Graafschap

Die Graafschap (dt.: Grafschaft, Aussprache wie "ch-raaf-s-chaft") ist eine Region im Osten der Niederlande in der Provinz Gelderland und besteht aus dem Gebiet zwischen der IJssel im Westen, der Oude IJssel im Südwesten, der deutschen Grenze im Süden und Osten und den zur Provinz Overijssel gehörenden Regionen Salland und Twente im Norden. Wegen seiner Lage im äußersten Osten des Landes wird der Landstrich auch Achterhoek (dt.: "hinterer Winkel", Aussprache wie: "achterhuk") genannt.

Teilregionen

Die Graafschap/Achterhoek kann geographisch und geschichtlich wieder in verschiedene Unterregionen unterteilt werden:

  • IJsselstreek (die Gegend um Zutphen)
  • De Liemers (ehemals klevische Enklaven innerhalb der Republik der Sieben Vereinigten Niederlande; katholisch geprägt. Dazu gehören Zevenaar, Didam, Tolkamer und einige andere Dörfer zwischen dem bewaldeten Hügel Montferland (im Norden), der deutschen Grenze im Osten und Süden, dem Niederrhein im Westen und der IJssel im Nordwesten.)
  • Der eigentliche Achterhoek.

Hintergrund

Die Graafschap besteht aus Gebieten, die ursprünglich von diversen Grafen beherrscht wurden. Der westlichste (und größte) Teil entspricht in etwa der früheren Grafschaft Zutphen. Im Nordosten befand sich die Herrlichkeit Borculo (dazu gehörten u.a. die Dörfer Borculo, Lichtenvoorde, Neede, Eibergen sowie die Stadt Groenlo). Das Gebiet wurde von den Herren von Bronckhorst regiert.

Die im Südwesten dieser beiden Gebiete liegende Landschaft wird De Liemers genannt. Heutzutage rechnet man sie ebenfalls zum Achterhoek, doch eigentlich hat sie wenig damit zu tun.

Doetinchem, Winterswijk und Zutphen sind die größten Ortschaften in der Graafschap. Doetinchem ist mit 56.000 Einwohnern der mit Abstand größte Ort und wird wegen seiner zentralen Lage oft auch als Hauptstadt des Achterhoek bezeichnet.

Religion

Ursprünglich war der Achterhoek zum großen Teil Nederlands Hervormd (gemäßigte Ausführung der Calvinisten; Abkürzung NH). Dazwischen gab es einige Katholische (RK) Enklaven, unter anderem in den ehemaligen Gemeinden Bergh und Wehl, in De Liemers um Zevenaar sowie den Orten Groenlo und Lichtenvoorde. Wegen der wachsenden Säkularisierung nimmt die Zahl der Gläubigen, und vor allem die der Kirchgänger, in den letzten Jahrzehnten stetig ab. Für das Jahr 2003 gab das Zentrale Statistikamt (CBS) für die Achterhoeker Bevölkerung folgende Zahlen an:

  • 34,4% römisch-katholisch,
  • 23,9% Nederlands Hervormd,
  • 4,7% gereformeerd (streng-calvinistisch),
  • 3% moslemisch,
  • 5,1% sonstige,
  • 31,2% ohne kirchliches Bekenntnis.

Geschichte

Ursprünglich war der Achterhoek ein wildes unzugängliches Gebiet mit viel Wald und später auch Heide. Die erste menschliche Besiedlung gibt es seit ± 8800 v. Chr. Vermutlich lebten hier vor der Völkerwanderung die germanischen Stämme der Brukterer und Chamaver, nach der Völkerwanderung ließen sich hier die Sachsen nieder. Erstmals schriftlich erwähnt wurd das Gebiet zur Zeit seiner Christianisierung (zum Ende des 8. Jh.). Doetinchem, Terborg und Zutphen erhielten schon früh Stadtrechte, der übrige Teil des Gebiets blieb vorwiegend ländlich geprägt. Verschiedene geldrische Familien bekämpften sich sehr erbittert während des Geldrischen Nachfolgekriegs (1371-1379). Im Mittelalter bildete sich im Achterhoek eine Feudalgesellschaft heraus, die bis ins 19. Jh. Bestand hatte. Die Herrschaft der Grafschaft Zutphen dehnte sich im Verlauf des 13. und 14. Jh. langsam auf den überwiegenden Teil des Achterhoek auf. Nur die Herrschaft Borculo wusste bis 1777 unabhängig zu bleiben. Das führte allerdings auch dazu, dass sie nicht dem Westfälischen Friedensvertrag von 1648 unterlag, der die Unabhängigkeit der Republik der Sieben Vereinten Niederlande besiegelte und regelmäßig vom benachbarten Bistum Münster okkupiert wurde. Erst mit dem Kauf dieses Ministaats durch das Haus Oranien ist die ehemalige Herrschaft endgültig mit den Niederlanden verbunden.

Die Industrialisierung hat um den größten Teil des Achterhoek einen weiten Bogen geschlagen. Nur im Gebiet an beiden Seiten der Oude IJssel entstand dank der Anwesenheit von raseneisensteinhaltigem Boden im 18. Jh. eine Eisenindustrie in und um die Orte Ulft, Terborg, Doetinchem und Keppel. Der Rest des Achterhoek wurde erst zu Beginn des 20. Jh. kultiviert: Wälder wurden abgeholzt für die Holzindustrie, Heideflächen in Ackerböden umgewandelt etc. Ab der 2. Hälfte des 19. Jh. wurde von staatlicher und privater Seite in die Infrastruktur des Gebiets investiert und Eisenbahnen angelegt, die Orte wie Winterswijk, Doetinchem und Lochem mit der großen weiten Welt verbanden. Auch nach Deutschland führten einige Strecken, die inzwischen aber schon längst wieder stillgelegt sind. Im 20. Jh. kamen die billiger anzulegenden Überlandstraßenbahnen hinzu. Auch davon ist nichts übrig geblieben.

Heute hat der Rückgang der Landwirtschaft zu einer Zunahme des Tourismus geführt. Der Achterhoek ist sehr beliebt bei Ruhesuchenden, aber auch bei aktiven Erholungssuchenden, da er Möglichkeiten für Outdoor-Aktivitäten wie Fahrradfahren, Wandern, Reiten, Nordic Walking, Rudern oder Ballonfahren bietet.

Natur und Kultur

Der Achterhoek zählt 70 Landhäuser und Schlösser, mindestens genauso viele Landgüter und auffallend viele schöne Bauernhöfe. Zusammen mit den Gewässern (darunter viele leider kanalisierte Bäche), Wäldern und Wallhecken ergibt das das ideale Dekor für eine Radtour. Routen gibt es reichlich, sowohl mit als auch ohne Schilder. Reizvolle Wandergebiete gibt es auch, so z.B. das Montferland (1,6 m), der Lochemse Berg (49,2 m), die Gegend um Winterswijk oder einige Moorgebiete an der Ostgrenze zu Deutschland wie das Korenburgerveen und das Vragenderveen. Diese Region ist kein Gebiet des Massentourismus, trotzdem hat es Einiges zu bieten: alte Kirchen, Museen und mehr Museumsbauernhöfe als aufgezählt werden können.

Kulissenlandschaft

Als coulisselandschap ("Kulissenlandschaft") bezeichnet man im Niederländischen eine halboffene Landschaft, der die Bepflanzung den Charakter einer Theaterbühne mit Kulissen gibt.

Die Bepflanzung besteht dabei vor allem aus vielen Feldern, die von Wallhecken, Knicks, kleinen Wegen, Flüssen und Bächen abgegrenzt sind. Zieht man durch eine solche Landschaft, kommen hinter den Hecken Landschaftselemente zum Vorschein, um kurze Zeit später wieder zu verschwinden.

Gerade das Gebiet um Winterswijk ist eine typische Kulissenlandschaft. Andere Beispiele für diesen Landschaftstyp sind in den Niederlanden die Friese Wouden, das südliche Westerkwartier zwischen der A 7 und Jonkersvaart, der Groene Woud in Noord-Brabant und die Region Twente in Overijssel. Das Pays de Herve, nördlich von Lüttich, ist ein Beispiel für eine solche Kulissenlandschaft in Belgien, in Frankreich spricht man von Bocage. Diese kommt in der Normandie, der Bretagne und im Pays de la Loire vor.

Übernachten in der Natur

Die beruhigende Wirkung der Achterhoeker Landschaft kann man hervorragend auf einem der vielen Naturzeltplätze (auch auf englisch) genießen.

Sprache

Im Achterhoek wird ursprünglich eine Variante des Niedersächsischen gesprochen: das Achterhoeks, oder auch einfach Plat genannt. Einwohner, die nur Niedersächsisch sprechen, werden langsam selten. Die meisten Menschen werden heutzutage zweisprachig erzogen, oft Achterhoeks zu Hause und Niederländisch in der Schule. Vor allem wegen der Einwanderung sowie der (behördlichen) Einmischung aus dem Westen hat das Niederländische viel Einfluss auf den Achterhoeker Dialekt erhalten. Viele alte Worte sind vergessen oder durch aus dem Niederländischen abgeleitete Worte ersetzt worden.

Aktivitäten

Orte

Seit der Kommunalreform von 2005 gibt es nur noch zehn Gemeinden im Achterhoek. Zu den größeren oder touristisch interessanten Orten gehören die nachfolgend in Klammern Aufgezählten.

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