr getan;}
\lino{3010}%
\txtB{Wenn Ihr die Christin durch die zweite Hand}
\txtB{Als Christin auferziehen lassen: aber}
\txtB{So h\"attet Ihr das Kindchen Eures Freunds}
\txtB{Auch nicht geliebt. Und Kinder brauchen Liebe,}
\txtB{W\"ar's eines wilden Tieres Lieb' auch nur,}
\txtB{In solchen Jahren mehr, als Christentum.}
\txtB{Zum Christentume hat's noch immer Zeit.}
\txtB{Wenn nur das M\"adchen sonst gesund und fromm}
\txtB{Vor Euern Augen aufgewachsen ist,}
\txtB{So blieb's vor Gottes Augen, was es war.}
\lino{3020}%
\txtB{Und ist denn nicht das ganze Christentum}
\txtB{Aufs Judentum gebaut? Es hat mich oft}
\txtB{Ge\"argert, hat mir Tr\"anen g'nug gekostet,}
\txtB{Wenn Christen gar so sehr vergessen konnten,}
\txtB{Dass unser Herr ja selbst ein Jude war.}
\txtH{Nathan}{ Ihr, guter Bruder, m\"usst mein F\"ursprach sein,}
\txtB{Wenn Hass und Gleisnerei sich gegen mich}
\txtB{Erheben sollten, --- wegen einer Tat ---}
\txtB{Ah, wegen einer Tat! --- Nur Ihr, Ihr sollt}
\txtB{Sie wissen! --- Nehmt sie aber mit ins Grab!}
\lino{3030}%
\txtB{Noch hat mich nie die Eitelkeit versucht,}
\txtB{Sie jemand andern zu erz\"ahlen. Euch}
\txtB{Allein erz\"ahl ich sie. Der frommen Einfalt}
\txtB{Allein erz\"ahl ich sie. Weil die allein}
\txtB{Versteht, was sich der gottergebne Mensch}
\txtB{F\"ur Taten abgewinnen kann.}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ihr Seid}
\txtB{Ger\"uhrt, und Euer Auge steht voll Wasser?}
\txtH{Nathan}{ Ihr traft mich mit dem Kinde zu Daran.}
\txtB{Ihr wisst wohl aber nicht, dass wenig Tage}
\txtB{Zuvor, in Gath die Christen alle Juden}
\lino{3040}%
\txtB{Mit Weib und Kind ermordet hatten; wisst}
\txtB{Wohl nicht, dass unter diesen meine Frau}
\txtB{Mit sieben hoffnungsvollen S\"ohnen sich}
\txtB{Befunden, die in meines Bruders Hause,}
\txtB{Zu dem ich sie gefl\"uchtet, insgesamt}
\txtB{Verbrennen m\"ussen.}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~ Allgerechter!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Als}
\txtB{Ihr kamt, hatt ich drei Tag' und N\"acht' in Asch'}
\txtB{Und Staub vor Gott gelegen, und geweint. ---}
\txtB{Geweint? Beiher mit Gott auch wohl gerechtet,}
\txtB{Gez\"urnt, getobt, mich und die Welt verw\"unscht;}
\lino{3050}%
\txtB{Der Christenheit den unvers\"ohnlichsten}
\txtB{Hass zugeschworen ---}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~ Ach! Ich glaub's Euch wohl!}
\txtH{Nathan}{ Doch nun kam die Vernunft allm\"ahlig wieder.}
\txtB{Sie sprach mit sanfter Stimm': ``Und doch ist Gott!}
\txtB{Doch war auch Gottes Ratschluss das! Wohlan!}
\txtB{Komm! \"ube, was du l\"angst begriffen hast;}
\txtB{Was sicherlich zu \"uben schwerer nicht,}
\txtB{Als zu begreifen ist, wenn du nur willst.}
\txtB{Steh auf!'' --- Ich stand! und rief zu Gott: ich will!}
\txtB{Willst du nur, dass ich will! --- Indem stiegt Ihr}
\lino{3060}%
\txtB{Vom Pferd', und \"uberreichtet mir das Kind,}
\txtB{In Euern Mantel eingeh\"ullt. --- Was Ihr}
\txtB{Mir damals sagtet; was ich Euch: hab ich}
\txtB{Vergessen. So viel wei\3 ich nur; ich nahm}
\txtB{Das Kind, trug's auf mein Lager, k\"usst es, warf}
\txtB{Mich auf die Knie' und schluchzte: Gott! auf Sieben}
\txtB{Doch nun schon Eines wieder!}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nathan! Nathan!}
\txtB{Ihr seid ein Christ! --- Bei Gott, Ihr seid ein Christ!}
\txtB{Ein bessrer Christ war nie!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wohl uns! Denn was}
\txtB{Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir}
\lino{3070}%
\txtB{Zum Juden! --- Aber lasst uns l\"anger nicht}
\txtB{Einander nur erweichen. Hier braucht's Tat!}
\txtB{Und ob mich siebenfache Liebe schon}
\txtB{Bald an dies einz'ge fremde M\"adchen band;}
\txtB{Ob der Gedanke mich schon t\"otet, dass}
\txtB{Ich meine sieben S\"ohn' in ihr aufs Neue}
\txtB{Verlieren soll: --- wenn sie von meinen H\"anden}
\txtB{Die Vorsicht wieder fodert, --- ich gehorche!}
\txtH{Klosterbruder.}{}
\txtB{Nun vollends! --- Eben das bedacht ich mich}
\txtB{So viel, Euch anzuraten! Und so hat's}
\lino{3080}%
\txtB{Euch Euer guter Geist schon angeraten!}
\txtH{Nathan}{ Nur muss der erste Beste mir sie nicht}
\txtB{Entrei\3en wollen!}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~ Nein, gewiss nicht!}
\txtB{\pers{Nathan}. ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wer}
\txtB{Auf sie nicht gr\"o\3re Rechte hat, als ich;}
\txtB{Muss fr\"uhere zum mind'sten haben ---}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Freilich!}
\txtH{Nathan}{ Die ihm Natur und Blut erteilen.}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So}
\txtB{Mein ich es auch!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~ Drum nennt mir nur geschwind}
\txtB{Den Mann, der ihr als Bruder oder Ohm,}
\txtB{Als Vetter oder sonst als Sipp' verwandt:}
\txtB{Ihm will ich sie nicht vorenthalten --- Sie,}
\txtB{Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir}
\lino{3090}%
\txtB{Die jedes Hauses, jedes Glaubens Zierde}
\txtB{Zu sein erschaffen und erzogen ward. ---}
\txtB{Ich hoff, Ihr wisst von diesem Euern Herrn}
\txtB{Und dem Geschlechte dessen, mehr als ich.}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{Das, guter Nathan, wohl nun schwerlich! --- Denn}
\txtB{Ihr habt ja schon geh\"ort, dass ich nur gar}
\txtB{Zu kurze Zeit bei ihm gewesen.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wisst}
\txtB{Ihr denn nicht wenigstens, was f\"ur Geschlechts}
\txtB{Die Mutter war? --- War sie nicht eine Stauffin?}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{Wohl m\"oglich! --- Ja, mich d\"unkt.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Hie\3 nicht ihr Bruder}
\lino{3100}%
\txtB{Conrad von Stauffen? --- und war Tempelherr?}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{Wenn mich's nicht triegt. Doch halt! Da f\"allt mir ein,}
\txtB{Dass ich vom sel'gen Herrn ein B\"uchelchen}
\txtB{Noch hab. Ich zog's ihm aus dem Busen, als}
\txtB{Wir ihn bei Askalon verscharrten.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~Nun?}
\txtH{Klosterbruder}{ Es sind Gebete drin. Wir nennen's ein}
\txtB{Brevier. --- Das, dacht ich, kann ein Christenmensch}
\txtB{Ja wohl noch brauchen. --- Ich nun freilich nicht ---}
\txtB{Ich kann nicht lesen ---}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Tut nichts! --- Nur zur Sache.}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{In diesem B\"uchelchen stehn vorn und hinten,}
\lino{3110}%
\txtB{Wie ich mir sagen lassen, mit des Herrn}
\txtB{Selbsteigner Hand, die Angeh\"origen}
\txtB{Von ihm und ihr geschrieben.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ O erw\"unscht!}
\txtB{Geht! lauft! holt mir das B\"uchelchen. Geschwind!}
\txtB{Ich bin bereit mit Gold es aufzuwiegen;}
\txtB{Und tausend Dank dazu! Eilt! lauft!}
\txtH{Klosterbruder}{ Recht gern!}
\txtB{Es ist Arabisch aber, was der Herr}
\txtB{Hineingeschrieben. \textcolor{cDescr}{\em (Ab.)}}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Einerlei! Nur her! ---}
\txtB{Gott! wenn ich doch das M\"adchen noch behalten,}
\txtB{Und einen solchen Eidam mir damit}
\lino{3120}%
\txtB{Erkaufen k\"onnte! --- Schwerlich wohl! --- Nun, fall'}
\txtB{Es aus, wie's will! --- Wer mag es aber denn}
\txtB{Gewesen sein, der bei dem Patriarchen}
\txtB{So etwas angebracht? Das muss ich doch}
\txtB{Zu fragen nicht vergessen. --- Wenn es gar}
\txtB{Von Daja k\"ame?}
\Auftritt{Achter Auftritt}
\descrA{\pers{Daja} {\em und} \pers{Nathan}.}
\txtH{Daja \textcolor{cDescr}{\em (eilig und verlegen)}.}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Denkt doch, Nathan!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun?}
\txtH{Daja}{ Das arme Kind erschrak wohl recht dar\"uber!}
\txtB{Da schickt \ldots}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~ Der Patriarch?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Des Sultans Schwester,}
\txtB{Prinzessin Sittah \ldots}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nicht der Patriarch?}
\txtH{Daja}{ Nein, Sittah! --- H\"ort Ihr nicht? --- Prinzessin Sittah}
\txtB{Schickt her, und l\"asst sie zu sich holen.}
\lino{3130}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wen?}
\txtB{L\"asst Recha holen? --- Sittah l\"asst sie holen? ---}
\txtB{Nun; wenn sie Sittah holen l\"asst, und nicht}
\txtB{Der Patriarch \ldots}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie kommt Ihr denn auf den?}
\txtH{Nathan}{ So hast du k\"urzlich nichts von ihm geh\"ort?}
\txtB{Gewiss nicht? Auch ihm nichts gesteckt?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich? ihm?}
\txtH{Nathan}{ Wo sind die Boten?}
\txtH{Daja}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Vorn.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich will sie doch}
\txtB{Aus Vorsicht selber sprechen. Komm! --- Wenn nur}
\txtB{Vom Patriarchen nichts dahinter steckt. \textcolor{cDescr}{\em (Ab.)}}
\txtH{Daja}{ Und ich --- ich f\"urchte ganz was anders noch.}
\lino{3140}%
\txtB{Was gilt's? die einzige vermeinte Tochter}
\txtB{So eines reichen Juden w\"ar auch wohl}
\txtB{F\"ur einen Muselmann nicht \"ubel? --- Hui,}
\txtB{Der Tempelherr ist drum. Ist drum: wenn ich}
\txtB{Den zweiten Schritt nicht auch noch wage; nicht}
\txtB{Auch ihr noch selbst entdecke, wer sie ist! ---}
\txtB{Getrost! Lass mich den ersten Augenblick,}
\txtB{Den ich allein sie habe, dazu brauchen!}
\txtB{Und der wird sein --- vielleicht nun eben, wenn}
\txtB{Ich sie begleite. So ein erster Wink}
\lino{3150}%
\txtB{Kann unterwegens wenigstens nicht schaden.}
\txtB{Ja, ja! Nur zu! Itzt oder nie! Nur zu! \textcolor{cDescr}{\em (Ihm nach.)}}
|
5. Aufzug
Extended content |
|---|
\Aufzug{F\"unfter Aufzug}
\Auftritt{Erster Auftritt}
\descrA{{\bf Szene:} das Zimmer in Saladins Palaste, in welches die Beutel mit Geld getragen worden, die noch zu sehen.}
\descrB{\pers{Saladin} {\em und bald darauf verschiedne} \pers{Mamelucken}.}
\txtH{Saladin \textcolor{cDescr}{\em (im Hereintreten)}.}{}
\txtB{Da steht das Geld nun noch! Und niemand wei\3}
\txtB{Den Derwisch aufzufinden, der vermutlich}
\txtB{Ans Schachbrett irgendwo geraten ist,}
\txtB{Das ihn wohl seiner selbst vergessen macht; ---}
\txtB{Warum nicht meiner? --- Nun, Geduld! Was gibt's?}
\txtH{Ein Mameluck.}{}
\txtB{Erw\"unschte Nachricht, Sultan! Freude, Sultan! \ldots}
\txtB{Die Karawane von Kahira k\"ommt;}
\txtB{Ist gl\"ucklich da! mit siebenj\"ahrigem}
\txtB{Tribut des reichen Nils.}
\lino{3160}%
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Brav, Ibrahim!}
\txtB{Du bist mir wahrlich ein willkommner Bote! ---}
\txtB{Ha! endlich einmal! endlich! --- Habe Dank}
\txtB{Der guten Zeitung.}
\txtH{Der Mameluck \textcolor{cDescr}{\em (wartend)}.}{ ~ (Nun? nur her damit!)}
\txtH{Saladin}{ Was wart'st du? --- Geh nur wieder.}
\txtH{Der Mameluck.}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dem Willkommnen}
\txtB{Sonst nichts?}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~ Was denn noch sonst?}
\txtH{Der Mameluck.}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dem guten Boten}
\txtB{Kein Botenbrot? --- So w\"ar ich ja der Erste,}
\txtB{Den Saladin mit Worten abzulohnen,}
\txtB{Doch endlich lernte? --- Auch ein Ruhm! --- Der Erste,}
\txtB{Mit dem er knickerte.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So nimm dir nur}
\txtB{Dort einen Beutel.}
\lino{3170}%
\txtH{Der Mameluck.}{ ~~~~ Nein, nun nicht! Du kannst}
\txtB{Mir sie nun alle schenken wollen.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Trotz! ---}
\txtB{Komm her! Da hast du zwei. --- Im Ernst? er geht?}
\txtB{Tut mir's an Edelmut zuvor? --- Denn sicher}
\txtB{Muss ihm es saurer werden, auszuschlagen,}
\txtB{Als mir zu geben. --- Ibrahim! --- Was k\"ommt}
\txtB{Mir denn auch ein, so kurz vor meinem Abtritt}
\txtB{Auf einmal ganz ein andrer sein zu wollen? ---}
\txtB{Will Saladin als Saladin nicht sterben? ---}
\txtB{So musst er auch als Saladin nicht leben.}
\txtH{Ein zweiter Mameluck.}{}
\txtB{Nun, Sultan! \ldots }
\lino{3180}%
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wenn du mir zu melden k\"ommst \ldots}
\txtH{Zweiter Mameluck.}{}
\txtB{Dass aus \"Agypten der Transport nun da!}
\txtH{Saladin}{ Ich wei\3 schon.}
\txtH{Zweiter Mameluck.}{ ~~~~~~~~ Kam ich doch zu sp\"at!}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Warum}
\txtB{Zu sp\"at? --- Da nimm f\"ur deinen guten Willen}
\txtB{Der Beutel einen oder zwei.}
\txtH{Zweiter Mameluck.}{ ~~~~~~~~~~~ Macht drei!}
\txtH{Saladin}{}
\txtB{Ja, wenn du rechnen kannst! --- So nimm sie nur.}
\txtH{Zweiter Mameluck.}{}
\txtB{Es wird wohl noch ein Dritter kommen, --- wenn}
\txtB{Er anders kommen kann.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie das?}
\txtH{Zweiter Mameluck.}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Je nu;}
\txtB{Er hat auch wohl den Hals gebrochen! Denn}
\txtB{Sobald wir drei der Ankunft des Transports}
\lino{3190}%
\txtB{Versichert waren, sprengte jeder frisch}
\txtB{Davon. Der Vorderste, der st\"urzt; und so}
\txtB{Komm ich nun vor, und bleib auch vor bis in}
\txtB{Die Stadt; wo aber Ibrahim, der Lecker,}
\txtB{Die Gassen besser kennt.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ O der gest\"urzte!}
\txtB{Freund, der gest\"urzte! --- Reit ihm doch entgegen.}
\txtH{Zweiter Mameluck.}{}
\txtB{Das werd ich ja wohl tun! --- Und wenn er lebt:}
\txtB{So ist die H\"alfte dieser Beutel sein. \textcolor{cDescr}{\em (Geht ab.)}}
\txtH{Saladin}{ Sieh, welch ein guter edler Kerl auch das! ---}
\txtB{Wer kann sich solcher Mamelucken r\"uhmen?}
\lino{3200}%
\txtB{Und w\"ar mir denn zu denken nicht erlaubt,}
\txtB{Dass sie mein Beispiel bilden helfen? --- Fort}
\txtB{Mit dem Gedanken, sie zu guter Letzt}
\txtB{Noch an ein anders zu gew\"ohnen! \ldots}
\txtH{Ein dritter Mameluck.}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Sultan, \ldots}
\txtH{Saladin}{ Bist du's, der st\"urzte?}
\txtH{Dritter Mameluck.}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nein. Ich melde nur, ---}
\txtB{Dass Emir Mansor, der die Karawane}
\txtB{Gef\"uhrt, vom Pferde steigt \ldots}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Bring ihn! geschwind! ---}
\txtB{Da ist er ja! ---}
\Auftritt{Zweiter Auftritt}
\descrA{\pers{Emir Mansor} {\em und} \pers{Saladin}.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~ Willkommen, Emir! Nun,}
\txtB{Wie ist's gegangen? --- Mansor, Mansor, hast}
\txtB{Uns lange warten lassen!}
\txtH{Mansor}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dieser Brief}
\lino{3210}%
\txtB{Berichtet, was dein Abulkassem erst}
\txtB{F\"ur Unruh' in Thebais d\"ampfen m\"ussen:}
\txtB{Eh wir es wagen durften abzugehen.}
\txtB{Den Zug darauf hab ich beschleuniget}
\txtB{So viel, wie m\"oglich war.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich glaube dir! ---}
\txtB{Und nimm nur, guter Mansor, nimm sogleich \ldots}
\txtB{Du tust es aber doch auch gern? \ldots nimm frische}
\txtB{Bedeckung nur sogleich. Du musst sogleich}
\txtB{Noch weiter; musst der Gelder gr\"o\3ern Teil}
\txtB{Auf Libanon zum Vater bringen.}
\txtH{Mansor}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Gern!}
\txtB{Sehr gern!}
\lino{3220}%
\txtH{Saladin}{ ~~~~~ Und nimm dir die Bedeckung ja}
\txtB{Nur nicht zu schwach. Es ist um Libanon}
\txtB{Nicht alles mehr so sicher. Hast du nicht}
\txtB{Geh\"ort? Die Tempelherrn sind wieder rege.}
\txtB{Sei wohl auf deiner Hut! --- Komm nur! Wo h\"alt}
\txtB{Der Zug? Ich will ihn sehn; und alles selbst}
\txtB{Betreiben. --- Ihr! ich bin sodann bei Sittah.}
\Auftritt{Dritter Auftritt}
\descrA{{\bf Szene:} die Palmen vor Nathans Hause, wo der \pers{Tempelherr} auf und nieder geht.}
\txtB{Ins Haus nun will ich einmal nicht. --- Er wird}
\txtB{Sich endlich doch wohl sehen lassen! --- Man}
\txtB{Bemerkte mich ja sonst so bald, so gern! ---}
\lino{3230}%
\txtB{Will's noch erleben, dass er sich's verbittet,}
\txtB{Vor seinem Hause mich so flei\3ig finden}
\txtB{Zu lassen. --- Hm! --- ich bin doch aber auch}
\txtB{Sehr \"argerlich. --- Was hat mich denn nun so}
\txtB{Erbittert gegen ihn? --- Er sagte ja:}
\txtB{Noch schl\"ug' er mir nichts ab. Und Saladin}
\txtB{Hat's \"uber sich genommen, ihn zu stimmen. ---}
\txtB{Wie? sollte wirklich wohl in mir der Christ}
\txtB{Noch tiefer nisten, als in ihm der Jude? ---}
\txtB{Wer kennt sich recht? Wie k\"onnt ich ihm denn sonst}
\lino{3240}%
\txtB{Den kleinen Raub nicht g\"onnen wollen, den}
\txtB{Er sich's zu solcher Angelegenheit}
\txtB{Gemacht, den Christen abzujagen? --- Freilich;}
\txtB{Kein kleiner Raub, ein solch Gesch\"opf! --- Gesch\"opf?}
\txtB{Und wessen? --- Doch des Sklaven nicht, der auf}
\txtB{Des Lebens \"oden Strand den Block gefl\"o\3t,}
\txtB{Und sich davongemacht? Des K\"unstlers doch}
\txtB{Wohl mehr, der in dem hingeworfnen Blocke}
\txtB{Die g\"ottliche Gestalt sich dachte, die}
\txtB{Er dargestellt? --- Ach! Rechas wahrer Vater}
\lino{3250}%
\txtB{Bleibt, trotz dem Christen, der sie zeugte --- bleibt}
\txtB{In Ewigkeit der Jude. --- Wenn ich mir}
\txtB{Sie lediglich als Christendirne denke,}
\txtB{Sie sonder alles das mir denke, was}
\txtB{Allein ihr so ein Jude geben konnte: ---}
\txtB{Sprich, Herz, --- was war an ihr, das dir gefiel?}
\txtB{Nichts! Wenig! Selbst ihr L\"acheln, w\"ar es nichts}
\txtB{Als sanfte sch\"one Zuckung ihrer Muskeln;}
\txtB{W\"ar, was sie l\"acheln macht, des Reizes unwert,}
\txtB{In den es sich auf ihrem Munde kleidet: ---}
\lino{3260}%
\txtB{Nein; selbst ihr L\"acheln nicht! Ich hab es ja}
\txtB{Wohl sch\"oner noch an Aberwitz, an Tand,}
\txtB{An H\"ohnerei, an Schmeichler und an Buhler,}
\txtB{Verschwenden sehn! --- Hat's da mich auch bezaubert?}
\txtB{Hat's da mir auch den Wunsch entlockt, mein Leben}
\txtB{In seinem Sonnenscheine zu verflattern? ---}
\txtB{Ich w\"usste nicht. Und bin auf den doch launisch,}
\txtB{Der diesen h\"ohern Wert allein ihr gab?}
\txtB{Wie das? warum? --- Wenn ich den Spott verdiente,}
\txtB{Mit dem mich Saladin entlie\3! Schon schlimm}
\lino{3270}%
\txtB{Genug, dass Saladin es glauben konnte!}
\txtB{Wie klein ich ihm da scheinen musste! wie}
\txtB{Ver\"achtlich! --- Und das alles um ein M\"adchen? ---}
\txtB{Curd! Curd! das geht so nicht. Lenk ein! Wenn vollends}
\txtB{Mir Daja nur was vorgeplaudert h\"atte,}
\txtB{Was schwerlich zu erweisen st\"unde? --- Sieh,}
\txtB{Da tritt er endlich, in Gespr\"ach vertieft,}
\txtB{Aus seinem Hause! --- Ha! mit wem! --- Mit ihm?}
\txtB{Mit meinem Klosterbruder? --- Ha! so wei\3}
\txtB{Er sicherlich schon alles! ist wohl gar}
\lino{3280}%
\txtB{Dem Patriarchen schon verraten! --- Ha!}
\txtB{Was hab ich Querkopf nun gestiftet! --- Dass}
\txtB{Ein einz'ger Funken dieser Leidenschaft}
\txtB{Doch unsers Hirns so viel verbrennen kann! ---}
\txtB{Geschwind entschlie\3 dich, was nunmehr zu tun!}
\txtB{Ich will hier seitw\"arts ihrer warten; --- ob}
\txtB{Vielleicht der Klosterbruder ihn verl\"asst.}
\Auftritt{Vierter Auftritt}
\descrA{\pers{Nathan} {\em und der} \pers{Klosterbruder}.}
\txtH{Nathan \textcolor{cDescr}{\em (im N\"aherkommen)}.}{}
\txtB{Habt nochmals, guter Bruder, vielen Dank!}
\txtH{Klosterbruder}{ Und Ihr desgleichen!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich? von Euch? wof\"ur?}
\txtB{F\"ur meinen Eigensinn, Euch aufzudringen,}
\lino{3290}%
\txtB{Was Ihr nicht braucht? --- Ja, wenn ihm Eurer nur}
\txtB{Auch nachgegeben h\"att; Ihr mit Gewalt}
\txtB{Nicht wolltet reicher sein, als ich.}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das Buch}
\txtB{Geh\"ort ja ohnedem nicht mir; geh\"ort}
\txtB{Ja ohnedem der Tochter; ist ja so}
\txtB{Der Tochter ganzes v\"aterliches Erbe. ---}
\txtB{Je nu, sie hat ja Euch. --- Gott gebe nur,}
\txtB{Dass Ihr es nie bereuen d\"urft, so viel}
\txtB{F\"ur sie getan zu haben!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Kann ich das?}
\txtB{Das kann ich nie. Seid unbesorgt!}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nu, nu!}
\lino{3300}%
\txtB{Die Patriarchen und die Tempelherren \ldots}
\txtH{Nathan}{ Verm\"ogen mir des B\"osen nie so viel}
\txtB{Zu tun, dass irgendwas mich reuen k\"onnte:}
\txtB{Geschweige, das! --- Und seid Ihr denn so ganz}
\txtB{Versichert, dass ein Tempelherr es ist,}
\txtB{Der Euern Patriarchen hetzt?}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Es kann}
\txtB{Beinah kein andrer sein. Ein Tempelherr}
\txtB{Sprach kurz vorher mit ihm; und was ich h\"orte,}
\txtB{Das klang darnach.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Es ist doch aber nur}
\txtB{Ein einziger itzt in Jerusalem.}
\lino{3310}%
\txtB{Und diesen kenn ich. Dieser ist mein Freund.}
\txtB{Ein junger, edler, offner Mann!}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ganz recht;}
\txtB{Der N\"amliche! --- Doch was man ist, und was}
\txtB{Man sein muss in der Welt, das passt ja wohl}
\txtB{Nicht immer.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~ Leider nicht. --- So tue, wer's}
\txtB{Auch immer ist, sein Schlimmstes oder Bestes!}
\txtB{Mit Euerm Buche, Bruder, trotz ich allen;}
\txtB{Und gehe graden Wegs damit zum Sultan.}
\txtH{Klosterbruder}{}
\txtB{Viel Gl\"ucks! Ich will Euch denn nur hier verlassen.}
\txtH{Nathan}{ Und habt sie nicht einmal gesehn? --- Kommt ja}
\lino{3320}%
\txtB{Doch bald, doch flei\3ig wieder. --- Wenn nur heut}
\txtB{Der Patriarch noch nichts erf\"ahrt! --- Doch was?}
\txtB{Sagt ihm auch heute, was Ihr wollt.}
\txtH{Klosterbruder}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich nicht.}
\txtB{Lebt wohl! \textcolor{cDescr}{\em (Geht ab.)}}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~ Vergesst uns ja nicht, Bruder! --- Gott!}
\txtB{Dass ich nicht gleich hier unter freiem Himmel}
\txtB{Auf meine Kniee sinken kann! Wie sich}
\txtB{Der Knoten, der so oft mir bange machte,}
\txtB{Nun von sich selber l\"oset! --- Gott! wie leicht}
\txtB{Mir wird, dass ich nun weiter auf der Welt}
\txtB{Nichts zu verbergen habe! dass ich vor}
\lino{3330}%
\txtB{Den Menschen nun so frei kann wandeln, als}
\txtB{Vor dir, der du allein den Menschen nicht}
\txtB{Nach seinen Taten brauchst zu richten, die}
\txtB{So selten seine Taten sind, o Gott! ---}
\Auftritt{F\"unfter Auftritt}
\descrA{\pers{Nathan} {\em und der} \pers{Tempelherr}, {\em der von der Seite auf ihn zuk\"ommt}.}
\txtH{Tempelherr}{ He! wartet, Nathan; nehmt mich mit!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wer ruft? ---}
\txtB{Seid Ihr es, Ritter? Wo gewesen, dass}
\txtB{Ihr bei dem Sultan Euch nicht treffen lassen?}
\txtH{Tempelherr}{ Wir sind einander fehlgegangen. Nehmt's}
\txtB{Nicht \"ubel.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~ Ich nicht; aber Saladin \ldots}
\txtH{Tempelherr}{ Ihr wart nur eben fort \ldots}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und spracht ihn doch?}
\txtB{Nun, so ist's gut.}
\lino{3340}%
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~ Er will uns aber beide}
\txtB{Zusammen sprechen.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Desto besser. Kommt}
\txtB{Nur mit. Mein Gang stand ohnehin zu ihm. ---}
\txtH{Tempelherr}{ Ich darf ja doch wohl fragen, Nathan, wer}
\txtB{Euch da verlie\3?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ihr kennt ihn doch wohl nicht?}
\txtH{Tempelherr}{ War's nicht die gute Haut, der Laienbruder,}
\txtB{Des sich der Patriarch so gern zum St\"ober}
\txtB{Bedient?}
\txtH{Nathan}{ ~~~ Kann sein! Beim Partriarchen ist}
\txtB{Er allerdings.}
\txtH{Tempelherr}{ Der Pfiff ist gar nicht \"ubel:}
\txtB{Die Einfalt vor der Schurkerei voraus-}
\txtB{Zuschicken.}
\lino{3350}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~ Ja, die dumme; --- nicht die fromme.}
\txtH{Tempelherr}{ An fromme glaubt kein Patriarch.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ F\"ur den}
\txtB{Nun steh ich. Der wird seinem Patriarchen}
\txtB{Nichts Ungeb\"uhrliches vollziehen helfen.}
\txtH{Tempelherr}{ So stellt er wenigstens sich an. --- Doch hat}
\txtB{Er Euch von mir denn nichts gesagt?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Von Euch?}
\txtB{Von Euch nun namentlich wohl nichts. --- Er wei\3}
\txtB{Ja wohl auch schwerlich Euern Namen?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Schwerlich.}
\txtH{Nathan}{ Von einem Tempelherren freilich hat}
\txtB{Er mir gesagt \ldots}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~ Und was?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Womit er Euch}
\lino{3360}%
\txtB{Doch ein f\"ur allemal nicht meinen kann!}
\txtH{Tempelherr}{ Wer wei\3? Lasst doch nur h\"oren.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dass mich einer}
\txtB{Bei seinem Patriarchen angeklagt \ldots}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Euch angeklagt? --- Das ist, mit seiner Gunst ---}
\txtB{Erlogen. --- H\"ort mich, Nathan! --- Ich bin nicht}
\txtB{Der Mensch, der irgendetwas abzuleugnen}
\txtB{Imstande w\"are. Was ich tat, das tat ich!}
\txtB{Doch bin ich auch nicht der, der alles, was}
\txtB{Er tat, als wohlgetan verteid'gen m\"ochte.}
\txtB{Was sollt ich eines Fehls mich sch\"amen? Hab}
\lino{3370}%
\txtB{Ich nicht den festen Vorsatz ihn zu bessern?}
\txtB{Und wei\3 ich etwa nicht, wie weit mit dem}
\txtB{Es Menschen bringen k\"onnen? --- H\"ort mich, Nathan! ---}
\txtB{Ich bin des Laienbruders Tempelherr,}
\txtB{Der Euch verklagt soll haben, allerdings. ---}
\txtB{Ihr wisst ja, was mich wurmisch machte! was}
\txtB{Mein Blut in allen Adern sieden machte!}
\txtB{Ich Gauch! --- ich kam, so ganz mit Leib und Seel'}
\txtB{Euch in die Arme mich zu werfen. Wie}
\txtB{Ihr mich empfingt --- wie kalt --- wie lau --- denn lau}
\lino{3380}%
\txtB{Ist schlimmer noch als kalt; wie abgemessen}
\txtB{Mir auszubeugen Ihr beflissen wart;}
\txtB{Mit welchen aus der Luft gegriffnen Fragen}
\txtB{Ihr Antwort mir zu geben scheinen wolltet:}
\txtB{Das darf ich kaum mir itzt noch denken, wenn}
\txtB{Ich soll gelassen bleiben. --- H\"ort mich, Nathan! ---}
\txtB{In dieser G\"arung schlich mir Daja nach,}
\txtB{Und warf mir ihr Geheimnis an den Kopf,}
\txtB{Das mir den Aufschluss Euers r\"atselhaften}
\txtB{Betragens zu enthalten schien.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie das?}
\txtH{Tempelherr}{}
\lino{3390}%
\txtB{H\"ort mich nur aus! --- Ich bildete mir ein,}
\txtB{Ihr wolltet, was Ihr einmal nun den Christen}
\txtB{So abgejagt, an einen Christen wieder}
\txtB{Nicht gern verlieren. Und so fiel mir ein,}
\txtB{Euch kurz und gut das Messer an die Kehle}
\txtB{Zu setzen.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~ Kurz und gut? und gut? --- Wo steckt}
\txtB{Das Gute?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~ H\"ort mich, Nathan! --- Allerdings:}
\txtB{Ich tat nicht recht! --- Ihr seid wohl gar nicht schuldig. ---}
\txtB{Die N\"arrin Daja wei\3 nicht was sie spricht ---}
\txtB{Ist Euch geh\"assig --- Sucht Euch nur damit}
\lino{3400}%
\txtB{In einen b\"osen Handel zu verwickeln ---}
\txtB{Kann sein! kann sein! --- Ich bin ein junger Laffe,}
\txtB{Der immer nur an beiden Enden schw\"armt;}
\txtB{Bald viel zu viel, bald viel zu wenig tut ---}
\txtB{Auch das kann sein! Verzeiht mir, Nathan.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wenn}
\txtB{Ihr so mich freilich fasset ---}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Kurz, ich ging}
\txtB{Zum Patriarchen! --- hab Euch aber nicht}
\txtB{Genannt. Das ist erlogen, wie gesagt!}
\txtB{Ich hab ihm blo\3 den Fall ganz allgemein}
\txtB{Erz\"ahlt, um seine Meinung zu vernehmen. ---}
\lino{3410}%
\txtB{Auch das h\"att unterbleiben k\"onnen: ja doch! ---}
\txtB{Denn kannt ich nicht den Patriarchen schon}
\txtB{Als einen Schurken? K\"onnt ich Euch nicht selber}
\txtB{Nur gleich zur Rede stellen? --- Musst ich der}
\txtB{Gefahr, so einen Vater zu verlieren,}
\txtB{Das arme M\"adchen opfern? --- Nun, was tut's?}
\txtB{Die Schurkerei des Patriarchen, die}
\txtB{So \"ahnlich immer sich erh\"alt, hat mich}
\txtB{Des n\"achsten Weges wieder zu mir selbst}
\txtB{Gebracht. --- Denn h\"ort mich, Nathan; h\"ort mich aus! ---}
\lino{3420}%
\txtB{Gesetzt; er w\"usst auch Euern Namen: was}
\txtB{Nun mehr, was mehr? --- Er kann Euch ja das M\"adchen}
\txtB{Nur nehmen, wenn sie niemands ist, als Euer.}
\txtB{Er kann sie doch aus {\em Euerm} Hause nur}
\txtB{Ins Kloster schleppen. --- Also --- gebt sie mir!}
\txtB{Gebt sie nur mir; und lasst ihn kommen. Ha!}
\txtB{Er soll's wohl bleiben lassen, mir mein Weib}
\txtB{Zu nehmen. --- Gebt sie mir; geschwind! --- Sie sei}
\txtB{Nun Eure Tochter, oder sei es nicht!}
\txtB{Sei Christin, oder J\"udin, oder keines!}
\lino{3430}%
\txtB{Gleichviel! gleichviel! Ich werd Euch weder itzt}
\txtB{Noch jemals sonst in meinem ganzen Leben}
\txtB{Darum befragen. Sei, wie's sei!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ihr w\"ahnt}
\txtB{Wohl gar, dass mir die Wahrheit zu verbergen}
\txtB{Sehr n\"otig?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~ Sei, wie's sei!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich hab es ja}
\txtB{Euch --- oder wem es sonst zu wissen ziemt ---}
\txtB{Noch nicht geleugnet, dass sie eine Christin,}
\txtB{Und nichts als meine Pflegetochter ist. ---}
\txtB{Warum ich's aber ihr noch nicht entdeckt? ---}
\txtB{Dar\"uber brauch ich nur bei ihr mich zu}
\txtB{Entschuldigen.}
\lino{3440}%
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~ Das sollt Ihr auch bei ihr}
\txtB{Nicht brauchen. --- G\"onnt's ihr doch, dass sie Euch nie}
\txtB{Mit andern Augen darf betrachten! Spart}
\txtB{Ihr die Entdeckung doch! --- Noch habt Ihr ja,}
\txtB{Ihr ganz allein, mit ihr zu schalten. Gebt}
\txtB{Sie mir! Ich bitt Euch, Nathan; gebt sie mir!}
\txtB{Ich bin's allein, der sie zum zweiten Male}
\txtB{Euch retten kann --- und will.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ja --- konnte! konnte!}
\txtB{Nun auch nicht mehr. Es ist damit zu sp\"at.}
\txtH{Tempelherr}{ Wieso? zu sp\"at?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dank sei dem Patriarchen \ldots}
\txtH{Tempelherr}{}
\lino{3450}%
\txtB{Dem Patriarchen? Dank? ihm Dank? wof\"ur?}
\txtB{Dank h\"atte der bei uns verdienen wollen?}
\txtB{Wof\"ur? wof\"ur?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~ Dass wir nun wissen, wem}
\txtB{Sie anverwandt; nun wissen, wessen H\"anden}
\txtB{Sie sicher ausgeliefert werden kann.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Das dank' ihm --- wer f\"ur mehr ihm danken wird!}
\txtH{Nathan}{ Aus diesen m\"usst Ihr sie nun auch erhalten;}
\txtB{Und nicht aus meinen.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Arme Recha! Was}
\txtB{Dir alles zust\"o\3t, arme Recha! Was}
\txtB{Ein Gl\"uck f\"ur andre Waisen w\"are, wird}
\lino{3460}%
\txtB{Dein Ungl\"uck! --- Nathan! --- Und wo sind sie, diese}
\txtB{Verwandte?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~ Wo sie sind?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und wer sie sind?}
\txtH{Nathan}{ Besonders hat ein Bruder sich gefunden,}
\txtB{Bei dem Ihr um sie werben m\"usst.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ein Bruder?}
\txtB{Was ist er, dieser Bruder? Ein Soldat?}
\txtB{Ein Geistlicher? --- Lasst h\"oren, was ich mir}
\txtB{Versprechen darf.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich glaube, dass er keines}
\txtB{Von beiden --- oder beides ist. Ich kenn}
\txtB{Ihn noch nicht recht.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und sonst?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ein braver Mann!}
\txtB{Bei dem sich Recha gar nicht \"ubel wird}
\txtB{Befinden.}
\lino{3470}%
\txtH{Tempelherr}{ Doch ein Christ! --- Ich wei\3 zuzeiten}
\txtB{Auch gar nicht, was ich von Euch denken soll: ---}
\txtB{Nehmt mir's nicht ungut, Nathan. --- Wird sie nicht}
\txtB{Die Christin spielen m\"ussen, unter Christen?}
\txtB{Und wird sie, was sie lange g'nug gespielt,}
\txtB{Nicht endlich werden? Wird den lautern Weizen,}
\txtB{Den Ihr ges\"at, das Unkraut endlich nicht}
\txtB{Ersticken? --- Und das k\"ummert Euch so wenig?}
\txtB{Dem ungeachtet k\"onnt Ihr sagen --- Ihr? ---}
\txtB{Dass sie bei ihrem Bruder sich nicht \"ubel}
\txtB{Befinden werde?}
\lino{3480}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Denk ich! hoff ich! --- Wenn}
\txtB{Ihr ja bei ihm was mangeln sollte, hat}
\txtB{Sie Euch und mich denn nicht noch immer?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Oh!}
\txtB{Was wird bei ihm ihr mangeln k\"onnen! Wird}
\txtB{Das Br\"uderchen mit Essen und mit Kleidung,}
\txtB{Mit Naschwerk und mit Putz, das Schwesterchen}
\txtB{Nicht reichlich g'nug versorgen? Und was braucht}
\txtB{Ein Schwesterchen denn mehr? --- Ei freilich: auch}
\txtB{Noch einen Mann! --- Nun, nun; auch den, auch den}
\txtB{Wird ihr das Br\"uderchen zu seiner Zeit}
\lino{3490}%
\txtB{Schon schaffen; wie er immer nur zu finden!}
\txtB{Der Christlichste der Beste! --- Nathan, Nathan!}
\txtB{Welch einen Engel hattet Ihr gebildet,}
\txtB{Den Euch nun andre so verhunzen werden!}
\txtH{Nathan}{ Hat keine Not! Er wird sich unsrer Liebe}
\txtB{Noch immer wert genug behaupten.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Sagt}
\txtB{Das nicht! Von {\em meiner} Liebe sagt das nicht!}
\txtB{Denn die l\"asst nichts sich unterschlagen; nichts.}
\txtB{Es sei auch noch so klein! Auch keinen Namen! ---}
\txtB{Doch halt! --- Argwohnt sie wohl bereits, was mit}
\txtB{Ihr vorgeht?}
\lino{3500}%
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~ M\"oglich; ob ich schon nicht w\"usste,}
\txtB{Woher?}
\txtH{Tempelherr}{ ~ Auch eben viel; sie soll --- sie muss}
\txtB{In beiden F\"allen, was ihr Schicksal droht,}
\txtB{Von mir zuerst erfahren. Mein Gedanke,}
\txtB{Sie eher wieder nicht zu sehn, zu sprechen,}
\txtB{Als bis ich sie die Meine nennen d\"urfe,}
\txtB{F\"allt weg. Ich eile.~.~.~~~}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Bleibt! wohin?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Zu Ihr!}
\txtB{Zu sehn, ob diese M\"adchenseele Manns genug}
\txtB{Wohl ist, den einzigen Entschluss zu fassen}
\txtB{Der ihrer w\"urdig w\"are!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~{\em Welchen}?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Den:}
\lino{3510}%
\txtB{Nach Euch und ihrem Bruder weiter nicht}
\txtB{Zu fragen ---}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~ Und?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~ Und mir zu folgen; --- wenn}
\txtB{Sie dr\"uber eines Muselmannes Frau}
\txtB{Auch werden m\"usste.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Bleibt! Ihr trefft sie nicht.}
\txtB{Sie ist bei Sittah, bei des Sultans Schwester.}
\txtH{Tempelherr}{ Seit wenn? warum?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und wollt Ihr da bei ihnen}
\txtB{Zugleich den Bruder finden: kommt nur mit.}
\txtH{Tempelherr}{ Den Bruder? welchen? Sittahs oder Rechas?}
\txtH{Nathan}{}
\txtB{Leicht beide. Kommt nur mit! Ich bitt Euch, kommt!}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Er f\"uhrt ihn fort.)}}
\Auftritt{Sechster Auftritt}
\descrA{{\bf Szene:} in Sittahs Harem.}
\descrB{\pers{Sittah} {\em und} \pers{Recha} {\em in Unterhaltung begriffen}.}
\txtH{Sittah}{ Was freu ich mich nicht deiner, s\"u\3es M\"adchen! ---}
\lino{3520}%
\txtB{Sei so beklemmt nur nicht! so angst! so sch\"uchtern! ---}
\txtB{Sei munter! sei gespr\"achiger! vertrauter!}
\txtH{Recha}{ Prinzessin \ldots}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nicht doch! Prinzessin! Nenn}
\txtB{Mich Sittah, --- deine Freundin, --- deine Schwester.}
\txtB{Nenn mich dein M\"utterchen! --- Ich k\"onnte das}
\txtB{Ja schier auch sein. --- So jung! so klug! so fromm!}
\txtB{Was du nicht alles wei\3t! nicht alles musst}
\txtB{Gelesen haben!}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich gelesen? --- Sittah,}
\txtB{Du spottest deiner kleinen albern Schwester.}
\txtB{Ich kann kaum lesen.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Kannst kaum, L\"ugnerin!}
\lino{3530}%
\txtH{Recha}{ Ein wenig meines Vaters Hand! --- Ich meinte,}
\txtB{Du spr\"achst von B\"uchern.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Allerdings! von B\"uchern.}
\txtH{Recha}{ Nun, B\"ucher wird mir wahrlich schwer zu lesen! ---}
\txtH{Sittah}{ Im Ernst?}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ In ganzem Ernst. Mein Vater liebt}
\txtB{Die kalte Buchgelehrsamkeit, die sich}
\txtB{Mit toten Zeichen ins Gehirn nur dr\"uckt,}
\txtB{Zu wenig.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~ Ei, was sagst du! --- Hat indes}
\txtB{Wohl nicht sehr Unrecht! --- Und so manches, was}
\txtB{Du wei\3t \ldots ?}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~ Wei\3 ich allein aus seinem Munde.}
\txtB{Und k\"onnte bei dem meisten dir noch sagen,}
\txtB{Wie? wo? warum? er mich's gelehrt.}
\lino{3540}%
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So h\"angt}
\txtB{Sich freilich alles besser an. So lernt}
\txtB{Mit eins die ganze Seele.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Sicher hat}
\txtB{Auch Sittah wenig oder nichts gelesen!}
\txtH{Sittah}{ Wieso? --- Ich bin nicht stolz aufs Gegenteil. ---}
\txtB{Allein wieso? Dein Grund! Sprich dreist. Dein Grund?}
\txtH{Recha}{ Sie ist so schlecht und recht; so unverk\"unstelt;}
\txtB{So ganz sich selbst nur \"ahnlich \ldots}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun?}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das sollen}
\txtB{Die B\"ucher uns nur selten lassen: sagt}
\txtB{Mein Vater.}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~ O was ist dein Vater f\"ur}
\txtB{Ein Mann!}
\txtH{Recha}{ ~~~~~ Nicht wahr?}
\lino{3550}%
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie nah er immer doch}
\txtB{Zum Ziele trifft!}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nicht wahr? --- Und diesen Vater ---}
\txtH{Sittah}{ Was ist dir, Liebe?}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Diesen Vater ---}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Gott!}
\txtB{Du weinst?}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~ Und diesen Vater --- Ah! es muss}
\txtB{Heraus! Mein Herz will Luft, will Luft \ldots}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Wirft sich, von Tr\"anen \"uberw\"altiget, zu ihren F\"u\3en.)}}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Kind, was}
\txtB{Geschieht dir? Recha?}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Diesen Vater soll ---}
\txtB{Soll ich verlieren!}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Du? verlieren? ihn?}
\txtB{Wie das? --- Sei ruhig! --- Nimmermehr! --- Steh auf!}
\txtH{Recha}{ Du sollst vergebens dich zu meiner Freundin,}
\txtB{Zu meiner Schwester nicht erboten haben!}
\txtH{Sittah}{}
\lino{3560}%
\txtB{Ich bin's ja! bin's! --- Steh doch nur auf! Ich muss}
\txtB{Sonst H\"ulfe rufen.}
\txtI{Recha}{die sich ermannt und aufsteht}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ah! verzeih! vergib! ---}
\txtB{Mein Schmerz hat mich vergessen machen, wer}
\txtB{Du bist. Vor Sittah gilt kein Winseln, kein}
\txtB{Verzweifeln. Kalte, ruhige Vernunft}
\txtB{Will alles \"uber sie allein verm\"ogen.}
\txtB{Wes Sache diese bei ihr f\"uhrt, der siegt!}
\txtH{Sittah}{ Nun dann?}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nein; meine Freundin, meine Schwester}
\txtB{Gibt das nicht zu! Gibt nimmer zu, dass mir}
\txtB{Ein andrer Vater aufgedrungen werde!}
\lino{3570}%
\txtH{Sittah}{ Ein andrer Vater? aufgedrungen? dir?}
\txtB{Wer kann das? kann das auch nur wollen, Liebe?}
\txtH{Recha}{ Wer? Meine gute b\"ose Daja kann}
\txtB{Das wollen, --- will das k\"onnen. --- Ja; du kennst}
\txtB{Wohl diese gute b\"ose Daja nicht?}
\txtB{Nun, Gott vergeb' es ihr! --- belohn' es ihr!}
\txtB{Sie hat mir so viel Gutes, --- so viel B\"oses}
\txtB{Erwiesen!}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~ B\"oses dir? --- So muss sie Gutes}
\txtB{Doch wahrlich wenig haben.}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Doch! recht viel,}
\txtB{Recht viel!}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~ Wer ist sie?}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Eine Christin, die}
\lino{3580}%
\txtB{In meiner Kindheit mich gepflegt; mich so}
\txtB{Gepflegt! --- Du glaubst nicht! --- Die mir eine Mutter}
\txtB{So wenig missen lassen! --- Gott vergelt'}
\txtB{Es ihr! --- Die aber mich auch so ge\"angstet!}
\txtB{Mich so gequ\"alt!}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und \"uber was? warum?}
\txtB{Wie?}
\txtH{Recha}{ ~ Ach! die arme Frau, --- ich sag dir's ja ---}
\txtB{Ist eine Christin; --- muss aus Liebe qu\"alen; ---}
\txtB{Ist eine von den Schw\"armerinnen, die}
\txtB{Den allgemeinen, einzig wahren Weg}
\txtB{Nach Gott, zu wissen w\"ahnen!}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nun versteh ich!}
\lino{3590}%
\txtH{Recha}{ Und sich gedrungen f\"uhlen, einen jeden,}
\txtB{Der dieses Wegs verfehlt, darauf zu lenken. ---}
\txtB{Kaum k\"onnen sie auch anders. Denn ist's wahr,}
\txtB{Dass dieser Weg allein nur richtig f\"uhrt:}
\txtB{Wie sollen sie gelassen ihre Freunde}
\txtB{Auf einem andern wandeln sehn, --- der ins}
\txtB{Verderben st\"urzt, ins ewige Verderben?}
\txtB{Es m\"usste m\"oglich sein, denselben Menschen}
\txtB{Zur selben Zeit zu lieben und zu hassen. ---}
\txtB{Auch ist's das nicht, was endlich laute Klagen}
\lino{3600}%
\txtB{Mich \"uber sie zu f\"uhren zwingt. Ihr Seufzen,}
\txtB{Ihr Warnen, ihr Gebet, ihr Drohen h\"att}
\txtB{Ich gern noch l\"anger ausgehalten; gern!}
\txtB{Es brachte mich doch immer auf Gedanken,}
\txtB{Die gut und n\"utzlich. Und wem schmeichelt's doch}
\txtB{Im Grunde nicht, sich gar so wert und teuer,}
\txtB{Von wem's auch sei, gehalten f\"uhlen, dass}
\txtB{Er den Gedanken nicht ertragen kann,}
\txtB{Er m\"uss' einmal auf ewig uns entbehren!}
\txtH{Sittah}{ Sehr wahr!}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Allein --- allein --- das geht zu weit!}
\lino{3610}%
\txtB{Dem kann ich nichts entgegensetzen; nicht}
\txtB{Geduld, nicht \"Uberlegung; nichts!}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was? wem?}
\txtH{Recha}{ Was sie mir eben itzt entdeckt will haben.}
\txtH{Sittah}{ Entdeckt? und eben itzt?}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nur eben itzt!}
\txtB{Wir nahten, auf dem Weg' hierher, uns einem}
\txtB{Verfallnen Christentempel. Pl\"otzlich stand}
\txtB{Sie still; schien mit sich selbst zu k\"ampfen; blickte}
\txtB{Mit nassen Augen bald gen Himmel, bald}
\txtB{Auf mich. Komm, sprach sie endlich, lass uns hier}
\txtB{Durch diesen Tempel in die Richte gehn!}
\lino{3620}%
\txtB{Sie geht; ich folg ihr, und mein Auge schweift}
\txtB{Mit Graus die wankenden Ruinen durch.}
\txtB{Nun steht sie wieder; und ich sehe mich}
\txtB{An den versunknen Stufen eines morschen}
\txtB{Altars mit ihr. Wie ward mir? als sie da}
\txtB{Mit hei\3en Tr\"anen, mit gerungnen H\"anden,}
\txtB{Zu meinen F\"u\3en st\"urzte \ldots}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Gutes Kind!}
\txtH{Recha}{ Und bei der G\"ottlichen, die da wohl sonst}
\txtB{So manch Gebet erh\"ort, so manches Wunder}
\txtB{Verrichtet habe, mich beschwor; --- mit Blicken}
\lino{3630}%
\txtB{Des wahren Mitleids mich beschwor, mich meiner}
\txtB{Doch zu erbarmen! --- Wenigstens, ihr zu}
\txtB{Vergeben, wenn sie mir entdecken m\"usse,}
\txtB{Was ihre Kirch' auf mich f\"ur Anspruch habe.}
\txtH{Sittah}{ (Ungl\"uckliche! --- Es ahnte mir!)}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich sei}
\txtB{Aus christlichem Gebl\"ute; sei getauft;}
\txtB{Sei Nathans Tochter nicht; er nicht mein Vater! ---}
\txtB{Gott! Gott! Er nicht mein Vater! --- Sittah! Sittah!}
\txtB{Sieh mich aufs Neu' zu deinen F\"u\3en \ldots }
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Recha!}
\txtB{Nicht doch! steh auf! --- Mein Bruder k\"ommt! steh auf!}
\Auftritt{Siebenter Auftritt}
\descrA{\pers{Saladin} {\em und die} \pers{vorigen}.}
\txtH{Saladin}{ Was gibt's hier, Sittah?}
\lino{3640}%
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Sie ist von sich! Gott!}
\txtH{Saladin}{ Wer ist's?}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Du wei\3t ja \ldots}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Unsers Nathans Tochter?}
\txtB{Was fehlt ihr?}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~ Komm doch zu dir, Kind! --- Der Sultan \ldots}
\txtI{Recha}{die sich auf den Knieen zu Saladins F\"u\3en schleppt, den Kopf zur Erde gesenkt}{}
\txtB{Ich steh nicht auf! nicht eher auf! --- mag eher}
\txtB{Des Sultans Antlitz nicht erblicken! --- eher}
\txtB{Den Abglanz ewiger Gerechtigkeit}
\txtB{Und G\"ute nicht in seinen Augen, nicht}
\txtB{Auf seiner Stirn bewundern \ldots}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Steh \ldots steh auf!}
\txtH{Recha}{ Eh er mir nicht verspricht \ldots}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Komm! ich verspreche \ldots}
\txtB{Sei was es will!}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~ Nicht mehr, nicht weniger,}
\lino{3650}%
\txtB{Als meinen Vater mir zu lassen; und}
\txtB{Mich ihm! --- Noch wei\3 ich nicht, wer sonst mein Vater}
\txtB{Zu sein verlangt; --- verlangen kann. Will's auch}
\txtB{Nicht wissen. Aber macht denn nur das Blut}
\txtB{Den Vater? nur das Blut?}
\txtI{Saladin}{der sie aufhebt}{ ~~~ Ich merke wohl! ---}
\txtB{Wer war so grausam denn, dir selbst --- dir selbst}
\txtB{Dergleichen in den Kopf zu setzen? Ist}
\txtB{Es denn schon v\"ollig ausgemacht? erwiesen?}
\txtH{Recha}{ Muss wohl! Denn Daja will von meiner Amm'}
\txtB{Es haben.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~ Deiner Amme!}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Die es sterbend}
\lino{3660}%
\txtB{Ihr zu vertrauen sich verbunden f\"uhlte.}
\txtH{Saladin}{}
\txtB{Gar sterbend! --- Nicht auch faselnd schon? --- Und w\"ar's}
\txtB{Auch wahr! --- Jawohl: das Blut, das Blut allein}
\txtB{Macht lange noch den Vater nicht! macht kaum}
\txtB{Den Vater eines Tieres! gibt zum h\"ochsten}
\txtB{Das erste Recht, sich diesen Namen zu}
\txtB{Erwerben! --- Lass dir doch nicht bange sein! ---}
\txtB{Und wei\3t du was? Sobald der V\"ater zwei}
\txtB{Sich um dich streiten: --- lass sie beide; nimm}
\txtB{Den dritten! --- Nimm dann mich zu deinem Vater!}
\txtH{Sittah}{ O tu's! o tu's!}
\lino{3670}%
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich will ein guter Vater,}
\txtB{Recht guter Vater sein! --- Doch halt! mir f\"allt}
\txtB{Noch viel was Bessers bei. --- Was brauchst du denn}
\txtB{Der V\"ater \"uberhaupt? Wenn sie nun sterben?}
\txtB{Beizeiten sich nach einem umgesehn,}
\txtB{Der mit uns um die Wette leben will!}
\txtB{Kennst du noch keinen? \ldots}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Mach sie nicht err\"oten!}
\txtH{Saladin}{ Das hab ich allerdings mir vorgesetzt.}
\txtB{Err\"oten macht die H\"asslichen so sch\"on:}
\txtB{Und sollte Sch\"one nicht noch sch\"oner machen? ---}
\lino{3680}%
\txtB{Ich habe deinen Vater Nathan; und}
\txtB{Noch einen --- einen noch hierher bestellt.}
\txtB{Err\"atst du ihn? --- Hierher! Du wirst mir doch}
\txtB{Erlauben, Sittah?}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Bruder!}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Dass du ja}
\txtB{Vor ihm recht sehr err\"otest, liebes M\"adchen!}
\txtH{Recha}{ Vor wem? err\"oten? ...}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Kleine Heuchlerin!}
\txtB{Nun so erblasse lieber! --- Wie du willst}
\txtB{Und kannst! ---}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Eine Sklavin tritt herein, und nahet sich Sittah.)}}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Sie sind doch etwa nicht schon da?}
\txtI{Sittah}{zur Sklavin}{}
\txtB{Gut! lass sie nur herein. --- Sie sind es, Bruder!}
\Auftritt{Letzter Auftritt}
\descrA{\pers{Nathan} {\em und der} \pers{Tempelherr} {\em zu den} \pers{vorigen}.}
\txtH{Saladin}{ Ah, meine guten lieben Freunde! --- Dich,}
\lino{3690}%
\txtB{Dich, Nathan, muss ich nur vor allen Dingen}
\txtB{Bedeuten, dass du nun, sobald du willst,}
\txtB{Dein Geld kannst wieder holen lassen! \ldots}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Sultan! \ldots}
\txtH{Saladin}{ Nun steh ich auch zu deinen Diensten \ldots}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Sultan! \ldots}
\txtH{Saladin}{ Die Karawan' ist da. Ich bin so reich}
\txtB{Nun wieder, als ich lange nicht gewesen. ---}
\txtB{Komm, sag mir, was du brauchst, so recht was Gro\3es}
\txtB{Zu unternehmen! Denn auch ihr, auch ihr,}
\txtB{Ihr Handelsleute, k\"onnt des baren Geldes}
\txtB{Zu viel nie haben!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und warum zuerst}
\lino{3700}%
\txtB{Von dieser Kleinigkeit? --- Ich sehe dort}
\txtB{Ein Aug' in Tr\"anen, das zu trocknen, mir}
\txtB{Weit angelegner ist. \textcolor{cDescr}{\em (Geht auf Recha zu.)} Du hast geweint?}
\txtB{Was fehlt dir? --- bist doch meine Tochter noch?}
\txtH{Recha}{ Mein Vater! \ldots}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wir verstehen uns. Genug! ---}
\txtB{Sei heiter! Sei gefasst! Wenn sonst dein Herz}
\txtB{Nur dein noch ist! Wenn deinem Herzen sonst}
\txtB{Nur kein Verlust nicht droht! --- Dein Vater ist}
\txtB{Dir unverloren!}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Keiner, keiner sonst!}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{Sonst keiner? --- Nun! so hab ich mich betrogen.}
\lino{3710}%
\txtB{Was man nicht zu verlieren f\"urchtet, hat}
\txtB{Man zu besitzen nie geglaubt, und nie}
\txtB{Gew\"unscht. --- Recht wohl! recht wohl! --- Das \"andert, Nathan,}
\txtB{Das \"andert alles! --- Saladin, wir kamen}
\txtB{Auf dein Gehei\3. Allein, ich hatte dich}
\txtB{Verleitet: itzt bem\"uh dich nur nicht weiter!}
\txtH{Saladin}{ Wie gach nun wieder, junger Mann! --- Soll alles}
\txtB{Dir denn entgegen kommen? alles dich}
\txtB{Erraten?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~ Nun du h\"orst ja! siehst ja, Sultan!}
\txtH{Saladin}{ Ei wahrlich! --- Schlimm genug, dass deiner Sache}
\txtB{Du nicht gewisser warst!}
\lino{3720}%
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ So bin ich's nun.}
\txtH{Saladin}{ Wer so auf irgendeine Wohltat trotzt,}
\txtB{Nimmt sie zur\"uck. Was du gerettet, ist}
\txtB{Deswegen nicht dein Eigentum. Sonst w\"ar}
\txtB{Der R\"auber, den sein Geiz ins Feuer jagt,}
\txtB{So gut ein Held, wie du!}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Auf Recha zugehend, um sie dem Tempelherrn zuzuf\"uhren.)}}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Komm, liebes M\"adchen,}
\txtB{Komm! Nimm's mit ihm nicht so genau. Denn w\"ar}
\txtB{Er anders; w\"ar er minder warm und stolz:}
\txtB{Er h\"att es bleiben lassen, dich zu retten.}
\txtB{Du musst ihm eins f\"urs andre rechnen. --- Komm!}
\lino{3730}%
\txtB{Besch\"am ihn! tu, was ihm zu tun geziemte!}
\txtB{Bekenn ihm deine Liebe! trage dich ihm an!}
\txtB{Und wenn er dich verschm\"aht; dir's je vergisst,}
\txtB{Wie ungleich mehr in diesem Schritte du}
\txtB{F\"ur ihn getan, als er f\"ur dich \ldots Was hat}
\txtB{Er denn f\"ur dich getan? Ein wenig sich}
\txtB{Ber\"auchern lassen! ist was Rechts! --- so hat}
\txtB{Er meines Bruders, meines Assad, nichts!}
\txtB{So tr\"agt er seine Larve, nicht sein Herz.}
\txtB{Komm, Liebe \ldots}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Geh! geh, Liebe, geh! Es ist}
\lino{3740}%
\txtB{F\"ur deine Dankbarkeit noch immer wenig;}
\txtB{Noch immer nichts.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Halt Saladin! halt Sittah!}
\txtH{Saladin}{ Auch du?}
\txtB{\pers{Nathan}. ~~~~~~~~~~~~~ Hier hat noch einer mitzusprechen \ldots}
\txtH{Saladin}{ Wer leugnet das? --- Unstreitig, Nathan, k\"ommt}
\txtB{So einem Pflegevater eine Stimme}
\txtB{Mit zu! Die erste, wenn du willst. --- Du h\"orst,}
\txtB{Ich wei\3 der Sache ganze Lage.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nicht so ganz! ---}
\txtB{Ich rede nicht von mir. Es ist ein andrer;}
\txtB{Weit, weit ein andrer, den ich, Saladin,}
\txtB{Doch auch vorher zu h\"oren bitte.}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wer?}
\txtH{Nathan}{ Ihr Bruder!}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Rechas Bruder?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ja!}
\lino{3750}%
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Mein Bruder?}
\txtB{So hab ich einen Bruder?}
\txtI{Tempelherr}{aus seiner wilden, stummen Zerstreuung auffahrend}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wo? wo ist}
\txtB{Er, dieser Bruder? Noch nicht hier? Ich sollt}
\txtB{Ihn hier ja treffen.}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nur Geduld!}
\txtH{Tempelherr \textcolor{cDescr}{\em (\"au\3erst bitter)}.}{ ~~~~ Er hat}
\txtB{Ihr einen Vater aufgebunden: --- wird}
\txtB{Er keinen Bruder f\"ur sie finden?}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das}
\txtB{Hat noch gefehlt! Christ! ein so niedriger}
\txtB{Verdacht war \"uber Assads Lippen nicht}
\txtB{Gekommen. --- Gut! fahr nur so fort!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Verzeih}
\txtB{Ihm! --- Ich verzeih ihm gern. --- Wer wei\3, was wir}
\lino{3760}%
\txtB{An seiner Stell', in seinem Alter d\"achten!}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Freundschaftlich auf ihn zugehend.)}}
\txtB{Nat\"urlich, Ritter! --- Argwohn folgt auf Misstraun! ---}
\txtB{Wenn Ihr mich Euers {\em wahren} Namens gleich}
\txtB{Gew\"urdigt h\"attet \ldots}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ihr seid kein Stauffen!}
\txtH{Tempelherr}{ Wer bin ich denn?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Hei\3t Curd von Stauffen nicht!}
\txtH{Tempelherr}{ Wie hei\3 ich denn?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Hei\3t Leu von Filnek.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie?}
\txtH{Nathan}{ Ihr St\"utzt?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~ Mit Recht! Wer sagt das?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich; der mehr,}
\txtB{Noch mehr Euch sagen kann. Ich straf indes}
\txtB{Euch keiner L\"uge.}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~ Nicht?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Kann doch wohl sein,}
\txtB{Dass jener Nam' Euch ebenfalls geb\"uhrt.}
\lino{3770}%
\txtH{Tempelherr}{ Das sollt ich meinen! --- (Das hie\3 Gott ihn sprechen!)}
\txtH{Nathan}{ Denn Eure Mutter --- die war eine Stauffin.}
\txtB{Ihr Bruder, Euer Ohm, der Euch erzogen,}
\txtB{Dem Eure Eltern Euch in Deutschland lie\3en,}
\txtB{Als, von dem rauen Himmel dort vertrieben,}
\txtB{Sie wieder hierzulande kamen: --- Der}
\txtB{Hie\3 Curd von Stauffen; mag an Kindes statt}
\txtB{Vielleicht Euch angenommen haben! --- Seid}
\txtB{Ihr lange schon mit ihm nun auch her\"uber}
\txtB{Gekommen? Und er lebt doch noch?}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was soll}
\lino{3780}%
\txtB{Ich sagen? --- Nathan! --- Allerdings! So ist's!}
\txtB{Er selbst ist tot. Ich kam erst mit der letzten}
\txtB{Verst\"arkung unsers Ordens. --- Aber, aber ---}
\txtB{Was hat mit diesem allen Rechas Bruder}
\txtB{Zu schaffen?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~ Euer Vater \ldots}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wie? auch den}
\txtB{Habt Ihr gekannt? Auch den?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Er war mein Freund.}
\txtH{Tempelherr}{}
\txtB{War Euer Freund? Ist's m\"oglich, Nathan! \ldots}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nannte}
\txtB{Sich Wolf von Filnek; aber war kein Deutscher \ldots}
\txtH{Tempelherr}{ Ihr wisst auch das?}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ War einer Deutschen nur}
\txtB{Verm\"ahlt; war Eurer Mutter nur nach Deutschland}
\txtB{Auf kurze Zeit gefolgt \ldots}
\lino{3790}%
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Nicht mehr! Ich bitt}
\txtB{Euch! --- Aber Rechas Bruder? Rechas Bruder \ldots}
\txtH{Nathan}{ Seid Ihr!}
\txtH{Tempelherr}{ ~~~~~~~ Ich? ich ihr Bruder?}
\txtH{Recha}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Er mein Bruder?}
\txtH{Sittah}{ Geschwister!}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Sie Geschwister!}
\txtI{Recha}{will auf ihn zu}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ah! mein Bruder!}
\txtI{Tempelherr}{tritt zur\"uck}{}
\txtB{Ihr Bruder!}
\txtI{Recha}{h\"alt an, und wendet sich zu Nathan}{}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Kann nicht sein! nicht sein! --- Sein Herz}
\txtB{Wei\3 nichts davon! --- Wir sind Betrieger! Gott!}
\txtI{Saladin}{zum Tempelherrn}{}
\txtB{Betrieger? wie? Das denkst du? kannst du denken?}
\txtB{Betrieger selbst! Denn alles ist erlogen}
\txtB{An dir: Gesicht und Stimm' und Gang! Nichts dein!}
\txtB{So eine Schwester nicht erkennen wollen! Geh!}
\txtI{Tempelherr}{sich dem\"utig ihm nahend}{}
\lino{3800}%
\txtB{Missdeut auch du nicht mein Erstaunen, Sultan!}
\txtB{Verkenn in einem Augenblick', in dem}
\txtB{Du schwerlich deinen Assad je gesehen,}
\txtB{Nicht ihn und mich! \textcolor{cDescr}{\em (Auf Nathan zueilend.)}}
\txtB{~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ihr nehmt und gebt mir, Nathan!}
\txtB{Mit vollen H\"anden beides! --- Nein! Ihr gebt}
\txtB{Mir mehr, als Ihr mir nehmt! unendlich mehr!}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Recha um den Hals fallend.)}}
\txtB{Ah meine Schwester! meine Schwester!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ~~~~~~~~~~~~ Blanda}
\txtB{Von Filnek!}
\txtH{Tempelherr}{ ~ Blanda? Blanda? --- Recha nicht?}
\txtB{Nicht Eure Recha mehr? --- Gott! Ihr versto\3t}
\txtB{Sie! gebt ihr ihren Christennamen wieder!}
\lino{3810}%
\txtB{Versto\3t sie meinetwegen! --- Nathan! Nathan!}
\txtB{Warum es sie entgelten lassen? sie!}
\txtH{Nathan}{ Und was? --- O meine Kinder! meine Kinder! ---}
\txtB{Denn meiner Tochter Bruder w\"ar mein Kind}
\txtB{Nicht auch, --- sobald er will?}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Indem er sich ihren Umarmungen \"uberl\"asst,}}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em tritt Saladin mit unruhigem Erstaunen zu seiner Schwester.)}}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Was sagst du, Schwester?}
\txtH{Sittah}{ Ich bin ger\"uhrt \ldots}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Und ich, --- ich schaudere}
\txtB{Vor einer gr\"o\3ern R\"uhrung fast zur\"uck!}
\txtB{Bereite dich nur drauf, so gut du kannst.}
\txtH{Sittah}{ Wie?}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~ Nathan, auf ein Wort! ein Wort! ---}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Indem Nathan zu ihm tritt, tritt Sittah zu dem Geschwister,}}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em ihm ihre Teilnehmung zu bezeigen; und Nathan und Saladin sprechen leiser.)}}
\txtB{H\"or! h\"or doch, Nathan! Sagtest du vorhin}
\txtB{Nicht ---?}
\txtH{Nathan}{ ~~~ Was?}
\lino{3820}%
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~ Aus Deutschland sei ihr Vater nicht}
\txtB{Gewesen; ein geborner Deutscher nicht.}
\txtB{Was war er denn? wo war er sonst denn her?}
\txtH{Nathan}{ Das hat er selbst mir nie vertrauen wollen.}
\txtB{Aus seinem Munde wei\3 ich nichts davon.}
\txtH{Saladin}{}
\txtB{Und war auch sonst kein Frank? kein Abendl\"ander?}
\txtH{Nathan}{ O! dass er der nicht sei, gestand er wohl. ---}
\txtB{Er sprach am liebsten Persisch \ldots}
\txtH{Saladin}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Persisch? Persisch?}
\txtB{Was will ich mehr? --- Er ist's! Er war es!}
\txtH{Nathan}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wer?}
\txtH{Saladin}{ Mein Bruder! ganz gewiss! Mein Assad! ganz}
\txtB{Gewiss!}
\lino{3830}%
\txtH{Nathan}{ ~~ Nun, wenn du selbst darauf verf\"allst: ---}
\txtB{Nimm die Versichrung hier in diesem Buche!}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Ihm das Brevier \"uberreichend.)}}
\txtI{Saladin}{es begierig aufschlagend}{}
\txtB{Ah! seine Hand! Auch die erkenn ich wieder!}
\txtH{Nathan}{ Noch wissen sie von nichts! Noch steht's bei dir}
\txtB{Allein, was sie davon erfahren sollen!}
\txtI{Saladin}{indes er darin gebl\"attert}{}
\txtB{Ich meines Bruders Kinder nicht erkennen?}
\txtB{Ich meine Neffen --- meine Kinder nicht?}
\txtB{Sie nicht erkennen? ich? Sie dir wohl lassen?}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Wieder laut.)}}
\txtB{Sie sind's! sie sind es, Sittah, sind! Sie sind's!}
\txtB{Sind beide meines \ldots deines Bruders Kinder!}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Er rennt in ihre Umarmungen.)}}
\txtI{Sittah}{ihm folgend}{}
\lino{3840}%
\txtB{Was h\"or ich! --- Konnt's auch anders, anders sein! ---}
\txtI{Saladin}{zum Tempelherrn}{}
\txtB{Nun musst du doch wohl, Trotzkopf, musst mich lieben!}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Zu Recha.)}}
\txtB{Nun bin ich doch, wozu ich mich erbot?}
\txtB{Magst wollen, oder nicht!}
\txtH{Sittah}{ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ich auch! ich auch!}
\txtI{Saladin}{zum Tempelherrn zur\"uck}{}
\txtB{Mein Sohn! mein Assad! meines Assads Sohn!}
\txtH{Tempelherr}{ Ich deines Bluts! --- So waren jene Tr\"aume,}
\txtB{Womit man meine Kindheit wiegte, doch ---}
\txtB{Doch mehr als Tr\"aume! \textcolor{cDescr}{\em (Ihm zu F\"u\3en fallend.)}}
\txtI{Saladin}{ihn aufhebend}{ ~~ Seht den B\"osewicht!}
\txtB{Er wusste was davon, und konnte mich}
\txtB{Zu seinem M\"order machen wollen! Wart!}
\txtB{\textcolor{cDescr}{\em (Unter stummer Wiederholung allerseitiger Umarmungen f\"allt der Vorhang.)}}
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\end{document}
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